http://www.faz.net/-hs1-778wp
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 26.02.2013, 17:12 Uhr

Mailänder Modewoche Italien wählt die Vergangenheit

Die Mode-Designer beschwören die alten Werte. Vielleicht braucht das Krisenland ja genau jetzt diese Erinnerung an Altes und Bewährtes. Da kommt das Thema Pelz gerade recht.

von , Mailand
© AP Dolce & Gabbana: Organza, Seide und Königskronen mit Steinchen und Kristallen

Kaum hat er nach der Schau backstage alle Gratulanten geherzt, kommt eine grauhaarige Dame aus dem Zuschauerraum geschritten. „Mamma!“ Stefano Gabbana mag ein abgeklärter Typ sein, aber wenn die Mutter um die Ecke biegt, dann schmilzt das Herz des coolsten Italieners. Er nimmt sie in den Arm und an den Arm und führt sie hinunter in den Keller, wo Models und Mitarbeiter gerade die Champagnerkorken knallen lassen.

Alfons  Kaiser Folgen:

Was haben die Italiener denn sonst? Am Sonntag, als die Schau von Dolce & Gabbana als einer der wenigen Höhepunkte der Mailänder Modewoche über die Bühne geht, ist gerade eine Schicksalswahl. Die Politik ein Durcheinander, die Wirtschaft schwächelt, und der Glaube an die Institutionen schwindet. Woran soll man sich da noch halten? Dolce & Gabbana texten die Antwort mit Textilien: an ihr Land, an den Glauben, an die Geschichte, an die Familie.

Das klingt pathetisch und sieht auch so aus. Aber angesichts all der Verunsicherung im Land, die auch der auf ein gutes nationales Image angewiesenen Luxusbranche schaden könnte, kann man es immerhin eine positive Aussage nennen. Im Gegensatz zu rätselhaften Kollektionen wie Missoni, wo man fast ganz auf den sonst so starken Strick verzichtet zugunsten einer gehobenen Loungewear mit Schlafzimmerblick, oder zur Armani-Zweitlinie Emporio, bei der der Altmeister schon jetzt den kommenden Winter aufhellen möchte, aber viel pudrige und pastellige Beliebigkeit ausbreitet.

Wo bleibt da die identità, die italianità?

Dolce & Gabbana müssen also gewissermaßen doppelt zulangen. Dabei interpretieren sie die italienische Identität großzügig, indem sie ausgiebig die prächtigen byzantinischen Goldgrund-Mosaiken der Kathedrale von Monreale auf Sizilien zitieren. Schon das kann man an diesem Wahlsonntag als politische Botschaft interpretieren: Die Italiener waren nämlich schon vor 800 Jahren nicht national isoliert, sondern international verbandelt, abzulesen am normannisch-arabisch-byzantinischen Baustil der Kathedrale von Domenico Dolces Heimatinsel.

Die goldenen Mosaikmotive sind also als Drucke auf Organza und Seide zu sehen. Eine Königskrone wird zum Einsatz aus Steinchen und Kristallen im Oberteil. Kleine Henkeltaschen tragen ein Medaillon der Heiligen Agatha, der Schutzpatronin von Catania. Und selbst die Sonnenbrillen zieren goldene Filigranarbeiten. Außer künstlerischem, historischem und religiösem Anspruch bedienen die beiden Designer also auch den neuen Sinn der Mode für Trompe-l’œil-Drucke.

23381050 © AFP Vergrößern Jil Sander: Schürzen-Schnitte, ungewöhnliche Silhouetten, Farben wie Schiefergrau oder Himmelblau

Den Überschwang in Kleider stecken - das ist eigentlich italienisches core business. Die mit Lack und Leder arg sexualisierte Kollektion von Versace zeigt, dass das auch gefährlich sein kann. Sogar bei Pucci stöckelt auf allzu dünnen Hacken und in allzu kurzen Röcken ein antiquiertes Frauenbild durch den Saal: so sexy, dass es kracht. Und schon sind wir bei Philipp Plein. Der deutsche Designer, der nach eigenen Worten „polarisiert“, bringt von goldenen Daunenjacken bis zu nietenbesetzten Plateau-High-Heels eine staunenswert indezente Kollektion auf den Laufsteg.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Neuer Schuhtrend Pantoffelhelden aus dem Orient

Maghrebinische Slipper erobern die Modewelt – eine Rückbesinnung auf die Schönheit des Orients. Aber muss es überhaupt die Luxusvariante sein? Mehr Von Celina Plag, Berlin

17.08.2016, 17:22 Uhr | Stil
Amerikanischer Wahlkampf Trump-Imitator gefragter denn je

John Di Domenico arbeitet seit mehr als zehn Jahren als Trump-Imitator. Seit der Milliardär ins Rennen um die amerikanische Präsidentschaft eingestiegen ist, sind Di Domenico und seine blonde Perücke gefragter denn je. Mehr

11.08.2016, 19:34 Uhr | Gesellschaft
Designer Heinz Oestergaard Mode für Millionen – und für die Polizei

Er kleidete Prostituierte, Polizisten, Leinwanddiven und Versandhauskundinnen ein: Heinz Oestergaard gilt als wichtigster deutscher Modedesigner der Nachkriegszeit. Nun jährt sich sein Geburtstag zum 100. Mal. Mehr

14.08.2016, 20:12 Uhr | Stil
Elba Napoleons italienische Insel

Napoleon Bonaparte hat sie weltweit berühmt gemacht: Elba, die nach Sizilien und Sardinien drittgrößte Insel Italiens. Aber nicht nur wegen ihrer Geschichte, auch wegen der Buchten und Strände ist die Insel beliebt. Mehr

05.08.2016, 19:11 Uhr | Reise
Schicker Eismann Ötzi - der Ur-Designer aus den Alpen

Wie waren die Kleider und die Requisiten der italienisch-österreichischen Gletschermumie einst beschaffen? Genanalysen liefern neue Erkenntnisse. Mehr Von Miray Caliskan

19.08.2016, 12:27 Uhr | Wissen