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Deutsche Modemacher We’ll always have Paris

Auf Transit an der Seine: Immer mehr Modemacher aus Deutschland zeigen ihre Kollektionen beim Prêt-à-porter. Und die neue deutsche Liebe scheint auf Gegenseitigkeit zu beruhen.

© Helmut Fricke Vergrößern Ein Land auf dem Laufsteg: mit Bernhard Willhelm über die Autobahn

Das kann ja heiter werden! Die Models sind nur hälftig im Gesicht geschminkt, dafür ist das Make-up dort extra dick aufgetragen. Der Designer trägt Camouflage-Turnschuhe, einen großen bunten Schal mit der Aufschrift „100%“ und eine Malerhose mit vielen Flecken. Und damit hier all die üblichen Vorstellungen von Winterkollektionen über den Klamottenhaufen geworfen werden, tragen einige Models über ihrem Hemd auch noch einen Bikini. Das Frühjahr kann beginnen!

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Am Donnerstagabend drehen also gleich ein paar neue Erkenntnisse ihre Runden beim Prêt-à-porter: Die Mode ist nicht nur dafür gut, die Kundin in selbstverschuldeter Unmündigkeit zu belassen. Sie kann sogar den schönen Schein auf witzige Art zunichte machen und so etwas Neues schaffen. Und die allerseltsamste Erkenntnis über diese unterhaltsame Theorie der Mode: Der Designer ist ein Deutscher.

Sehnsuchtsort Paris

Bernhard Willhelm ist zu kreativ, um sich auf einen Trend festzulegen. Seit seinem Abschluss an der Mode-Akademie in Antwerpen vor 13 Jahren bringt er mit jeder Kollektion, die er mit einem kleinen Team erarbeitet, das Publikum auf neue Gedanken. Aber auf eines kann man ihn festlegen: Er ist Deutscher. Und das ist in Paris wirklich gerade ein Trend.

Nie zuvor standen so viele Deutsche auf dem Kalender der Pariser Modekammer und auf der Liste der Off-Shows und Showroom-Präsentationen. Wieder einmal ist Lutz Huelle dabei. Im Espace Evolution zeigte am Freitagnachmittag die Marke Rundholz ihre Kollektion. Jörg Ehrlich und Otto Drögsler (Odeeh) sind am Dienstag zum zweiten Mal hier. Andere Designer sind gleich halb an die Seine gezogen: René Storck, der sich hier zum dritten Mal zeigt, lebt in Frankfurt und Paris, Ines Kaag und Desiree Heiss (Bless) leben in Berlin und Paris, Johnny Talbot und Adrian Runhof (Talbot Runhof) in München und Paris. Mehr denn je ist Paris für deutsche Modemacher ein Umschlagplatz - und ein Sehnsuchtsort.

Pret-à-porter-Woche - In Paris wird die Mode für Herbst und Winter 2012 vorgestellt. Schwarz - die Lieblingsfarbe der Deutschen bei Lutz © Helmut Fricke Bilderstrecke 

Dieses Mal feiert auch Andrea Karg Premiere. Sie ist mit ihrer Kaschmir-Marke Allude zwar schon seit einigen Jahren in Frankreich, nämlich in vielen Läden. Aber am kommenden Mittwoch wird sie erstmals mit einer Schau auftreten. Am heutigen Sonntag will sie mit acht Mitarbeitern in ein großes Appartment in der Nähe der Madeleine ziehen, damit die familiäre Arbeitsatmosphäre an der Seine gewahrt bleibt - in München kochen und essen sie schließlich auch jeden Mittag zusammen.

Vier Mal hat sie ihre Kollektion auf der Berliner Modewoche gezeigt. Aber wie ihre Kollegen von Odeeh scheint sie dort an eine gläserne Decke gestoßen zu sein. Die Auftritte waren zwar sehr erfolgreich, aber internationale Gäste kommen nach Berlin vor allem für Street- und Sportswear. In Paris dagegen hat etwa René Storck, der in seiner Kollektion für Herbst und Winter am Dienstag unter anderem Art-déco-Drucke und neue Silhouetten aus Doubleface-Stoffen präsentieren wird, bei den letzten Auftritten mehr als ein Dutzend neuer amerikanischer Kunden gewonnen. Paris bringe einen im Geschäft und im Design weiter: „Man kann sich hier nicht durchwursteln. Die Kritik ist stärker, aber auch fundierter. Schließlich ist in dieser Stadt alles entstanden, was wir unter Mode verstehen.“

Gerne auf die letzten Tage verbannt

Den Abgleich mit der internationalen Szene scheut auch Andrea Karg nicht. „Die französische Presse hat uns bestärkt, hierher zu kommen.“ Ihre Marke, die unabhängig ist von Großkonzernen, soll nun weiter nach Russland und in die arabische Welt expandieren. Sie wurde gleich in den offiziellen Kalender aufgenommen. Die neue deutsche Liebe scheint also auf Gegenseitigkeit zu beruhen. Andererseits ist die Modekammer nicht liebestrunken: Die Neuen werden gerne auf die letzten Tage verbannt, wenn viele Journalisten und Einkäufer schon wieder abgereist sind.

Lutz Huelle, der seine Marke „Lutz“ im Jahr 2000 gegründet hat, ist in der Mitte angekommen. Zwischen Rick Owens und Nina Ricci zeigt er am Donnerstag eine Kollektion, die mit wunderschönen skulpturalen Jacken heraussticht. Der Modeschöpfer, der aus Remscheid stammt, ließ sich, ja, durch einen Regenschauer inspirieren. Traurig ist es trotzdem nicht: Während die Models mit großen Kapuzen und wasserabweisenden plastifizierten Seidenkleidern über den Laufsteg gehen, tanzt er backstage ausgelassen zu „I saw you dancing in the rain“.

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Über all die neuen Kollegen aus Deutschland sagt Lutz, der heute in seinem Atelier an der Rue du Temple zwölf Mitarbeiter beschäftigt: „Ich freue mich, dass die alle kommen. Je mehr, desto besser.“ Auch Johnny Talbot und Adrian Runhof („Talbot Runhof“) sind begeistert von dem Zuspruch - schließlich waren sie nach Wolfgang Joops „Wunderkind“ die Ersten, die zur Schauensaison rübermachten. Seit ihrer ersten Schau im Oktober 2006 hier explodiert das Geschäft, die Umsätze wuchsen hoch zweistellig und liegen nun im unteren zweistelligen Millionenbereich. Ihre Kollektion ist dieses Mal mit mehr als 4000 Stoffblättern besetzt, die in Thüringen gestanzt und in München auf die Kleider genäht wurden. „Der Laufsteg beflügelt“, meint Adrian Runhof. Es könnte das Motto der neuen deutschen Mode sein.

Am meisten beflügelt ist aber immer noch Bernhard Willhelm - sogar von Deutschland! Er spielt frisch importierten deutschen Techno ein (manche der Tracks sind nicht einmal zwei Wochen alt). Und die gute alte deutsche Autobahn schlägt sich unter anderem im weiß-blauen Autobahn-Symbol auf riesigen Kissen nieder. Sein Motto „Transit“ erinnert nicht nur an den Transit-Verkehr durch die DDR. Sondern auch daran, dass in Paris alles transitorisch ist. Vielleicht sogar die Deutschen.

Quelle: F.A.S.

 
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