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Designhauptstadt Helsinki : Echte Natur gestalten

Schon vor 15 Jahren wurde die „Block Lamp“ von Harri Koskinen entwickelt. Bild: Design House Stockholm

Helsinki ist in diesem Jahr Welthauptstadt des Designs. Eine Reise in ein Land, das wie kaum ein zweites den Geschmack der Welt geprägt hat.

          Diese Reise in die diesjährige Designhauptstadt der Welt beginnt gut 50 Kilometer von Helsinki entfernt und 350 Meter unter der Erde. Es ist ein kaltes Vergnügen, das mit einem Willkommenscocktail startet und mit einem Apfelkuchen und einer Sanddorn-Calvados-Sauce in 200 Meter Tiefe endet. „Muru“, das vielleicht beste Restaurant Helsinkis, ist aus der Stadt und unter die Erde gezogen. Für einige Wochen hat es in der tiefsten Kalkmine der Welt, die noch in Betrieb ist, Tische, Bänke und eine ganze Küche aufgestellt.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          In der Mine Tytyri erwarten den Gast nicht nur geräucherter Lachs und gebratenes Kalbsfilet. Auf die Tische kommt auch, was unter Finnlands Kreativen Rang und Namen hat: Da steht Alvar Aaltos berühmte Vase, die organisch geschwungen wie eine Wolke und Finnlands berühmtestes Designstück überhaupt ist, neben den geriffelten Wassergläsern seiner Frau Aino. Tapio Wirkkala ist mit seinen Schnapsgläsern „Ultima Thule“, die zerklüftet sind wie schmelzendes Lappland-Eis, genauso vertreten wie auch der wohl wichtigste zeitgenössische finnische Designer Harri Koskinen. Von seiner neuen Geschirrserie „Sarjaton“, auf der sich unter anderem alte finnische Stickereien und kleine Zweige wie geflochtene Zöpfe finden, wird an diesem Abend gegessen.

          Tatsächlich besitzt jeder Finne mindestens ein Aino-Aalto-Glas

          Normalerweise nähert man sich Helsinki aus der Luft oder – noch besser – vom Meer. Fast eine halbe Million Besucher kommen jeden Sommer auf Kreuzfahrtschiffen vom Finnischen Meerbusen her in die Hafenstadt, vor allem Touristen aus dem Baltikum, die mal eben die Land-Seiten wechseln (Helsinki liegt gegenüber der estnischen Hauptstadt Tallinn), oder aus dem nur wenig ferneren St. Petersburg. Das Panorama der Stadt, das noch immer vom 150 Jahre alten Dom und der Uspenski-Kathedrale, der größten orthodoxen Kirche Westeuropas, überragt wird, beeindruckt den von der See her Anreisenden besonders. Zunächst nur mit seinen neoklassizistischen Fassaden.

          Dahinter verbergen sich aber viele noch prachtvollere Jugendstil-Bauten. Sie zeugen vom wachsenden Reichtum der Bürger um die Jahrhundertwende. Der Wohlstand war aber nicht von Dauer. Blutige Kriege mit dem einst das Land beherrschenden östlichen Nachbarn, der Sowjetunion, stürzten große Teile der Bevölkerung des Landes in Armut. Es wäre zu einfach, den meist als „minimalistisch“ gerühmten Stil der maßgeblichen finnischen Designer, ihren Rückgriff auf einfache Materialien und Herstellungsprozesse wie Handarbeit, nur mit der Zeit der Not und des Mangels zu erklären. Doch ohne Zweifel wurden viele große Gestalter des 20. Jahrhunderts davon beeinflusst. Etwas Schönes für jeden, so lautete ein Credo der Kriegs- und Nachkriegsgeneration. Und es sollte etwas sein, das mit Land und Leuten zu tun hat.

          Bestes Beispiel: Die nach Aino Aalto (Jahrgang 1894) benannte Glasserie, die auch nach genau 80 Jahren noch eines der erfolgreichsten Produkte des Herstellers Iittala ist. Jeder sollte sie sich leisten können, und weil die Gläser mit ihren markanten Ringen auch noch schön sind (Inspiration waren Wellen, die entstehen, wenn ein Stein ins Wasser geworfen wird), hat tatsächlich jeder Finne mindestens ein Aino-Aalto-Glas in seinem Schrank stehen, von Restaurants, Hotels und überhaupt allen öffentlichen Gebäuden zu schweigen.

          Und auch Kaj Franck (Jahrgang 1911) tat seinen Landsleuten Gutes: Mit seinem weißen Geschirr „Teema“ (ursprünglich „Kilta“) verbannte er das mit Dekor überladene und aus zahllosen Einzelteilen bestehende Großmutter-Service aus fast jedem finnischen Haushalt. Später dann flog „Teema“ mit Finnair als Bote des guten Geschmacks über die Ozeane und wurde zum Exportschlager.

          What you see is what you get

          Das finnische Design, kaum aus der Not geboren, bekam schon früh seine internationale Plattform – mit den Olympischen Sommerspielen im Jahr 1952. Ganze Hotels wurden eigens für das Treffen der Jugend der Welt gebaut und mit allem, was an Wohlgestaltetem damals aufzubieten war, ausgestattet. Dabei wurde das angeblich erste Designhotel der Welt, das „Halkin“ im Herzen des Londoner Stadtteils Belgravia, erst 30 Jahre später eröffnet. Heute herrscht in der Designhauptstadt Helsinki an Designhotels kein Mangel – am bekanntesten ist wohl das „Klaus K“, benannt nach dem finnischen Nationalepos „Kalevala“, an dem auch Künstler wie Riiko Sakkinen und Jani Leinonen sowie natürlich Harri Koskinen mitentworfen haben.

          „Finnisches Design“, sagt Koskinen, „ist ehrlich.“ Kein Schnickschnack, „what you see, is what you get“. „Es macht Sinn, ist funktional, läuft keinen Trends hinterher und ist darum zeitlos schön.“ Erstaunlich, wie unbeeinflusst von außen auch die nachfolgenden Designergenerationen auf den Minimalismus setzen. Glas, Holz, Papier sind noch immer die bevorzugten Materialien. Und die Nachwachsenden spielen bei ihren Arbeiten geradezu mit der Natur Finnlands, wie einer von Koskinens ersten Entwürfen aus dem Jahr 1996 zeigt: Für seine „Block Lamp“ hat er eine Glühbirne in einen Block künstlichen Eises „eingefroren“ – ein irritierender und ausgesprochen schön leuchtender Effekt.

          Harri Koskinen ist der wohl vielseitigste Designer Finnlands. Die „Block Lamp“ ist sein bekanntester Entwurf. Bilderstrecke

          Mit der Natur irgendwie in Einklang fühlt sich angeblich das ganze finnische Volk, obwohl es doch unter den langen dunklen Wintermonaten zu leiden hat. Finnen gelten als distanziert, pessimistisch oder zumindest melancholisch, was natürlich auch mit dem Mangel an Sonne zu tun hat. Vermutlich gerade darum ist in Finnland der Tango seit bald 100 Jahren so beliebt. „Wir sind einfach nicht gut darin, Gefühle zu zeigen. Und Tango ist eine Möglichkeit, unsere Gefühle auszudrücken“, sagt Siru Nori von Iittala. Und es sei auch  in früheren Zeiten oft die einzige Möglichkeit gewesen, sich nahe zu kommen. Darüber hinaus liebt das Volk Finnlands sentimentale Musik in Moll – dazu Hard Rock und Karaoke. Selbst in einer öffentlichen Toilette in der Stadt kann man neuerdings die Lippen zur Konservenmusik bewegen.

          Eine Karriere auf Papier gebaut

          Tradition und Moderne versöhnen sich in kaum einer anderen Hauptstadt Europas schöner als in Helsinki. Das beweist nicht zuletzt eine der ganz großen Künstlerinnen des Landes:  Ritva Puotila (Jahrgang 1935). Noch heute bewahrt sie das alte Paar Schuhe aus dem Jahr 1942 auf, das ihrer Karriere auf die Sprünge geholfen hat. Die Sohlen sind aus Holz, der Rest besteht statt aus Leder aus geflochtenem Papier. „Damals gab es einfach kein anderes Material“, sagt Puotila, und im Sommer hätten die Schnürschuhe auch fast allen Widrigkeiten standgehalten. Später, als sie schon in Helsinki am Institut für handwerkliche Fertigkeiten, wie es damals hieß, in die Lehre ging, begann sich Ritva Puotila zu fragen, ob sich Papier nicht auch mit modernem Design verbinden ließe. Seither hat sie als Künstlerin und Industriedesignerin mit keinem anderen Material so viel und ausgiebig experimentiert und gearbeitet wie mit diesem ihre Heimat so prägenden Rohstoff.

          Auf Papier gebaut hat sie dann auch ihre zweite Karriere – als Firmenchefin, allerdings von Anfang an zusammen mit ihrem Sohn Mikko. Vor einem Vierteljahrhundert wagten die beiden den mutigen Schritt und gründeten Woodnotes, ein Jahr nach ihrer ersten großen Retrospektive und nur wenige Tage, nachdem er sein Wirtschaftsstudium, Schwerpunkt Marketing, abgeschlossen hatte. Teppiche aus Papier, Schmuck aus Papier, Taschen aus Papier, Raumteiler aus Papier, neuerdings auch Blenden für die Wand („acoustic panels“), die Schall schlucken und damit das Klima eines Raums akustisch verbessern.

          Inzwischen produziert das Familienunternehmen der Puotilas sogar Möbel aus Papier – wie etwa den super bequemen Lounge Chair „K“ mit Ottoman von Harri Koskinen (Jahrgang 1970). Insgesamt überschaubare 56 Produkte hat Woodnotes im Angebot. Fast alles wird von Hand hergestellt, und es werden stets nur natürliche Materialien verwendet. Überall steckt allerdings auch Papier drin. Ein Muss, selbst wenn, und das bedauert Puotila, der Rohstoff aus Schweden stammt, weil in Finnlands Fabriken Papier in solchen Massen hergestellt wird, dass Woodnotes als Kunde einfach zu klein ist. Und auch ein Teil der Produktion findet nicht in Finnland, sondern in Estland statt.

          Das gute Alte hat über das schlechte Neue obsiegt

          Papier, sagt Puotila, sei wirklich geduldig. Zumindest ist das von ihnen verwendete, meist in Fadenform versponnene und dann verwebte Papier strapazierfähig. Selbst Kaffee oder Rotwein lasse sich von ihren Teppichen einfach abtupfen. Alle Wood-notes-Produkte sind ökologisch abbaubar und könnten problemlos auf dem garteneigenen Kompost verrotten. Die papiernen Ergebnisse können sich sehen lassen. Der Teppich „Beach“ von Ritva Puotila, in dessen zwei Farben sich Strand und Meer widerspiegeln, wurde erst in diesem Jahr auf der Kölner Möbelmesse IMM mit einem „Interior Innovation Award“ ausgezeichnet.

          Wie es zum Namen Woodnotes kam? Weil er viele Assoziationen befördere, sagt Mikko Puotila. „Zunächst steht Finnland ja für Wälder.“ Man könnte aber auch ans Weben von Teppichen denken, an die kleinen Knoten, englisch „knot“. Eigentlich aber, sagt Puotila, geht Woodnotes auf das gleichnamige Gedicht des Amerikaners Ralph Waldo Emerson zurück, in dem er die Töne des Waldes beschreibt, wenn sich zum Beispiel Espenlaub im Wind bewegt. Symbolhaft ist auch der Ort, an dem Ritva Puotila ihre Werkstatt und Mikko Puotila seinen Showroom haben: in einer ehemaligen Kabelfabrik von Nokia. Anscheinend hat hier, im zugleich größten Kulturzentrum Finnlands, das gute Alte über das schlechte Neue obsiegt.

          1945 bis 1967: Die goldene Ära des finnischen Designs

          Finnland ist eine erfolgreiche Industrienation. Fiskars ist der beste Beweis. Der größte Verkaufsschlager des 1649 gegründeten Eisenwerks stammt aus dem Jahr 1967: eine Schere mit orangefarbennem Plastikgriff, die sich bislang auf der ganzen Welt eine Milliarde Mal verkauft hat. Der Kunststoff senkte vor allem die Produktionskosten der einstmals ganz aus Metall bestehenden Scheren erheblich. Das Orange des Designerstücks, das seinem Gestalter zufällig in der Restetonne in die Hände fiel, wurde später zum Markenzeichen des Unternehmens und findet sich nun an jedem Produkt des Hauses Fiskars.

          Natürlich ist auch die Schere inzwischen ein Exponat des einzigen finnischen Designmuseums, so wie rund 7500 weitere Produkte. In diesem Jahr zeigt das Designmuseo in Helsinki in einer Ausstellung mit dem stolzen Titel „Die Erbauer der Zukunft“ finnisches Design aus den Jahren 1945 bis 1967. Es war die goldene Ära. Wenn auch viele der bekanntesten Arbeiten vor 1945 entstanden sind, so fand das finnische Design doch erst nach dem Krieg auch international die ihm gebührende Beachtung.

          Eine Designreise in die diesjährige Designhauptstadt der Welt muss einfach im Wohnhaus und Studio der beiden Lichtgestalten des finnischen Designs enden. Bis zu 30 Architekten arbeiteten im Haus an der Straße mit Namen Tiilimäki, die in Munkkiniemi liegt und erst seit wenigen Jahrzehnten zu Helsinki gehört. Früher fuhr eine private Tram hinaus in die Wälder zu Aino und Alvar Aalto. Heute fährt eine Straßenbahn in die nicht mehr ganz neuen Neubaugebiete der Stadt. Ihr Vermächtnis ist groß, und es ist überall zu haben, auch weil die beiden 1935 mit zwei Freunden das Unternehmen Artek gründeten. Es sollte ihre Möbel verkaufen, zugleich aber auch eine moderne Wohnkultur in Finnland befördern. Dass sie damit gleich die ganze Welt erreichen würden, hätten sie sich damals wohl selbst nicht träumen lassen.

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