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Veröffentlicht: 28.10.2012, 11:12 Uhr

Designhauptstadt Helsinki Echte Natur gestalten

Helsinki ist in diesem Jahr Welthauptstadt des Designs. Eine Reise in ein Land, das wie kaum ein zweites den Geschmack der Welt geprägt hat.

© Design House Stockholm Schon vor 15 Jahren wurde die „Block Lamp“ von Harri Koskinen entwickelt.

Diese Reise in die diesjährige Designhauptstadt der Welt beginnt gut 50 Kilometer von Helsinki entfernt und 350 Meter unter der Erde. Es ist ein kaltes Vergnügen, das mit einem Willkommenscocktail startet und mit einem Apfelkuchen und einer Sanddorn-Calvados-Sauce in 200 Meter Tiefe endet. „Muru“, das vielleicht beste Restaurant Helsinkis, ist aus der Stadt und unter die Erde gezogen. Für einige Wochen hat es in der tiefsten Kalkmine der Welt, die noch in Betrieb ist, Tische, Bänke und eine ganze Küche aufgestellt.

Peter-Philipp Schmitt Folgen:

In der Mine Tytyri erwarten den Gast nicht nur geräucherter Lachs und gebratenes Kalbsfilet. Auf die Tische kommt auch, was unter Finnlands Kreativen Rang und Namen hat: Da steht Alvar Aaltos berühmte Vase, die organisch geschwungen wie eine Wolke und Finnlands berühmtestes Designstück überhaupt ist, neben den geriffelten Wassergläsern seiner Frau Aino. Tapio Wirkkala ist mit seinen Schnapsgläsern „Ultima Thule“, die zerklüftet sind wie schmelzendes Lappland-Eis, genauso vertreten wie auch der wohl wichtigste zeitgenössische finnische Designer Harri Koskinen. Von seiner neuen Geschirrserie „Sarjaton“, auf der sich unter anderem alte finnische Stickereien und kleine Zweige wie geflochtene Zöpfe finden, wird an diesem Abend gegessen.

Tatsächlich besitzt jeder Finne mindestens ein Aino-Aalto-Glas

Normalerweise nähert man sich Helsinki aus der Luft oder – noch besser – vom Meer. Fast eine halbe Million Besucher kommen jeden Sommer auf Kreuzfahrtschiffen vom Finnischen Meerbusen her in die Hafenstadt, vor allem Touristen aus dem Baltikum, die mal eben die Land-Seiten wechseln (Helsinki liegt gegenüber der estnischen Hauptstadt Tallinn), oder aus dem nur wenig ferneren St. Petersburg. Das Panorama der Stadt, das noch immer vom 150 Jahre alten Dom und der Uspenski-Kathedrale, der größten orthodoxen Kirche Westeuropas, überragt wird, beeindruckt den von der See her Anreisenden besonders. Zunächst nur mit seinen neoklassizistischen Fassaden.

Dahinter verbergen sich aber viele noch prachtvollere Jugendstil-Bauten. Sie zeugen vom wachsenden Reichtum der Bürger um die Jahrhundertwende. Der Wohlstand war aber nicht von Dauer. Blutige Kriege mit dem einst das Land beherrschenden östlichen Nachbarn, der Sowjetunion, stürzten große Teile der Bevölkerung des Landes in Armut. Es wäre zu einfach, den meist als „minimalistisch“ gerühmten Stil der maßgeblichen finnischen Designer, ihren Rückgriff auf einfache Materialien und Herstellungsprozesse wie Handarbeit, nur mit der Zeit der Not und des Mangels zu erklären. Doch ohne Zweifel wurden viele große Gestalter des 20. Jahrhunderts davon beeinflusst. Etwas Schönes für jeden, so lautete ein Credo der Kriegs- und Nachkriegsgeneration. Und es sollte etwas sein, das mit Land und Leuten zu tun hat.

Bestes Beispiel: Die nach Aino Aalto (Jahrgang 1894) benannte Glasserie, die auch nach genau 80 Jahren noch eines der erfolgreichsten Produkte des Herstellers Iittala ist. Jeder sollte sie sich leisten können, und weil die Gläser mit ihren markanten Ringen auch noch schön sind (Inspiration waren Wellen, die entstehen, wenn ein Stein ins Wasser geworfen wird), hat tatsächlich jeder Finne mindestens ein Aino-Aalto-Glas in seinem Schrank stehen, von Restaurants, Hotels und überhaupt allen öffentlichen Gebäuden zu schweigen.

Und auch Kaj Franck (Jahrgang 1911) tat seinen Landsleuten Gutes: Mit seinem weißen Geschirr „Teema“ (ursprünglich „Kilta“) verbannte er das mit Dekor überladene und aus zahllosen Einzelteilen bestehende Großmutter-Service aus fast jedem finnischen Haushalt. Später dann flog „Teema“ mit Finnair als Bote des guten Geschmacks über die Ozeane und wurde zum Exportschlager.

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