Home
http://www.faz.net/-gut-7593a
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Die Meisterschneider (4) Tom Reimer, der Dandy

Durch Hamburg geht eine frische Brise, die schon so manchen weggefegt hat. Tom Reimer ist noch da. Denn noch gibt es sie. Sechs Portraits von Maßarbeitern aus Deutschland, Teil 4.

© Henning Bode Vergrößern Seine Schnitte sitzen wie seine Sprüche: Tom Reimer.

Er hatte sich immer wieder durch diese Ausgabe der italienischen „Vogue“ geblättert, hatte mit großen Augen im Kino den ganz in Armani gekleideten Richard Gere als „American Gigolo“ gesehen, bestückte seinen Kleiderschrank dann mit Versace und wusste, was er später mal machen wollte: große Mode. Da war Tom Reimer keine 16 Jahre alt. Heute ist er dort, wo er einst hinwollte. Er habe damals Flausen im Kopf und immer einen Spruch auf den Lippen gehabt. Er war ein Dandy im Feuerwerk der Eitelkeiten. Das ist er immer noch. Seine Pointen sitzen gut.

Der Hausschneider der Hanseaten sitzt an der ersten Adresse der Stadt: Hamburg, Harvestehude, Mittelweg. Hinten der Alsterpark, vorn der Tennisplatz, dazwischen Bürger- und Backsteinhäuser, hohe Bäume, große Autos. Seit zwei Jahrzehnten schneidert Reimer für die Großen und die gutbetuchten Kleinen der Elbmetropole. Der Laden läuft. „Sonst würde ich es nicht machen.“ Was er macht, nennt er „eine Interpretation des Körpers“. Das hatte er gleich nach der Schulzeit gelernt. Obwohl Sohn aus gutem Haus, wollte er nicht Betriebswirt, Volkswirt oder Jurist werden. Nach dem Wehrdienst bewarb er sich an der Hamburger Mode-Schule, wurde abgelehnt, blitzte ab bei Wolfgang Joop, Jil Sander und Hugo Boss. Er landete in der Kleiderkammer der Hamburger Oper. Plötzlich stand er mit anderen, netten Leuten und schrägen Typen auf der großen Bühne des Lebens.

„Okay, ich saß dort auch oft rum. Aber ich traf auf einen Gewandmeister, der mir viel zeigte.“ Später ging er dreieinhalb Jahre lang an eine Designschule in   Kopenhagen, hörte etwas von Form- und Silhouettenlehre, von Kollektionserstellung und Schnittgestaltung. Als alle von Design zu sprechen begannen, wollte er es maßgerecht. Den Labelzwang der Jugendkultur ließ er hinter sich. Stil ist Widerstand. „Ketzerisch gesagt, geben doch an solchen Schulen nur Leute den Ton an, die es im wahren Leben nicht geschafft haben, die nicht wissen, wie es in einer Schneiderei oder einer Näherei oder einem Modehaus aussieht.“

Mehr zum Thema

Reimer bekam eine Ahnung, als er nach der Schule zu Joop ging, der Ende der Achtziger einen Assistenten und einen Mann fürs Produktionsmanagement brauchte. Reimer bekam den Job, war glücklich, doch nach einigen Saisons und einem lautstarken Streit wieder draußen. „Onkel Joop ist ein Supertyp“, sagt er heute. „Wenn der Laden nicht läuft, muss halt jemand vor die Tür, und dieser Jemand war in dem Fall ich. So, what?“ Er war ja nicht am Ende. Tom Reimer machte seinen eigenen Laden auf, holte sich einen der alten Meister aus der Oper und legte los. In ganz Hamburg gab es da kaum 20 Herrenmaßschneider, eine Generation davor waren es noch 600. Die Industrie hatte das Handwerk beschnitten. „Der Niedergang war nicht nur dem Lauf der Zeit geschuldet“, sagt Reimer. „Das war auch die sture Art vieler Schneider, haarscharf am Kunden vorbeizunähen.“ Maßarbeit hatte sich nicht überlebt, sie musste nur neu interpretiert werden. Er machte sich an die Arbeit. Pavarotti ließ Fräcke bei ihm nähen, Joop bestellte Anzüge, und so ging es weiter.  Reimer, der die deutsche Mode der zwanziger und dreißiger Jahre mag, hat heute rund 400 Kärtchen in der Kundenkartei und 15 Schneider in seiner Werkstatt. „Ich sage nicht, dass wir hier einen supermodernen Betrieb haben, aber wir sind auch kein Museum.“

Hamburg ist eine Weltstadt, durch die eine frische Brise geht, die schon so manchen weggefegt hat. Reimer ist noch da. Früher zogen sich die Hanseaten gern wie die Lords in London an, edel, fein und etwas steif. Anzüge wie Rüstungen, kräftig, wehrhaft, kampfbereit. „Der englische Look war eine kugelsichere Sache. Wir haben dann ein paar Kanten abgeschliffen.“ Also wurden die Schultern weicher, die Taillen weiter. Die Nähte der Revers sind in Doppelreihe durchgepunktet, Hosenaufschlag und Ärmelabstand bis zur Raupe im Schneidermaß, die Ärmelknöpfe sind überlappend aufgenäht, der Schneider sagt: „Sie küssen sich.“ Den Schnitt zu machen ist die größte Kunst. Reimer breitet die Einzelteile eines Papierbündels auf der langen Schneidertafel aus. Der Laie sieht nur Striche, Linien und Kurven eines zerschnittenen Stadtplans. Der Profi erkennt ein Jackett.

Eine gute Jacke hat immer ein Gerüst, der Oberstoff ist praktisch die Hülle. „Wir arbeiten nach unserem eigenen System.“ Die alten Zuschnittsysteme reichen nicht mehr aus. „Wir quälen nicht alles über fünf Grundschnitte drüber. Wir machen für jedes Stück einen ganz eigenen Schnitt. Jede Kurve, jede Gerade, jeder Ein- und Aufschnitt. Im Zeitalter des Computers ist das kein Problem mehr. Man muss die Rechner nur bedienen können“. Reimer nahm  eines der alten Maßsysteme, griff zu einer modernen Software und konstruiert mit beidem die Schnittmusterbögen seiner Kunden. Millimeter- und passgenau.

Seine Schnitte sind wie seine Sprüche: Sie sitzen. „Natürlich wird bei uns auch anprobiert, abgesteckt und korrigiert“, sagt er. „Aber mit dem Computer sind wir einen Tick besser als früher.“ Sein Büro ist ein kleines Hinterzimmer im fröhlichen Zustand geschäftiger Unordnung. Alte Stiche an den Wänden, ein Glasschrank voller Bücher, viele Papiere, ein hauchdünner Laptop. „Computer“, sagt er, „können alles, doch sie haben keinen Geschmack.“ Den muss man mitbringen oder erst mal lernen.

„Klar, wir beraten auch, aber der Kunde hat das letzte Wort.“ Guter Stil ist für ihn, „immer einen Schritt zurückzutreten“. Distanz will gewahrt sein, sie schafft Abstand und Perspektive, ist eine Form hanseatischer Höflichkeit. „Der zweite Blick ist der entscheidende.“ Der muss passen. Reimer sieht genau hin. Vor allem, wenn es um die Stoffe geht. Vor dem Zuschnitt steht das Tuch-. Und das bietet er regal-, ballen- und meterweise zur Auswahl an. Kammgarn, Tweed und Twist, Flanell, Samt oder Seide, englische und italienische, von Reid & Taylor bis Loro Piana. Manche hat Tom Reimer in kleinen Auflagen weben lassen. Eine Klasse für sich, wie damals Richard Gere als „American Gigolo“.

Quelle: Magazin «Z»

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
0:9 gegen Hoffenheim La Paloma, Oje

1899 Hoffenheim fertigt in der ersten Runde des DFB-Pokals den Hamburger Fünftligaklub USC Paloma mit 9:0 ab. Schon in der ersten Halbzeit gibt es sieben Stück. Mehr

17.08.2014, 16:27 Uhr | Aktuell
Buchsbäume Die Kunst des Schneidens

In Form geschnitten werden Pflanzen schon seit der Antike, besonders in England blüht die Leidenschaft für den scharfen Schnitt. Neuerdings aber gehören Buchskugeln und Eibensäulen zum Garteninventar wie Liegestuhl und Grill. Mehr

17.08.2014, 11:54 Uhr | Stil
Bayerischer Whisky Ein Koran im Vatikan

Dass die Bayern Bier brauen können, ist weltbekannt. Dass sie aber auch einen hervorragenden Whisky brennen können, wissen die wenigsten. Dabei haben sogar die Schotten Respekt vor ihrer süddeutschen Konkurrenz. Mehr

16.08.2014, 06:18 Uhr | Reise