http://www.faz.net/-hs1-75983

Die Meisterschneider (6) : Jürgen Ern, der Kosmopolit

Er scheidet noch selbst zu, obwohl er es gar nicht mehr müsste: Jürgen Ern legt gerne Hand an. Bild: Edgar Schoepal

Noch gibt es sie. Sechs Portraits von Maßarbeitern aus Deutschland. Im letzten Teil: Jürgen Ern, der nach Stationen in Frankfurt, Paris, London und Zürich jetzt in Düsseldorf Maß nimmt.

          Jürgen Ern hat vieles gesehen und einiges erlebt: Remscheid, London, Paris; Lehr-, Wander-, Meisterjahre. Er kennt die halbe Welt und ganz Europa. Heute ist er auf der Königsallee in Düsseldorf, der letzte seiner Zunft: ein Meisterschneider im Herzen des rheinischen Kapitalismus. Er nimmt den Bossen aus der wirtschaftsstarken Region die Maße und lässt sie gut aus-sehen.
          Seit 50 Jahren macht er das nun hier.

          Stephan Finsterbusch

          Redakteur in der Wirtschaft.

          In diesem Jahr war Jubiläum, eine Feier im kleinen Kreis, ohne Aufsehen. Understatement will gelernt sein, es gehört zum Geschäft wie Nadel und Faden. Ern ist diskret, nennt nie Namen und auch keine Preise, Anzüge sind Vertrauenssache. Nur: „Hier ist der König Kunde.“ Ab und an stehen ein paar Limousinen vor seiner Tür, eine komplette Garderobe aus seinem Haus kostet ein kleines Vermögen. Sein Atelier liegt am oberen Ende der Kö. Hier gibt es viel Schickimicki, bei ihm Eleganz. Das Haus ein Bau im Charme der siebziger Jahre, quadratisch, praktisch, funktional. Das Treppenhaus eng, der Fahrstuhl klein, zweiter Stock. Das Atelier ist wie aus einer anderen Welt: hohe weiße Wände, heller dicker Teppich, antike Schränke, gediegene Sessel, viele Stoffe im Regal, gute alte Zeit.

          Im Hinterzimmer ist die Werkstatt, vier Näher, ein Plättbrett und eine lange Schneidertafel. Hier wird noch per Hand gearbeitet. Aus dem Radio kommt Tanzmusik von vorgestern. Vorn im Verkaufsraum steht Jürgen Ern mit verschränkten Armen. Hier legt er seinen Kunden das Maßband an, hier steckt er ab, kreidet ab, rechnet ab. Jürgen Ern schneidet noch immer selbst zu. Er muss das nicht mehr machen, er will es so, er hat das einst gelernt. „Man muss seine Meisterschaft auch zeigen können“, sagt er, ein Schneider alter Schule, der englische Klassik, französische Eleganz, italienische Lockerheit beherrscht. Ern arbeitet mit dem Zuschneidesystem vom alten Michael Müller, einer zur Kaiserzeit entwickelten und bis heute gültigen Schnitttechnik. Die Hauptmaße für den Bauplan eines jeden Anzugs werden am Körper gemessen, die Nebenmaße werden proportional aus Vorder- und Rückenlänge, Quer- und Längsmaßen, Armen, Beinen und Schritt errechnet. Den menschlichen Körper vermisst er mit einem anatomischen Zahlenwerk, angewandter Geometrie. Das Haus Müller & Sohn gibt es noch heute. Einst war es eine Akademie, nun ist es eine Fachschule, gleich bei Ern um die Ecke.

          Nach dem Gesellenbrief die Welt sehen

          Das Müllersche System hatte er einst von seinem Vater gelernt. Der besaß eine Schneiderstube in Remscheid im Bergischen Land. Der Alte war streng, doch gut. Bevor er in den Krieg ging, ließ er sein Stofflager einmauern, teure Tuche von Webereien wie Wülfing & Sohn, Hardt Procorny & Co. oder Schürman & Schröder. Es sollte sich auszahlen. Die Erns überlebten den Krieg, ihr Haus überstand die Bomben, das Lager blieb unversehrt. Noch am Tag seiner Rückkehr riss der alte Ern die schützende Mauer vom Versteck, kam so mit seinen Stoffen rasch wieder ins Geschäft und holte den Sohn als Lehrling in seine Schneiderei. Der junge Ern lernte schnell nähen, schneidern und verkaufen. Nach drei Jahren  Lehre war er froh, als er den Gesellenbrief in Händen hielt. Dann wollte Jürgen Ern die Welt sehen.

          In Frankfurt schneiderte er in der Werkstatt von Peter Prokowski. In Paris nähte er für Dior. In London arbeitete er an der Savile Row für das Traditionshaus Huntsman. Es zog ihn nach Zürich ins Atelier von Laube. Später in Wien wollte ihn der alte Knize ins Geschäft nach New York schicken. Jürgen Ern lehnte ab. Er wollte sein eigener Herr sein. So kam er zurück nach Deutschland, machte seinen Meisterbrief, nahm eine Stelle als Zuschneider an, verdiente sich etwas Geld und eröffnete mit Mitte zwanzig auf der Königsallee seinen eigenen Laden. Keine 100 Quadratmeter, 1200 Mark Miete, damals eine Riesensumme. Ern hielt sich selbst für verrückt. Doch wenn man nicht mal übers Ziel hinausschießt, hat man nie hoch genug geschossen. Er machte 15.000 Mark Schulden, arbeitete Tag und Nacht, hatte den Kredit bald abbezahlt, machte sich in der rheinischen Gesellschaft einen Namen und seinen Laden profitabel.

          Düsseldorf, „Schreibtisch des Ruhrgebiets“ und Hauptstadt des Doppellandes Nordrhein-Westfalen, war ein Wirtschaftszentrum Deutschlands. Kohle und Stahl aus dem Ruhrgebiet brachten  Deutschland nach dem Krieg wieder hoch, die Arbeit an Rhein und Ruhr ließ die Stadt boomen, Erns Laden lief und lief und lief und läuft bis heute. Von den einstmals knapp einem Dutzend Schneidern auf der Königsallee ist Ern heute der letzte. Er macht noch immer seinen Schnitt. Und Jürgen Ern reist noch immer um die Welt, nach China, Hongkong oder Delhi. Er liebt London und Paris, spielt Golf, genießt die Nordsee und die Alpen. Jeden Tag liest er die englische Finanzpresse und jede Woche ein Buch, Romane, Novellen, Biographien. Für seine Kunden macht er alles, fast alles. „Hosen ohne Bundfalten mach ich nicht, oder sagen wir mal selten“, sagt Jürgen Ern. „Sieht doch nicht gut aus, so glatt und ohne Wurf.“ In diesen Anzügen steckt die Welt.

          Quelle: Magazin «Z»

          Weitere Themen

          Pomp an der Wand

          Atelierbesuch : Pomp an der Wand

          Anstatt Schlammgrau nun Tapeten wie im Schloss des Sonnenkönigs: Drei junge Pariser Kunsthandwerker bedrucken Kattunpapiere per Hand. Ein Atelierbesuch.

          Schnell hoch drei

          Neuer Drei-Sterne-Koch : Schnell hoch drei

          Eine solche Karriere gibt es selten in der Spitzengastronomie: Jan Hartwig hat jetzt drei Michelin-Sterne. Welche Stationen hat der Koch auf seinem Lebensweg passiert?

          Topmeldungen

          Zähe Sondierungsgespräche : Das Luxusproblem von Jamaika

          Die Wirtschaft boomt. Auf dem Arbeitsmarkt läuft es rund. Flüchtlingszahlen wie vor zwei Jahren sind weit und breit nicht in Sicht. Wieso bloß, liebe Jamaika-Unterhändler, braucht es da endlos lange, zähe Sondierungsgespräche?
          Neue Verbindung: Russland baut eine Brücke über die Straße von Kertsch.

          Krim-Annexion : Abgerissene Verbindungen

          Die Krim-Bewohner und wie sie die Welt sehen – drei Jahre nach der russischen Annexion. Würden die Bewohner wieder für einen Anschluss an Russland stimmen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.