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Illusionskünstler : „Wir wollen nicht nur spielen“

Aus dem Goldenen Zeitalter: Rolf Snoeren (links) und Viktor Horsting in ihrer Zentrale an der Herengracht Bild: Daniel Pilar

Die Modemacher Viktor und Rolf sind zwei Illusionskünstler in einer Person - oder einer in zweien? Der größte Unterschied zwischen ihnen sind ihre Namen. Ihre Ähnlichkeiten aber gehen bis in ihre Kindheit zurück.

          Sind wir schon mittendrin? An der Herengracht malt ein Künstler Kanalwasser und Backsteinhäuser. Eine Frau Antje mit Hörern auf dem Kopf und Frappuccino in der Hand schiebt ein rosa Fahrrad mit Blümchen vorbei. Am Haus von Viktor & Rolf in der „Goldenen Bucht“ der schönsten Amsterdamer Gracht knien zwei Bauarbeiter und setzen neue alte Pflastersteine ein. Ihr Ghettoblaster übertönt - „Are we human, or are we dancer?“ - sogar das Hämmern. Kunst, Mode, Handwerk, Musik: Noch bevor die beiden größten niederländischen Modemacher aufgetreten sind, hat die Schau an der schmalen Straßenfront schon begonnen. Willkommen bei den Traumtänzern und Wirklichkeitsverdrehern!

          Anke Schipp

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Alfons  Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          „Hallo, ich bin Viktor!“ - „Hallo, ich bin Rolf!“ Damit sind die größten Unterschiede schon benannt. Der Rest verliert sich in Gleichheit. Differenzen werden weggelächelt. Die Hornbrille, Markenzeichen seit zehn Jahren, der Bart, der nicht so recht sprießen will, die gleichmäßigen Bewegungen: zwei Illusionskünstler in einer Person - oder einer in zweien? Zur Unterscheidung halten sich die Augen an den grünen Nike-Schuhen (Viktor) und der schwarzen Smokingjacke (Rolf) fest. Getrennt wollen sie nicht interviewt werden. Sie heißen ja auch nicht Viktor oder Rolf. Sondern Viktor und Rolf. Wie Siegfried und Roy. Oder Gilbert und George.

          Weniger Jeans, mehr Krawatte

          Die Ähnlichkeiten gehen bis in die Kindheit zurück. Viktor Horsting, der Zurückhaltende, stammt aus Geldrop, einem bescheidenen Vorort von Eindhoven. Rolf Snoeren, der Schüchterne, wurde, ebenfalls 1969, in Dongen geboren, 50 Kilometer entfernt. In ihrer Jugend entdeckten sie unabhängig voneinander die Mode. „Ich habe mich anders angezogen als der Rest der Klasse“, sagt Rolf, dessen Vater als Ingenieur in einem Stahlwerk arbeitete. „Weniger Jeans, mehr Krawatte. Wir fühlten uns anders, vielleicht auch, weil wir schwul waren.“ Aus seiner Umgebung, in der er sich fremd fühlte, floh er in die Phantasie, zeichnete Menschen und wollte Modezeichner werden. „Dann traf ich ihn.“

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          Er, Viktor, spricht noch besser Englisch und dazu noch Deutsch. Vor drei Jahrzehnten lebte er drei Jahre lang mit seinen Eltern in Bergen bei Hannover, weil sein Vater als Soldat dorthin versetzt worden war. Er ließ sich - wie so viele deutsche Modemacher - von Antonia Hilkes NDR-Sendung „Neues vom Kleidermarkt“ inspirieren. Auch er verabschiedete sich aus der Vorstadt in die Phantasie. An der Arnheimer Kunstakademie, wo sie von 1989 bis 1992 studierten, lernten sie sich kennen.

          Sie drehten es auf links

          Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als eine neue Welt zu erfinden. Viktor & Rolf kehrten alles um, drehten es auf links, stellten es auf den Kopf. Weil es keine holländische Modeszene gab, gingen sie nach dem Studium nach Paris. Dort waren sie schon wieder Außenseiter, zogen zurück nach Amsterdam, nutzten die „Hassliebe zur Mode“, wie Rolf sie nennt, um von außen das System in Frage zu stellen und gleichzeitig das Bedürfnis nach exaltierter Zurschaustellung zu befriedigen.

          Wie Avantgarde-Mode alle Bekleidungssitten und Modeordnungen auflöst - dieses Modell schöpferischer Zerstörung erlernten sie bei Martin Margiela, dem konsequentesten aller Belgier. Außerhalb des Schauenkalenders zeigten sie, bestätigt durch den Modepreis des Festivals von Hyères, ihre ersten Entwürfe. In Paris hatten die Japaner (Kawakubo, Yamamoto, Watanabe), Belgier (van Noten, Demeulemeester, Margiela) und Engländer (Galliano, McQueen, McCartney) die sich globalisierende und ausdifferenzierende Szene schon auf einiges vorbereitet. Viktor & Rolf aber waren nicht so düster wie die japanische und nicht so angestrengt wie die belgische Avantgarde. Ihre ersten Schauen Ende der Neunziger sahen aus, als hätte Sacha Baron Cohen beim Burgtheater angeheuert. Endlich brachte jemand Humor in die noch immer von französischer Etikette bestimmte Veranstaltung. Bei ihren Achtfachkrägen, den Bettzeugkleidern, den Hirschgeweihdamen durfte man - lachen. In der Babuschka-Kollektion von 1999 trug Maggie Rizer zehn Outfits übereinander, die sie ihr nach und nach auszogen. Viktor & Rolf sind aber nach 15 Jahren Experimenten intelligent genug, weder auf der Avantgarde noch auf ihrem Humor herumzureiten. „Wir wollen nicht nur spielen, manchmal meinen wir es wirklich ernst“, sagt Rolf. „Wir hassen Zweidimensionalität.“ Das Aufgedonnerte verdankt sich der Suche nach dreidimensionaler Tiefe in einer ansonsten recht flachen Branche.

          Scherzkekse der Szene

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