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Die Meisterschneider (1) Max Dietl, der Traditionalist

Noch gibt es sie: Maßarbeiter in Deutschland. Den Auftakt unserer Porträt-Reihe macht Max Dietl. Er ist als Herr der größten deutschen Maßschneiderei in die Fußstapfen seines Vaters getreten.

© Andreas Müller Vergrößern „Ich kriege bis heute keinen Knopf an die Jacke“: Max Dietl leitet die größte deutsche Maßschneiderei.

Signore Constantino hat es eilig. Er greift sich sein Jackett, schnappt sich das Maßband, schiebt sich im Gehen das Nadelkissen auf den Unterarm und rennt die Treppe hinunter. In einer halben Stunde, ruft er, sei er wieder da, vielleicht etwas später, mal sehen. Constantino verschwindet in der Tiefe, Kunden lässt man nicht warten, auch nicht, wenn der Chef in der Werkstatt ist.

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Max Dietl kennt das. Der Herr des Traditionshauses an der Münchner Residenzstraße steht im Atelier der größten deutschen Maßschneiderei, unter ihm drei feine Ladenetagen, über ihm das Dach. „Unser Himmelreich“, sagt er und meint die Werkstatt. Hohe Fenster, Schneidertafeln, Stoffregale, Drapierpuppen, Bügeleisen, Scheren, Nadeln, Zwirnrollen. Von der Decke hängen lange schmale Lampenschirme, an den Wänden stehen Ständer voller Kleider.

Dietl streift eine Anzugjacke vom Bügel und streicht über die Schulter. Perfekt geschnitten, kaum gepolstert, weich gerundet, leicht geraffte Nähte. Giuseppe Constantino sei einer der besten seines Fachs, sagt Dietl. Ein Zuschneider erster Klasse, Italiener mit deutschem Meisterbrief und mediterranem Feingefühl. Streng in Balance und Proportion, locker in der Form, schmale Taille, Seitenschlitze, den Brustabnäher bis zum unteren Saum geführt, Jackenärmel im Hemdenstil, das Armloch ist klein, die Crochetnaht hoch, die Brusttasche ganz leicht geschwungen. Hosen haben oben eine Bundfalte, unten einen Umschlag.

„Nur Maßschneiderei trägt ein großes Haus nicht“

Das Haus Dietl ersetzte Ende der Sechziger die geplättete Uniformität englischer Anzüge durch die ungebügelte Nonchalance italienischer Schnitte. Damals war auch Constantino nach München gekommen. Er arbeitete für den alten Max Dietl, der einer Familie von Schneidern entstammte und schon in den Zwanzigern als Zuschneider für die Münchner Firma Konen nähte, bevor er nach dem Krieg eine eigene Schneiderei aufmachte und aus alten Uniform- neue Trachtenjacken nähte. Der Laden lief, Dietl kaufte das alte Haus an der Residenzstraße. Er kleidete den Krupp-Erben Arndt von Bohlen und Halbach ein, den Bayreuther Nachlassverwalter Wieland Wagner, den Bundespräsidenten Walter Scheel, den Versandhausherrn Gustav Schickedanz.

Max Dietl senior fuhr Jaguar und beschäftigte mehr als 100 Mitarbeiter: Näher, Plätter, Verkäufer. Neben Herren- bot er auch Damenmode, neben Maßarbeit auch italienische Meisterkonfektion an: Brioni, Zegna, Kiton. „Nur die Maßschneiderei trägt ein so großes Haus nicht“, sagt Max Dietl junior. Allein die Verkaufsfläche macht knapp 2000 Quadratmeter aus. Die Italiener kamen zur richtigen Zeit. Dietl senior öffnete ihnen die Türen. Das stieß in der Innung auf Kritik, doch sicherte es dem Haus das Überleben.

Als Dietl Anfang der Neunziger starb, übernahm sein Sohn die Geschäfte, gerade 27 Jahre alt, das kaufmännische Studium frisch beendet. Er war kein Schneider und konnte nicht nähen. „Ich kriege bis heute keinen Knopf an die Jacke“, sagt er und lacht. Er hat seine Leute und ein gutes Auge, sieht, was sitzt, was passt, was gut aussieht. Dietl junior hörte sich die Pläne professioneller Berater an: Firma verkaufen, Haus vermieten, billiger und bunter  werden, die Werkstatt schließen, ganz auf Konfektion setzen. Dietl machte weiter, wo sein Vater aufhören musste: „Klein, fein, mein, das gab mir mein Vater mit auf den Weg.“

Max Dietl hielt an 25 Näherinnen und den drei Schneidermeistern Hans Roderer, Giuseppe Constantino und Giuseppe de Salvo fest, renovierte das Haus, setzte ins Erdgeschoss das Sportliche, in die erste und zweite Etage Damen- und Herrenmode, in die dritte die Maßarbeit und unters Dach die Werkstatt mit Zuschneiderei, Näherei, Bügelei. Dietl macht alle Geschäfte auf eigene Rechnung, nichts auf Kommission, nichts auf Kredit. Jede Saison ein Millionen-Risiko. Dafür kann er kontieren, fünf Prozent bei zehn Tagen Zahlungsfrist. Seine Frau leitet die Damenabteilung, seine Tochter kauft ein und macht die Werbung. Als Ciro Paone, der Kiton-Gründer, einst in der Werkstatt stand, war er so begeistert, dass er in einem leidenschaftlichen Gespräch mit den Schneidern über Schulterpartien seine Jacke auszog und seinen Ärmel herausriss. Von Dietl verlangte er einen neuen und bekam ihn.

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Quelle: Magazin «Z»

 
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