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Veröffentlicht: 22.04.2008, 13:16 Uhr

Katholische Nachwuchswerbung Mit der Mönchskutte auf den Laufsteg

Die katholische Kirche in Polen läßt sich Einiges einfallen, um geistlichen Nachwuchs zu gewinnen. Nun hat sie das Thema „Mode“ für sich entdeckt. Die katholische Universität Lublin veranstaltete eine Modenschau für Ordenstrachten und Priestergewänder.

© AFP Modenschau in der katholischen Universität Lublin

Modenschauen für Ordensgewänder und Mönche und Nonnen, die als Models auftreten - das kannte man bislang allenfalls als Szene aus Fellinis Film „Roma“. In Polen ist dies nun Wirklichkeit geworden.

Mit strahlendem Lächeln schreitet eine hübsche junge Frau über den roten Teppich, gekleidet in eine weiße Robe von schlichter Eleganz. Auf dem Kopf trägt Schwester Lucja graziös eine schwarze Haube mit weißem Rand.

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Das Publikum in der Halle der katholischen Universität von Lublin in Südostpolen applaudiert begeistert. Dann folgen auf dem Laufsteg Jesuiten, Kapuziner, weisse Nonnen und Mönche, um ihre Ordensgewänder zu präsentieren.

Kirchliche Nachwuchswerbung

Polens Kirche geht bei der Nachwuchswerbung neue Wege. Per Internet oder mit Modenschauen für Nonnentrachten, Mönchskutten und Sutanen will sie junge Menschen ansprechen, von denen sich deutlich weniger als früher für den Priesterstand oder das Leben in einer
Ordensgemeinschaft entscheiden.

„Der Titel Modenschau ist provozierend, aber wir wollen zeigen, dass wir einfach leben. Und selbst wenn wir uns manchmal etwas archaisch anziehen, spiegelt unsere Kleidung doch unsere Lebensweise wider“, sagt der Jesuitenpater Andrzej Batorski, der die erste Werbeveranstaltung religiöser Orden dieser Art in Polen organisierte.

Zahl der Berufungen geht zurück

Über 20 Männer- und Frauenorden haben sich an der Initiative diesen Monat beteiligt. Mit Videos und Fotos, Faltblättern und im jeweils typischen Ordenshabit präsentieren die Schwestern an Ständen ihre Botschaften und ihre Ziele. Die Missionsorden präsentieren Souvenirs aus Asien und Afrika auf ihren Tischen. Religiöse Gesänge schaffen die richtige Stimmung.

„Vor zehn Jahren hatten wir 24 Novizinnen, im vergangenen Jahr waren es nur sechs“, erzählt Schwester Agnieszka Kranz vom Orden der Schwestern von Debica. Solche Zahlen beunruhigen die polnische Kirche. Bis in die jüngste Zeit hinein bildete sie ein Viertel der Priester, Mönche und Nonnen ganz Europas aus.

Polen exportierte seine Geistlichen in die ganze Welt. Noch immer bekennen sich über 90 Prozent der Polen zum katholischen Glauben. Aber die Berufungen sind im vergangenen Jahr um rund ein Viertel zurückgegangen.

Eine Sprache, die junge Katholiken verstehen

Im laufenden Schuljahr haben die Priesterseminare der Diözesen 786 neue Schüler aufgenommen, im Vorjahr waren es noch 1029 gewesen. Die Gesamtzahl der Seminaristen ist binnen eines Jahres um zehn Prozent auf 4257 gesunken. Auch die Ordensgemeinschaften sind betroffen.

Bei den Frauen ist die Zahl der Novizinnen von 728 im Jahr 1998 auf 468 im vergangenen Jahr gesunken. Bei den Männern hat sich die Zahl der Novizen im gleichen Zeitraum halbiert auf 797 im vergangenen Jahr. „Für die polnische Kirche ist das ein Alarmsignal“, sagt der Vorsitzende des Rates für Berufungen, Bischof Wojciech Polak.

Jesuiten bei YouTube

Pater Batorski ist überzeugt, dass die Kirche die jungen Katholiken in einer Sprache ansprechen muss, die sie auch verstehen. „Während dieser Schau wollten wir den Leuten die Möglichkeit geben, diejenigen zu treffen, die das Leben in einer Ordensgemeinschaft gewählt haben und ihnen zeigen, dass es normale Leute sind“, erläutert der Geistliche.

„Zugleich wollten wir diese Menschen, die sich zum Eintritt entschlossen haben, sprechen lassen, damit sie
von ihrem Weg und Glauben Zeugnis ablegen können.“ Auch in Internet-Auftritte hat die polnische Kirche kräftig investiert.

Praktisch alle Ordensgemeinschaften haben ihre eigene Website. Die Jesuiten sind sogar mit einem Film auf YouTube vertreten. Andere Ordensgemeinschaften versuchen es mit Fernsehwerbung. Die Franziskaner bilden ihre Mitglieder in öffentlichem Sprechen aus.

Mäßiger Erfolg

Der Erfolg ist allerdings eher mäßig. „Die Männer würden mir fehlen“, sagt die 18 Jahre alte Gymnasiastin Dominika Pietron. „Und außerdem schminken sich Schwestern nicht und färben sich nicht die Haare.“ Die junge Frau ist trotzdem froh, die Schau in Lublin besucht zu haben. Fast eine Stunde lang hat
sie mit einer Nonne gesprochen. „Die Religion hilft, über mich selber nachzudenken und mehr Selbstvertrauen zu haben“, sagt die Schülerin. „Aber man sollte sie in kleinen Dosen anwenden.“

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