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Mailänder Modewoche : Italien wählt die Vergangenheit

Dolce & Gabbana: Organza, Seide und Königskronen mit Steinchen und Kristallen Bild: AP

Die Mode-Designer beschwören die alten Werte. Vielleicht braucht das Krisenland ja genau jetzt diese Erinnerung an Altes und Bewährtes. Da kommt das Thema Pelz gerade recht.

          Kaum hat er nach der Schau backstage alle Gratulanten geherzt, kommt eine grauhaarige Dame aus dem Zuschauerraum geschritten. „Mamma!“ Stefano Gabbana mag ein abgeklärter Typ sein, aber wenn die Mutter um die Ecke biegt, dann schmilzt das Herz des coolsten Italieners. Er nimmt sie in den Arm und an den Arm und führt sie hinunter in den Keller, wo Models und Mitarbeiter gerade die Champagnerkorken knallen lassen.

          Alfons  Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Was haben die Italiener denn sonst? Am Sonntag, als die Schau von Dolce & Gabbana als einer der wenigen Höhepunkte der Mailänder Modewoche über die Bühne geht, ist gerade eine Schicksalswahl. Die Politik ein Durcheinander, die Wirtschaft schwächelt, und der Glaube an die Institutionen schwindet. Woran soll man sich da noch halten? Dolce & Gabbana texten die Antwort mit Textilien: an ihr Land, an den Glauben, an die Geschichte, an die Familie.

          Das klingt pathetisch und sieht auch so aus. Aber angesichts all der Verunsicherung im Land, die auch der auf ein gutes nationales Image angewiesenen Luxusbranche schaden könnte, kann man es immerhin eine positive Aussage nennen. Im Gegensatz zu rätselhaften Kollektionen wie Missoni, wo man fast ganz auf den sonst so starken Strick verzichtet zugunsten einer gehobenen Loungewear mit Schlafzimmerblick, oder zur Armani-Zweitlinie Emporio, bei der der Altmeister schon jetzt den kommenden Winter aufhellen möchte, aber viel pudrige und pastellige Beliebigkeit ausbreitet.

          Wo bleibt da die identità, die italianità?

          Dolce & Gabbana müssen also gewissermaßen doppelt zulangen. Dabei interpretieren sie die italienische Identität großzügig, indem sie ausgiebig die prächtigen byzantinischen Goldgrund-Mosaiken der Kathedrale von Monreale auf Sizilien zitieren. Schon das kann man an diesem Wahlsonntag als politische Botschaft interpretieren: Die Italiener waren nämlich schon vor 800 Jahren nicht national isoliert, sondern international verbandelt, abzulesen am normannisch-arabisch-byzantinischen Baustil der Kathedrale von Domenico Dolces Heimatinsel.

          Die goldenen Mosaikmotive sind also als Drucke auf Organza und Seide zu sehen. Eine Königskrone wird zum Einsatz aus Steinchen und Kristallen im Oberteil. Kleine Henkeltaschen tragen ein Medaillon der Heiligen Agatha, der Schutzpatronin von Catania. Und selbst die Sonnenbrillen zieren goldene Filigranarbeiten. Außer künstlerischem, historischem und religiösem Anspruch bedienen die beiden Designer also auch den neuen Sinn der Mode für Trompe-l’œil-Drucke.

          Jil Sander: Schürzen-Schnitte, ungewöhnliche Silhouetten, Farben wie Schiefergrau oder Himmelblau
          Jil Sander: Schürzen-Schnitte, ungewöhnliche Silhouetten, Farben wie Schiefergrau oder Himmelblau : Bild: AFP

          Den Überschwang in Kleider stecken - das ist eigentlich italienisches core business. Die mit Lack und Leder arg sexualisierte Kollektion von Versace zeigt, dass das auch gefährlich sein kann. Sogar bei Pucci stöckelt auf allzu dünnen Hacken und in allzu kurzen Röcken ein antiquiertes Frauenbild durch den Saal: so sexy, dass es kracht. Und schon sind wir bei Philipp Plein. Der deutsche Designer, der nach eigenen Worten „polarisiert“, bringt von goldenen Daunenjacken bis zu nietenbesetzten Plateau-High-Heels eine staunenswert indezente Kollektion auf den Laufsteg.

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