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Die Meisterschneider (2) : Klaus Müller

Der Großvater Schneider, der Vater Friseur: Klaus Müllers Familie steht im Zeichen der Schere. Bild: Kien Hoang Le

Noch gibt es sie. Sechs Portraits von Maßarbeitern aus Deutschland. In Frankfurt – einer Stadt, in der es alle eilig haben – fertigt Klaus Müller Anzüge, inspiriert von längst vergangenen Zeiten.

          Im Finanzviertel fallen die Kurse, die Zinsen steigen, die Lage ist ernst. Berlin rettet wieder mal den Euro, London ist skeptisch, New York wird zweifeln, Tokio liegt schon im Bett. Geld kennt keine Grenzen und keine Zeit. Die Banker in Frankfurt haben es eilig. Schnell noch einen Kaffee und den Schlips gestrafft, als befänden sie sich im Würgegriff unbestimmter Mächte.

          Stephan Finsterbusch

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Klaus Müller schließt das Fenster und geht mit dem Bügeleisen über den Kragen. Müller ist zufrieden. Das Revers ist schön. Steigende Ecken, nicht zu groß, nicht zu lang, glatte Spiegelnaht, schöne Fasson. Ein Schneidermeister im Schatten der Bürotürme. Kirchnerstraße: links die Deutsche Bank, dann die Sparkasse, vor ihm die Commerzbank. Von der Zimmerdecke flimmert Neonlicht.

          Müller setzt auf gute Form. Randlose Brille, Monogramm am Hemd, die Ruhe in Person. Er nimmt einen Klassiker zur Hand, einen Gehrock wie zu Großvaters Tagen, Oberteil, Taillennaht, knielange Schöße, Rosshaareinlagen, alles beste Ware, Schönheit in Kammgarn.

          Müller hat das Stück vor vier Jahren gemacht, nach einer Vorlage aus der Zeit der Weltwirtschaftskrise. Als die Börsen verrückt spielten, stand Handwerk im Kurs. Drei Generationen später schneiderte er es in langen Abendstunden auf sein eigenes Maß und nähte es von Hand. Er stellte es im Laden aus und hoffte auf Interessenten. Mittlerweile hat er zehn Bestellungen für das eine Modell. Die arbeitet er mit seiner kleinen Mannschaft Stück für Stück ab. Das nächste Experiment: Eine Weste aus den Zwanzigern, eleganter Nadelstreifen, mit Kragen und eingearbeiteten Taschen, früher für Uhren, heute für Handys. Müller ist der Kaufmann unter Deutschlands Meisterschneidern, ein Rechnungsführer, der sich nach der Lehre von Soll und Haben mit der Nadel einst die Finger zerstach.

          Die Kunden sind Anwälte, Architekten, Ärzte

          Mit 13 Jahren fing er an. Sein Großvater war Schneider bei Fulda, sein Vater arbeitete als Friseur, eine Familie im Zeichen der Schere. Müller träumte davon, Lokführer zu werden. Als Kind musste er in der Schneiderstube aushelfen, nach der Buchhalterlehre stieg er Anfang der Sechziger in eine Maßschneiderei in Frankfurt ein. Die Messestadt hatte viel textile Tradition, die Konjunktur brummte. Wo an den Gassen heute  himmelhohe Banken stehen, arbeiteten vor 100 Jahren fast 200 Schneider. Vor dem Ersten Weltkrieg Volkert und Jureit, nach dem Zweiten Weltkrieg Prokowski, Küchel und Hassemer.

          Müller führte im Atelier von Küchel die Bücher und lernte das Handwerk: einfache oder doppelte Kappnaht, Stepp-, Blind- und Pikierstich, Schnittkonstruktion, Werkstattleitung, Probeabnahmen. Anzüge für Gentlemen-Banker wie Abs, Lichtenberg oder Blessing. Müller wusste bald, wie ein Schneider-laden lief. Rudolf Hassemer hatte das Haus Küchel übernommen. Das war auf Uniformen spezialisiert und belieferte große Fluggesellschaften, Lufthansa, KLM, Air Canada. Müller schrieb große Zahlen in die Geschäftskladden. Dafür hatte der alte Hassemer nach dem Vorbild arbeitsteiliger englischer Schneider zwischen Aschaffenburg und Sulzbach ein Netz hochspezialisierter Heimarbeiter geknüpft.

          Anfang der Achtziger begannen die Fluggesellschaften, ihre Uniformen in Asien fertigen zu lassen. Küchel setzte auf Privatkunden. Die Zahlen, die Müller jetzt schrieb, waren kleiner. Ende der Neunziger bot ihm Hassemer die Firma zum Kauf an. Müller griff zu und wandelte sie in eine Kommanditgesellschaft um. Heute macht er 300 bis 400 Stücke im Jahr, lässt vieles von einer familiengeführten Drei-Mann-Maßschneiderei im thüringischen Steinbach-Hallenberg nähen und beschäftigt in seiner Frankfurter Werkstatt zwei Aushilfen und einen Schneider. Seine Frau managt Bücher, Telefon, Briefverkehr.

          Die Kunden sind Anwälte, Notare, Architekten, Ärzte. Gut, edel, teuer muss es sein: Kammgarnflanell, weiche Schurwolle, Raw- und Harris-Tweed. Banker tragen lieber von der Stange, denn Labels sind wichtig, Hauptsache dunkel, blau oder grau. Gern tragen sie Kragen mit  Stab, vielleicht hält das alles zusammen in Tagen, in denen die Zeichen in den Finanzhäusern auf Sturm stehen. Müller bleibt cool. Er führt ganz ruhig seine Nadel, im Schatten der Türme.

          Quelle: Magazin «Z»

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