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Veröffentlicht: 05.05.2012, 19:23 Uhr

Paul Smith im Gespräch „Ausrufezeichen der Mode“

Kanariengelb! Türkis! Magenta! Kann man als Mann dem Uniformgedanken entfliehen, ohne dabei gleich wie ein Papagei auszusehen? Der britische Designer Paul Smith über Phantasie als i-Tüpfelchen des guten Stils.

© Paul Smith Spiegel seiner selbst: Paul Smiths Mode hat so viel Humor wie der Designer.

Mr. Smith, in den siebziger Jahren trugen Sie Anzüge in Lila und Hemden mit Blumenmuster. Was tragen Sie heute?

An den Füßen trage ich natürlich ein Paar gestreifte Socken, und die Manschetten meines Hemdes sind bestickt. Darüber habe ich ein dunkelblaues Jackett gezogen, und die Hose ist dunkelgrün. Die Farbe ist also immer noch da, sie ist nur etwas klassischer. Oh, und das Innenfutter meiner Jacke ist orange. Das ist etwas, was mich zum Lachen bringt, und was niemand außer mir weiß. Ich könnte so den Premierminister treffen. Die eine Seite ist politisch korrekt, die andere Rock ’n’ Roll.

Die Farbe ist also versteckter?

Ja. Damals kamen wir gerade aus den Sechzigern. Die Zeit, als sich die Menschen modisch freier äußern konnten. Heute nehmen die meisten ihr Leben viel ernster.

Und kleiden sich dazu passend entsprechend schlichter. Wie kann man denn heute als Mann interessant angezogen sein, ohne dabei wie ein Hampelmann auszusehen?

Es geht letztendlich nur darum, sich selbst zu kennen, seinen Charakter und seine Lebensweisen. Aber prinzipiell finde ich, dass Accessoires sehr nützlich in der Garderobe eines Mannes sind. Krawatten, Manschettenknöpfe oder Socken sind Dinge, mit denen man sich als Mann modisch gut äußern kann. Mit diesen Accessoires verhält es sich so wie mit einem Ausrufezeichen in einem Satz. Man könnte auch verschiedene Muster miteinander kombinieren.

Wirklich, wie denn? Das könnte unter Umständen doch ganz grässlich aussehen.

Stimmt, die Gefahr besteht in der Tat. Das hätte ich wohl besser nicht sagen sollen. (Lacht.) Es geht aber wirklich nur darum, Spaß zu haben und experimentierfreudig zu sein.

In Ihrem neuen Buch „Paul Smith A-Z“ schreiben Sie, dass das Blumenmuster für Sie noch immer für Freiheit steht. Wie kann man das denn heutzutage als Mann tragen?

Wir verkaufen heute tatsächlich noch Hemden mit Blumenmuster für Männer, aber der Unterschied zu früher ist, dass die Blumen sehr viel feiner sind. Aus der Entfernung sieht man sie gar nicht. Man erkennt nur ein Muster. Bei charismatischen Menschen kann so ein Blumenmuster im Outfit doch parallel zum lebensfrohen Wesen laufen. Wenn man hingegen still und eher schüchtern ist, dann funktionieren Blumen natürlich gar nicht. Überhaupt, mir gefällt der Gedanke, dass der Modeaspekt für Männer nicht zu offensichtlich daliegt. Es ist eher das verborgene Geheimnis, wie bei meiner Jacke heute mit dem orangefarbenen Innenfutter. Die meisten Männer sind, was Mode anbelangt, sehr konservativ, aber der Spaß, den man nicht sofort sieht, gefällt ihnen schon.

Mut zum Stil © Dieter Rüchel Bilderstrecke 

Was halten Sie eigentlich von dem Stil der Hipster?

Meinen Sie die Hosen?

Nein, die modisch besonders auffällig gekleideten jungen Männer.

Ach so. Normalerweise sehnen sich besonders auffällig gekleidete Menschen nur nach mehr Aufmerksamkeit. Aber ehrlich gesagt ist das nichts, was mich weiter beschäftigt. Ich glaube, man sieht am modernsten und besten gekleidet aus, wenn man modisch nur mit einem Hauch Selbstdarstellung arbeitet.

Mode für Männer ist viel zeitloser als für Frauen. Dennoch, wo sehen Sie Veränderungen in den vergangenen Jahren?

Es hat sich sogar sehr viel verändert, der Wandel ist nur subtiler. Die Jacken sind zum Beispiel, da das Schulterpolster der achtziger Jahre verschwunden ist, viel schmaler und weicher. Die Hosen sind einen Tick kürzer.

Welchen Mann halten Sie denn für gut angezogen?

Musiker wie Nick Cave zum Beispiel.

Wie sieht es denn mit Jack White aus? Den erwähnen Sie in Ihrem Buch.

Jack White ist interessant. Der hatte von Anfang an optisch eine klare Vision. Die Verpackungen seiner Musik, ob CDs oder Schallplatten, waren immer rot, weiß, schwarz. Er trug nur Kleidung in Rot, Weiß, Schwarz. So war Mode in seinem Fall ein großartiges Werkzeug des Marketings.

Wie schaffen Sie es eigentlich, dass das Streifenmuster nach all den Jahren nicht langweilig geworden ist?

Wir verwenden es gar nicht mehr so oft wie früher. Damals war es wirklich offensichtlich, wir bedruckten damit sogar unsere Einkaufstüten. Jetzt sind auch die Streifen subtiler.

Wie sind Sie damals überhaupt auf die Streifen gekommen?

Männer tragen ja schon seit eh und je dieses eine Streifenmuster auf ihren Hemden. Eines Tages, in den Neunzigern, kam ich dann auf die Idee, das maßgeblichste Streifenmuster überhaupt zu zeichnen. Ich wollte darin mehr Streifen unterbringen als sonst irgendjemand. Das Muster war zunächst nur für eine Saison gedacht. Und in der nächsten fragten mich die Leute dann, wo es denn geblieben sei. Und hier bin ich jetzt, zwanzig Jahre später.

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