http://www.faz.net/-hs1-79t49

Gespräch mit einem Parfumeur : „Ich habe auf den Feldern Kräuter gesammelt“

  • Aktualisiert am

Bild: Getty Images

Wie riechen eigentlich Flughäfen? Oder das „Kleine Schwarze“? Ein Gespräch mit Chef-Parfumeur Thierry Wasser von Guerlain in Paris, einem der ältesten Dufthäuser der Welt.

          Monsieur Wasser, riechen Deutsche und Franzosen eigentlich unterschiedlich?

          Da wir Franzosen den Ruf haben, zu stinken, nehme ich an, dass Deutsche anders riechen.

          Wie bitte?

          Ludwig XIV. soll schließlich nur einmal im Jahr gebadet haben. Wenn der beispielgebend war. . .

          Meinem Vorurteil zufolge haben die modebewussteren Franzosen eine viel selbstverständlichere Beziehung zum Parfum als wir.

          Es gibt bei uns vielleicht mehr Wissen und eine größere Akzeptanz. Das ist eine kulturelle Frage. Aber Guerlain ist ein Haus mit 185 Jahren Geschichte, und als es 1853 unter Napoleon III. zum kaiserlichen Hoflieferanten ernannt wurde, öffnete uns das die Tore zu allen europäischen Höfen. Deutschland war da keine Ausnahme. Sissi von Österreich war eine treue Kundin insbesondere von Guerlain-Kosmetik. Sie bestellte kistenweise Feuchtigkeitscreme - aus Erdbeeren. Sie war verrückt danach.

          Als Parfumeur nennt man Sie auch „die Nase“. Beurteilen Sie Menschen danach, wie sie riechen?

          Ich bin niemand, der andere bewertet, das würde ich mir nie erlauben. Aber natürlich kann es sein, dass ein Duft etwas über einen Menschen aussagt. Ein Parfum ist etwas sehr Persönliches. Und der Geruchssinn arbeitet auf mysteriösere Weise als das Auge.

          Was verraten wir mit der Entscheidung für ein Parfum über uns selbst?

          Entweder kauft man ein Parfum und trägt es wie eine Signatur, die sagt: „Das bin ich.“ Oder man nutzt es wie ein Accessoire, das man wechselt, je nachdem was man ausdrücken möchte. Auch der Lippenstift darf etwas kräftiger sein, wenn man ausgeht.

          Mit gutem Riecher und passendem Nachnamen: Thierry Wasser
          Mit gutem Riecher und passendem Nachnamen: Thierry Wasser : Bild: Guerlain

          Wie handhaben Sie das selbst?

          Ich trage kein Parfum, das ist der Nachteil meines Berufs. Sonst rieche ich nicht, was ich tue. Ich verwende morgens sogar parfümfreie Seife. Als ich allerdings „La petite Robe noire“ entwickelt habe, trug ich den Duft permanent, Tag und Nacht. Man kann diese kleinen Papierstreifen besprühen, um zu beurteilen, ob einem etwas gefällt oder nicht. Aber der eigentliche Duft entfaltet sich nur auf der Haut.

          Wie würden Sie „La petite Robe noire“ beschreiben?

          Wunderbar.

          Das sagt alles über die Schwierigkeit, etwas so wenig Greifbares wie Duft in Worte zu fassen.

          Mein Job ist abstrakt. Es geht darum, ein Gefühl auszudrücken. Wenn ich darüber hinaus erklären muss, warum ich dieses Gefühl hatte, lege ich mich besser auf die Couch und Sie spielen Psychiater.

          Wie muss ich mir Ihre Arbeit vorstellen? Sitzen Sie den ganzen Tag im Chemielabor?

          Meistens hält man uns für so verrückte Professoren. Aber das trifft es nicht. Ich verbringe ein Drittel meiner Arbeitszeit auf den Feldern mit der Beschaffung unserer Rohstoffe.

          Auf was für Feldern?

          Bergamotte-Felder zum Beispiel. Gerade komme ich aus Tunesien, wo ich Hunderte Tonnen Orangenblüten destilliert habe. Ende des Monats werden wir in Bulgarien Tausende Tonnen Rosenöl herstellen. Das ist Teil meiner Arbeit. Aber kaum jemand weiß davon. Für jeden unser strategischen Rohstoffe, Rose, Jasmin, Orangenblüte, Sandelholz, Vetiver, Bergamotte, bin ich einmal im Jahr vor Ort. Guerlain und Chanel sind die Einzigen in der Branche, die auch herstellen, was sie erfinden. Wir entwickeln nicht nur die Formel, wir setzen sie auch selbst um. Da wird die Rohstoffbeschaffung entscheidend.

          Weitere Themen

          Darauf setzt „Chanel“ Video-Seite öffnen

          Modewoche in Paris : Darauf setzt „Chanel“

          In einer idyllischen Parklandschaft präsentierte das Modehaus seine neue Kollektion. Die von Karl Lagerfeld mitentwickelte Haute Couture setzt dabei auf eine ganz natürliche Inspirationsquelle.

          Topmeldungen

          Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte fordert von Bayer, Warnhinweise zu Iberogast zu veröffentlichen.

          Magenmittel : Verschweigt Bayer Risiken von Iberogast?

          Das beliebte Präparat könnte Nebenwirkungen haben, die nicht auf dem Beipackzettel stehen. Ändern will der Hersteller das nicht. Die Grünen wittern einen Skandal.

          Bundestagsdebatte über Yücel : Özdemir rechnet mit AfD ab

          Die AfD wollte den deutsch-türkischen Journalisten Yücel vom Bundestag für zwei umstrittene Texte maßregeln lassen. Der ehemalige Grünen-Vorsitzende wirft den Rechtspopulisten vor, wie der türkische Präsident Erdogan zu denken.

          Europa : Polen warnt Merkel vor „echter politischer Krise“

          Kurz vor dem EU-Gipfel eskaliert der Streit zwischen Polen und Deutschland. Der polnische Europaminister Szymanski sperrt sich gegen Merkels Forderung, EU-Gelder an die Aufnahme von Flüchtlingen zu knüpfen.

          Fliegerbombe entschärft : Kartoffelsuppe in der Geisterstadt

          Die Fliegerbombe am Gallus ist erfolgreich entschärft worden. Viele Bewohner werden die Nacht dennoch nicht so schnell vergessen. Streifzug durch ein Viertel im Ausnahmezustand

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.