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Interview mit Christian Lacroix „Mein ganzes Leben wird theatralisch“

Für das Modemachen ist er momentan zu ausgelastet: Christian Lacroix über Nostalgie, das Geld und seine Arbeit als Kostümbildner für den Friedrichstadtpalast.

© Jens Gyarmaty Vergrößern Mit Tutu, ohne Tamtam: Christian Lacroix inspiziert im Friedrichstadtpalast in Berlin seine Kostüme für die Tänzerinnen

Monsieur Lacroix, drei Modefrauen habe ich erzählt, dass ich Sie treffe. Und alle bekamen glänzende Augen. Was haben Sie gemacht, dass die Frauen heute noch begeistert sind, obwohl Sie schon lange keine Kollektionen mehr zeigen?

Das ist eine bestimmte Generation! Gestern sagte mir eine Sängerin in Hamburg, sie werde ihrer Mutter erzählen, dass sie mich getroffen hat, die werde Tränen vergießen.

Kein richtiges Kompliment, wenn immer die Mütter begeistert sind.

Ich sehe den Dingen ins Auge, ich bin 61 Jahre alt. In meiner Zeit war die Modewelt noch anders. Es ging nicht nur um Werbung oder Porno-Chic. Die Mode war noch poetisch - und näher an den Träumen der Frauen. Am Ende meiner Couture-Schauen weinten viele Gäste. Vielleicht habe ich meine weibliche Seite in der Mode ausgelebt. Thierry Mugler hat mir mal erzählt, er selbst sei diese Frau auf dem Laufsteg. So war ich nicht. Ich habe meine Phantasien auf den Laufsteg gebracht. Heute gehöre ich zur Vergangenheit vieler Frauen - und nostalgische Gefühle sind immer schön.

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Im Juli 2009 haben Sie Ihre letzte Couture-Kollektion gezeigt. Da war Ihr Unternehmen, das der Luxuskonzern LVMH zuvor an die Falic Fashion Group verkauft hatte, schon pleite. War der Abschied von der Mode nur schrecklich? Oder auch schön?

Ich war erleichtert. Schon Ende der neunziger Jahre spürte ich, dass ich diese immer größeren Konzerne nicht mag. Obwohl ich mich mit LVMH-Chef Bernard Arnault weiter gut verstand, lief etwas falsch. Klar, die Marke brauchte Geld. Aber ich wollte meinen Namen nicht auf alles draufpappen.

Die LVMH-Marken, die stark wuchsen, wie zum Beispiel Christian Dior, Louis Vuitton oder Givenchy, waren längst nicht mehr in der Hand ihres Gründers und Namengebers.

Ja, Christian Lacroix war die einzige Marke, die Bernard Arnault selbst mitbegründet hat, damals, 1987. Deshalb war er ihr auch immer sehr verbunden.

Schon Ende der Neunziger begannen Sie mit Nebengeschäften.

Ja, das war für mich wie eine Brise frischer Luft. Als Arnault 2004 anrief, um mir zu sagen, dass er meine Marke an die Amerikaner verkaufen wolle, organisierte ich gerade eine Feier für die Leute, die mir bei meiner ersten Auftragsarbeit für die Innengestaltung eines Hotels geholfen hatten. Das war symbolisch. Und als meine Näherinnen bei Chanel, Dior und anderen Häusern untergekommen waren - da konnte ich dann beruhigt als Couturier aufhören.

Sie haben die Straßenbahn in Montpellier mit wilden Mustern ausgestattet, Uniformen für Personal der Air France entworfen, die Inneneinrichtung des Schnellzugs TGV gestaltet . . .

. . . so kam ich zurück zu meinen Wurzeln. Die Mode war wunderbar für mich. Aber als Junge liebte ich die Bühne. Und jetzt kann ich das alles verwirklichen: Gestern war ich an der Hamburgischen Staatsoper für die „Butterfly“, heute bin ich hier in Berlin für die neue Show des Friedrichstadtpalastes, morgen bin ich in Paris für die Gestaltung eines neuen Hotels, übermorgen in Rouen für ein Museum. Außerdem entwerfe ich für Händels „Radamisto“ im „Theater an der Wien“, für einen „Lohengrin“ in Graz und für „Die Perlenfischer“ von Bizet in Straßburg. Mein ganzes Leben wird theatralisch, und das ist schön. Die Straßenbahnen in Montpellier fahren durch die Straßen wie eine rollende Bühne.

Und was machen Sie genau in Berlin?

Vergangenes Jahr habe ich den „Candide“ in der Staatsoper ausgestattet. Danach fragte mich Berndt Schmidt an, der Intendant des Friedrichstadtpalastes. Es gefiel mir gleich hier. Für die Show „Show Me“, die am 18. Oktober Premiere hat, habe ich Kostüme entworfen - manche mit vielen Pailletten, manche sehr bunt, ein bisschen wie in der Couture, sozusagen als Karikatur von Lacroix.

Die Deutschen sollen ja so modefern sein. Haben Sie es bemerkt?

Nein. Die Kostümbildner hier im Haus und in zwei weiteren Ateliers arbeiten zum Beispiel hervorragend. Deutsche sind einfach professionell.

Sind Sie eigentlich vor drei Jahren von der Falic-Gruppe ausbezahlt worden?

Meinen Namen hatte ich ja schon 1987 verkauft. Aber sie müssen in der Tat laut Gerichtsurteil binnen zehn Jahren noch 15 Millionen Euro an die ehemaligen Mitarbeiter zahlen, davon zwei Millionen an mich.

Die Eigner Ihrer Marke könnten nun wieder Damenmode unter Ihrem Namen herausbringen - Herrenmode gibt es schon. Wie würden Sie sich fühlen, wenn Sie in den Galeries Lafayette Ihren Namen auf Produkten sähen, die gar nicht von Ihnen sind?

Ich würde gar nicht hineingehen. Aber das Problem ist wirklich, dass viele Leute das Durcheinander mit der Marke nicht verstehen. Als die Falic-Gruppe Herrenmode unter meinem Namen herausbrachte, gratulierten mir einige Leute dazu, dass ich wieder zurück in der Mode sei! Aber wie auch immer: Ich werde nur ausbezahlt, wenn die Marke erfolgreich ist. Also sage ich hiermit: Es ist toll, was sie machen!

Immerhin machen Sie auch selbst noch ein bisschen Mode.

Ja, schon seit 2009 bin ich Berater bei der Marke Desigual aus Barcelona, wo ich als Jugendlicher oft war. Ich entwerfe Drucke für sie und gestalte die Linie „L“ - so vermeide ich meinen Namen.

Jil Sander ist nach vielen Jahren gerade wieder mit der Marke Jil Sander zurückgekommen. Das wäre bei Ihnen ja auch noch möglich.

Dazu bin ich aber zu sehr eingenommen von der Kostümbildnerei.

Sie arbeiten auch als künstlerischer Leiter für die staatliche französische Münzprägeanstalt Monnaie de Paris. Falls die Franzosen eine neue Währung brauchten - Sie stünden bereit?

Sofort!

Die Fragen stellte Alfons Kaiser.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 28.09.2012, 10:12 Uhr