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Die Meisterschneider (5) : Volkmar Arnulf, der Grandseigneur

Er war dabei, als Berlin im Krieg in Schutt und Asche versank, als Ulbricht eine Mauer baute, die Berlins Modebranche dem Untergang nahebrachte: Volkmar Arnulf hielt Berlin stets die Treue. Bild: Andreas Pein

Noch gibt es sie. Sechs Portraits von Maßarbeitern aus Deutschland, Teil 5: Volkmar Arnulf. Viele Kunden sind ihm schon seit der Jugend treu, doch Berlin hat es ihm nicht immer leicht gemacht.

          Seine Lehrmeister kamen noch aus der Kaiserzeit, seine Kunden sind König. Er war immer sein eigener Herr, war zeit- und stilprägend, hat im Lauf seines Lebens Hunderte Anzüge geschneidert und damit Generationen von Managern und Ministern gut aussehen lassen. Er kennt die alten Schnittsysteme, dozierte an Berlins Universitäten der Künste, Vivienne Westwood an seiner Seite. Maß und Mode, deutsche Klassik und englische Romantik. Nun fängt Volkmar Arnulf noch mal an.

          Stephan Finsterbusch

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der Grandseigneur deutscher Schneiderkunst konnte und wollte die Miete am Kurfürstendamm nicht mehr zahlen. Ein Pensionsfonds hatte das Haus gekauft, schraubte die Miete hoch, und Arnulf packte nach einem halben Jahrhundert seine Sachen. Berlin verlor seinen letzten alten Spitzenschneider. Heute fährt Arnulf jeden Morgen über die Glienicker Brücke nach Potsdam, die Sonne im Rücken, das Schloss von Sanssouci vor Augen. An der Gutenbergstraße fand sein Geschäft ein neues Zuhause.

          Vorn wird verkauft, hinten geschneidert, alles kommt aus einer Hand, alles ist unter einem Dach. Die fünf Gesellen nennt er seinen verlängerten Arm. „Ich habe immer meine Finger mit drin.“ Viele Kunden bestehen darauf. Sie wollen einen echten Arnulf tragen, einige wollen ihn einfach nur im Schrank hängen haben. Kein Anlass ist gut genug. Viele alte Kunden sind seit der Jugend bei ihm: Vor 50 Jahren machte er erst seinen Meister und sich dann selbständig.

          Der Laden in Potsdam ist gediegen. Antike Schränke, große Spiegel, an den Wänden alte Schnittmuster und Holz-Ellen, zerschrammt und leicht gebogen, der Lack ist ab, Sammlerstücke. Auf dem hohen Schrank ein Bataillon alter Bügeleisen, Kante an Kante, in Reih und Glied.  Arnulf mag es genau. Im Regal steht eine Büste Friedrichs des Großen. Volkmar Arnulf, für den die Historie nicht nur ein Steckenpfeld ist, nimmt Maß an der  preußischen Geschichte.

          Er war dabei, als Berlin im Krieg in Schutt und Asche versank, als Ulbricht eine Mauer baute, die Tausende Ost-Berliner Schneider nicht mehr in die letzten großen Ateliers im Westteil der Stadt zur Arbeit kommen ließ und Berlins Modebranche dem Untergang nahebrachte. Viele Ateliers gingen nach München oder Düsseldorf. Volkmar Arnulf hielt der halben Stadt die Treue. Er hatte in den fünfziger Jahren im Maßgeschäft der Grockels gelernt, einem der ersten Häuser am Platz. Dort lernte er noch die alten Meisterschneider kennen, die schon zu Kaisers Zeiten im Geschäft waren und die dreißiger und vierziger Jahre überlebt hatten. „Ich hatte Glück, von ihnen ein Repertoire an Techniken lernen zu dürfen, die eigentlich schon mit Ende des Ersten Weltkriegs untergegangen waren.“

          „Es war nicht alles golden in den Zwanzigern“

          Er lernte die Tricks und Kniffe, die aus einem Maßanzug ein Meisterwerk machen, vom Zuschneiden bis zum Nähen, vom Dressieren bis zum Pikieren. Wie man Körpermaße als detailreiche Schnittmuster erst auf Packpapier und dann auf den Stoff bringt; wie man eine Jacke baut und eine Hose konstruiert; wie man eine Schulterpartie so näht, dass sie sich wie ein kleiner Kuppelbau sanft um den Körper schmiegt; wie man einen Anzug in Hochform plättet und den Futterstoff so einsetzt, dass er dem Oberstoff dauerhaft Halt gibt.

          Berlin war einst Modehauptstadt, in die Zehntausende Schneider aus Osteuropa und international arbeitende Maßschneidereien wie Knize aus Wien, Jureit aus Frankfurt, Anderson aus London kamen. Sie statteten die Stars der aufstrebenden Filmindustrie in Babelsberg, der florierenden Berliner Industrie, der Politik und Diplomatie aus. „Es war nun wirklich nicht alles golden, was man heute die Goldenen Zwanziger nennt“, sagt Arnulf. „Aber für die Mode war es eine glänzende Zeit. Hier war was in Bewegung, Stile wurden neu definiert, alte Techniken gingen mit einer neuen Formsprache einher, der Sport hielt Einzug.“

          Konfektion kam in die großen Warenhäuser Wertheim, Gerson oder Jonaß. Der Anzug wurde demokratisiert. Maßarbeit zielte auf Eliten. Einst eng geschnittene Anzüge aus der Kaiserzeit wurden weiter, versehen mit Falzen,Einschlägen, Aufschlägen, Rollfalten. „Heute ist der Anzug eine Mischung aus englischem und italienischem Stilverständnis“, sagt Arnulf. „Aber eigentlich liegt ihm eine sehr deutsche Komponente zu Grunde.“ Er ist tief in die Archive gestiegen, um das Geheimnis zu bergen, und fand es in alten Zuschnittsystemen aus dem 19. Jahrhundert, von Bernhardt und Klemm aus Dresden, Maurer aus Berlin, Lutz aus Stuttgart und Müller aus München.

          Einen echten Klemm-Schnitt hat er gerahmt in seiner Werkstatt hängen, die anatomischen Studien eines Schneidermeisters. Sein eigenes System verfeinerte er immer weiter. Mit Nadel und Faden machte er seinen Namen zur Marke. Volkmar Arnulf ist ein aufmerksamer Beobachter. „Das muss ich in meinem Metier sein, denn Mode wird vom Geschmack der Zeit getragen, und den kann man nur begleiten und bestenfalls kultivieren“, sagt er. „Ein Schneider muss probieren, kopieren, entwickeln, und dann muss er auch noch Gespür für den Kunden haben: Was will er? Was braucht er? Was steht ihm?“ Fragen über Fragen. Jeder Tag hat seine eigenen Antworten. Arnulf kennt sie alle.

          Quelle: Magazin «Z»

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