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Veröffentlicht: 10.05.2012, 17:40 Uhr

Joop-Schau in Potsdam Kindheitsschnittmuster

Ein west-östlicher Diwan aus der Hitze Marrakeschs und der Potsdamer Luft: Wolfgang Joop zeigt nach einer Zwangspause, wie viel „Wunderkind“ noch in ihm steckt.

von , Potsdam
© Julia Zimmermann Ein teurer Gruß an die bessere Gesellschaft: Joop will wieder in eine Zeit zurück, in der ein Wort wie „elegant“ noch nicht verbraucht war

Die letzten Worte seiner Mutter, so erzählt Wolfgang Joop, als alle anderen schon zum Lunch in die andere Villa des Modeschöpfers in Potsdam flaniert sind, ihre letzten Worte waren: „Was wird aus Wunderkind?“ Schade, dass Charlotte Joop, die vor zwei Jahren im Mai starb, diesen Donnerstag nicht erlebt. Denn ihr Sohn gibt eine Antwort, die man in den vergangenen zwei Jahren kaum mehr erwartet hätte: Wunderkind lebt weiter.

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Für die Wiedergeburt ist die bessere Gesellschaft an den Heiligen See gekommen: Nadja Auermann, Ida Hardenberg, Ulrike Döpfner, Anna Maria Jagdfeld, Angelica Blechschmitt, Designerkollegen, Modemanager, Chefredakteurinnen. Zwei Einkäuferinnen sind eigens aus Tokio eingeflogen. Nicht einmal die Casting-Frau sieht müde aus, obwohl sie nur drei Stunden Schlaf hatte, weil sie sich bei den letzten Anproben um all die deutschen Mädchen kümmern musste, Antonia, Franziska, Iris (na gut, die ist Österreicherin) sowie Sara und Lea, die Hausmodels mit der dünnen Haut.

Die deutsche Dreifaltigkeit ist wieder vollständig

Die Spannung ist groß hier am Laufsteg, dem knarzenden Parkett der Jugendstil-Villa, die einst der Maler Fritz Rumpf im Stil des holländischen Neobarock erbaute. Denn zwei Saisons lang hat Joop ausgesetzt. Nur die verbliebenen Läden in Berlin und auf Sylt liefen mit frischer Ware weiter. Der Modeschöpfer, mit 67 Jahren langsam im Rentenalter, musste sich in letzter Zeit von vielem trennen, sogar von seiner Tochter Jette. Seine geschiedene Frau Karin ist heute gekommen, seine Tochter Florentine mit den Enkelkindern ist da, nur Jette nicht: „Dass sie nicht hier ist, ist ein Symbol für Hybris, die nicht gesund ist.“

Wolfgang Joop  - Der deutsche Designer stellt nach längerer Schaffenspause in Potsdam die aktuelle Kollektion seines Modelabels Wunderkind vor. „Die offenen Nähte sind Verwundungen“: So klassisch die Stimmung mit Kostümen und Mänteln und Kleidern, so sehr zeigt sich in den Details … © Julia Zimmermann Bilderstrecke 

Seine Mode dagegen ist auf den Boden gekommen - wie das Geschäft. Die Investoren sind entnervt abgesprungen, er ist jetzt alleiniger Gesellschafter. Viele Mitarbeiter musste er entlassen. Die letzte Schau in Paris war im Oktober 2010, seither schrumpft der internationale Ruf. Joop schien gar wie Helmut Lang in die Kunst abzudriften. Dann flirtete er mit Schiesser, Kaufhof und seiner alten Marke „Joop!“ (Verbindungen zur Holy-Gruppe gibt es weiter, auch Dominik Holy ist da.) Aber nun muss er langsam wieder von der High Street in die High Fashion aufsteigen. Und das passt gleich doppelt: Denn auch Jil Sander kehrt in die Mode zurück. So ist die deutsche Dreifaltigkeit aus Lagerfeld, Sander und Joop wieder vollständig.

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Für die Entwurfsskizzen machte sich das Wunderkind im Dezember auf nach Marrakesch, um im Majorelle-Garten die orientalischen Früchte des Urvaters Yves Saint Laurent zu schmecken. Eine Astrologin gab ihm den Rat, als Skorpion nach den Bodenschätzen zu graben. Er fand sie in seiner Kindheit, in der es so viele Wunder wie Wunden gab. „Wir schneiden hier mit dem Skalpell“, sagt er nach der Schau, „nicht mit der Schere. Die offenen Nähte sind Verwundungen.“

Ein kleiner Ritt durch die Modegeschichte

Davon gibt es genug. Denn so klassisch die Stimmung hier mit Kostümen und Mänteln und Kleidern, so sehr zeigt sich in den Details empfindsames Temperament. Das Motto lautet schließlich „Sauvage“. Aus den Leoparden-Prints schauen Raubtier-Augen heraus. Die bunten Kacheldrucke entstammen den Reflexionen der Mosaikspiegel an der Wand. Klassische Kleider mit hochgenommenem Saum schweben vorbei, unter der Kamera im Kronleuchter, zwischen den gedrehten Holzsäulen, die den Säulen des Petersdoms nachempfunden sind. Joop will wieder in eine Zeit zurück, in der das Wünschen noch geholfen hat, als die Wespentaille noch unter Naturschutz stand und ein Wort wie „elegant“ noch nicht verbraucht war.

Aber zur feinsten Kaschmirseide treten schwerer Brokat und dicke Lammfelljacken. Und dann steht eben plötzlich Antonia da im Look einer grauen Trümmerfrau, um das Diktum des Meisters zu bebildern, dass zur Frivolität in Potsdam auch Tristesse gehören muss. In jedem dieser Kleider steckt eben nicht nur ein Mädchen. Erfahrungen, Eindrücke, Brüche lässt Joop gemeinsam mit dem Stylisten Damian Foxe in eine Linie fließen. Außer dem Preußischen einer mit Phantasieorden gesprenkelten Jacke erkennt man in den umhäkelten dicken Kugeln der Halsketten eine Inszenierung der so frühlingshaften Form, die schon im bayerischen Barock ihre Runde machte - und zu Zeiten einer rundlichen Urmutter, in die sich das Wunderkind hoffentlich nicht wieder verkriecht.

Ein west-östlicher Diwan aus der Hitze Marrakeschs und der Potsdamer Luft, ein teurer Gruß an die bessere Gesellschaft, ein kleiner Ritt durch die Modegeschichte mit Abstechern zu Christian Dior und Cristobal Balenciaga, ein Wunderkinderspiel, das hoffentlich noch lange dauert. Aber ach! Wolfgang Joop sucht wieder Lizenznehmer und wohl auch einen Investor. Was für hässliche Wörter, verglichen mit Samt und Seide.

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