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Rückkehr der Taille : Wie in den Fünfzigern

Taille-Hüft-Verhältnis von 0,67: Marilyn Monroe in „The Seven Year Itch“ von 1955 Bild: ddp images/Capital Pictures

Ästhetisch und evolutionsbiologisch sinnvoll: Die Taille, seit jeher ein Dreh- und Angelpunkt der Modedesigner, ist wieder da. Gilt das auch für deutsche Frauen? Oder ist schon der Gedanke sexistisch?

          Schon dieses Wort: Taille! Das klingt wie „Eleganz“. Oder „Cocktailkleid“. Oder „exklusiv“. Oder „sich schick machen“. Wörter aus Omas Nähkästchen, ein Vokabular von vorgestern, heute kaum noch gut genug für einen Versandhauskatalog. Apropos: „Versandhaus“ und „Katalog“, das sind auch so abgestandene Wörter in Zeiten von Net-a-Porter und Zalando. Die „Wespentaille“ gehört erst recht zu den aussterbenden Arten.

          Alfons  Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Und doch, sie ist irgendwie da, die Taille. Man musste nur auf die Couture-Kleider für Frühjahr und Sommer schauen, die vergangene Woche in Paris über die Bühne gingen. Bei Dior schienen die Frauen - ganz wie zu Christian Diors Zeiten - einem Blütenkelch zu entwachsen. Bustierkleider mit bauschigen Röcken bildeten die Form einer Sanduhr. Bolerojäckchen und betonte Hüfte ließen den Blick frei auf jene magische schmalste Stelle des Rumpfes, die den Körper in reizvolle Proportionen setzt und für Modemacher seit jeher ein Dreh- und Angelpunkt ist. Wie gerufen für die Taillen-These saß denn auch prompt - beim Modemacher Alexis Mabille - Dita Van Teese in der ersten Reihe, mit eng gegürtetem schwarzen Kleid.

          Schönheit liege eben im Auge des Betrachters

          Wir sprechen hier nicht von Gefühlen, nur damit das klar ist, sondern von Wissenschaft. Das Taille-Hüft-Verhältnis (THV) ist eine Maßeinheit für die Attraktivität einer Frau. Steht die Taille im Verhältnis von weniger als 0,7 zur Hüfte, werden Frauen als attraktiver beurteilt als bei einem Wert, der auf die 1 zugeht. Das fand Devendra Singh von der Universität von Texas in Austin im Jahr 1993 heraus. Der Psychologe hatte seinen 700 Probanden vor allem „Playmates des Monats“ aus dem „Playboy“ von 1955 bis 1990 vorgelegt.

          Vielleicht befürchtete Singh selbst, dass ein solches Setting hormongesteuert falsche Ergebnisse hervorgebracht haben könnte. Also legte er 2007 in den „Proceedings of the Royal Society B“ mit einer Studie zur britischen und universalen Literaturgeschichte nach. Bisher, so das Ergebnis, habe man geglaubt, die Maßstäbe seien willkürlich, Schönheit liege eben im Auge des Betrachters. Weil aber so viele Schriftsteller eine schmale Taille schön nannten, sei dieser Körperteil ein kulturübergreifendes Merkmal weiblicher Schönheit. Hätte man sich natürlich fast denken können: Eine Cindy aus Marzahn ist eben keine Venus von Milo.

          Und erst recht keine Marilyn Monroe. Schade, dass die alten englischen Lyriker die amerikanische Schauspielerin nicht mehr erleben konnten: William Shakespeare hätte womöglich mehr als 154 Sonette gedichtet, und Percy Bysshe Shelley wäre ein bisschen expliziter geworden. Denn Marilyn hatte ein THV von 0,67. Klarer Fall für konkrete Poesie!

          Die fruchtbaren Jahre sind vorbei, die Taille verschwindet

          Kulturübergreifende Schönheit: Da ist man schnell bei der Evolutionsbiologie. Die Lebensstadien einer Frau führen in die gleiche Richtung. Erst mit der Pubertät bildet sich bei Mädchen mit Brust und Hüfte eine Sanduhr-Silhouette heraus. Mit eigenen Kindern und den Wechseljahren geht das THV der Frauen in bedrohlichem Maß Richtung 1 und gerne auch darüber hinaus: Die fruchtbaren Jahre sind vorbei, die Taille verschwindet, die Attraktivität auch. So schnöde ist das also: Die Taille ist nur ein fieses Mittel der Arterhaltung, die eingebaute Garantie von Mutter Natur, dass die Menschen nicht so schnell von diesem Planeten verschwinden.

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          Und die Anziehungskraft ist nur ein anderes Wort für Gesundheit. In der Medizin weiß man durch den Taille-Hüft-Quotienten, wo die Fettdepots sitzen. Der Apfeltyp hat ein höheres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Diabetes, Bluthochdruck, viel LDL-Cholesterin, wenig gefäßschützendes HDL-Cholesterin sowie Ablagerungen an den Innenwänden der Arterien können die Folge sein. Keine andere Körperpartie ist ein so guter Indikator für die Gesundheitsaussichten eines Menschen. Und wenn die Evolution wirklich nur die Fitten überleben lässt, dann ist es kein Wunder, dass Frauen bei Männern den Six-Pack einem One-Pack vorziehen - und dass sich wiederum die Männer in blitzschneller Sanduhr-Kalkulation davon überzeugen, dass in den oberflächlichen Eindruck auch das Versprechen auf gesunden Nachwuchs und langes Leben eingebaut ist.

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