Home
http://www.faz.net/-hs1-778wp
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Mailänder Modewoche Italien wählt die Vergangenheit

Die Mode-Designer beschwören die alten Werte. Vielleicht braucht das Krisenland ja genau jetzt diese Erinnerung an Altes und Bewährtes. Da kommt das Thema Pelz gerade recht.

© AP Dolce & Gabbana: Organza, Seide und Königskronen mit Steinchen und Kristallen

Kaum hat er nach der Schau backstage alle Gratulanten geherzt, kommt eine grauhaarige Dame aus dem Zuschauerraum geschritten. „Mamma!“ Stefano Gabbana mag ein abgeklärter Typ sein, aber wenn die Mutter um die Ecke biegt, dann schmilzt das Herz des coolsten Italieners. Er nimmt sie in den Arm und an den Arm und führt sie hinunter in den Keller, wo Models und Mitarbeiter gerade die Champagnerkorken knallen lassen.

Alfons  Kaiser Folgen:

Was haben die Italiener denn sonst? Am Sonntag, als die Schau von Dolce & Gabbana als einer der wenigen Höhepunkte der Mailänder Modewoche über die Bühne geht, ist gerade eine Schicksalswahl. Die Politik ein Durcheinander, die Wirtschaft schwächelt, und der Glaube an die Institutionen schwindet. Woran soll man sich da noch halten? Dolce & Gabbana texten die Antwort mit Textilien: an ihr Land, an den Glauben, an die Geschichte, an die Familie.

Das klingt pathetisch und sieht auch so aus. Aber angesichts all der Verunsicherung im Land, die auch der auf ein gutes nationales Image angewiesenen Luxusbranche schaden könnte, kann man es immerhin eine positive Aussage nennen. Im Gegensatz zu rätselhaften Kollektionen wie Missoni, wo man fast ganz auf den sonst so starken Strick verzichtet zugunsten einer gehobenen Loungewear mit Schlafzimmerblick, oder zur Armani-Zweitlinie Emporio, bei der der Altmeister schon jetzt den kommenden Winter aufhellen möchte, aber viel pudrige und pastellige Beliebigkeit ausbreitet.

Wo bleibt da die identità, die italianità?

Dolce & Gabbana müssen also gewissermaßen doppelt zulangen. Dabei interpretieren sie die italienische Identität großzügig, indem sie ausgiebig die prächtigen byzantinischen Goldgrund-Mosaiken der Kathedrale von Monreale auf Sizilien zitieren. Schon das kann man an diesem Wahlsonntag als politische Botschaft interpretieren: Die Italiener waren nämlich schon vor 800 Jahren nicht national isoliert, sondern international verbandelt, abzulesen am normannisch-arabisch-byzantinischen Baustil der Kathedrale von Domenico Dolces Heimatinsel.

Die goldenen Mosaikmotive sind also als Drucke auf Organza und Seide zu sehen. Eine Königskrone wird zum Einsatz aus Steinchen und Kristallen im Oberteil. Kleine Henkeltaschen tragen ein Medaillon der Heiligen Agatha, der Schutzpatronin von Catania. Und selbst die Sonnenbrillen zieren goldene Filigranarbeiten. Außer künstlerischem, historischem und religiösem Anspruch bedienen die beiden Designer also auch den neuen Sinn der Mode für Trompe-l’œil-Drucke.

23381050 © AFP Vergrößern Jil Sander: Schürzen-Schnitte, ungewöhnliche Silhouetten, Farben wie Schiefergrau oder Himmelblau

Den Überschwang in Kleider stecken - das ist eigentlich italienisches core business. Die mit Lack und Leder arg sexualisierte Kollektion von Versace zeigt, dass das auch gefährlich sein kann. Sogar bei Pucci stöckelt auf allzu dünnen Hacken und in allzu kurzen Röcken ein antiquiertes Frauenbild durch den Saal: so sexy, dass es kracht. Und schon sind wir bei Philipp Plein. Der deutsche Designer, der nach eigenen Worten „polarisiert“, bringt von goldenen Daunenjacken bis zu nietenbesetzten Plateau-High-Heels eine staunenswert indezente Kollektion auf den Laufsteg.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Fast Fashion in Hamburg Die Narben hinter den Nähten

Viele Modeausstellungen wollen den Betrachter mit Opulenz überwältigen. Nicht in Hamburg: Dort widmet sich die Schau Fast Fashion den Abgründen der Industrie. Mehr Von Lena Bopp

28.07.2015, 13:18 Uhr | Feuilleton
Mailänder Modewoche Designer holt Menschen mit Behinderung auf den Catwalk

Er hat für Armani gearbeitet und Outfits für Lady Gaga entworfen: Jetzt hat Antonio Urzì auf der Mailänder Modewoche eine ganz besondere Kollektion vorgestellt. Extravagante Entwürfe für Menschen mit und ohne Behinderungen. Mehr

03.03.2015, 09:29 Uhr | Stil
Tarnung im Tierreich Saphir-Krebs macht sich unsichtbar

Der Saphir-Krebs schillert je nach Art mal leuchtend rot, mal intensiv blau - und den Trick mit dem Unsichtbarmachen kann er auch. Wie genau der Kniff mit der Tarnung funktioniert, haben Forscher nun herausgefunden. Mehr Von Anne Bäurle

24.07.2015, 19:23 Uhr | Wissen
Mailand Elton John ruft zum Boykott von Dolce & Gabbana auf

Der Popstar Elton John zeigte sich empört über Äußerungen der Modemacher Dolce & Gabbana zum Thema künstliche Befruchtung und gleichgeschlechtliche Elternschaft. Über Instagram rief er zum Boykott auf. Mehr

16.03.2015, 16:01 Uhr | Stil
Männerfüße Lauf dich frei

Männer und Sandalen – das galt lange als Fauxpas. Nur Albert Einstein lief in Sandalen für Damen herum. Heute hingegen sind Mandals das Sommer-Accessoire des Großstädters. Mehr Von Ulf Lippitz

23.07.2015, 07:19 Uhr | Stil

Veröffentlicht: 26.02.2013, 17:12 Uhr