Home
http://www.faz.net/-gut-73sge
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Designhauptstadt Helsinki Echte Natur gestalten

Helsinki ist in diesem Jahr Welthauptstadt des Designs. Eine Reise in ein Land, das wie kaum ein zweites den Geschmack der Welt geprägt hat.

© Design House Stockholm Vergrößern Schon vor 15 Jahren wurde die „Block Lamp“ von Harri Koskinen entwickelt.

Diese Reise in die diesjährige Designhauptstadt der Welt beginnt gut 50 Kilometer von Helsinki entfernt und 350 Meter unter der Erde. Es ist ein kaltes Vergnügen, das mit einem Willkommenscocktail startet und mit einem Apfelkuchen und einer Sanddorn-Calvados-Sauce in 200 Meter Tiefe endet. „Muru“, das vielleicht beste Restaurant Helsinkis, ist aus der Stadt und unter die Erde gezogen. Für einige Wochen hat es in der tiefsten Kalkmine der Welt, die noch in Betrieb ist, Tische, Bänke und eine ganze Küche aufgestellt.

Peter-Philipp Schmitt Folgen:    

In der Mine Tytyri erwarten den Gast nicht nur geräucherter Lachs und gebratenes Kalbsfilet. Auf die Tische kommt auch, was unter Finnlands Kreativen Rang und Namen hat: Da steht Alvar Aaltos berühmte Vase, die organisch geschwungen wie eine Wolke und Finnlands berühmtestes Designstück überhaupt ist, neben den geriffelten Wassergläsern seiner Frau Aino. Tapio Wirkkala ist mit seinen Schnapsgläsern „Ultima Thule“, die zerklüftet sind wie schmelzendes Lappland-Eis, genauso vertreten wie auch der wohl wichtigste zeitgenössische finnische Designer Harri Koskinen. Von seiner neuen Geschirrserie „Sarjaton“, auf der sich unter anderem alte finnische Stickereien und kleine Zweige wie geflochtene Zöpfe finden, wird an diesem Abend gegessen.

Tatsächlich besitzt jeder Finne mindestens ein Aino-Aalto-Glas

Normalerweise nähert man sich Helsinki aus der Luft oder – noch besser – vom Meer. Fast eine halbe Million Besucher kommen jeden Sommer auf Kreuzfahrtschiffen vom Finnischen Meerbusen her in die Hafenstadt, vor allem Touristen aus dem Baltikum, die mal eben die Land-Seiten wechseln (Helsinki liegt gegenüber der estnischen Hauptstadt Tallinn), oder aus dem nur wenig ferneren St. Petersburg. Das Panorama der Stadt, das noch immer vom 150 Jahre alten Dom und der Uspenski-Kathedrale, der größten orthodoxen Kirche Westeuropas, überragt wird, beeindruckt den von der See her Anreisenden besonders. Zunächst nur mit seinen neoklassizistischen Fassaden.

Dahinter verbergen sich aber viele noch prachtvollere Jugendstil-Bauten. Sie zeugen vom wachsenden Reichtum der Bürger um die Jahrhundertwende. Der Wohlstand war aber nicht von Dauer. Blutige Kriege mit dem einst das Land beherrschenden östlichen Nachbarn, der Sowjetunion, stürzten große Teile der Bevölkerung des Landes in Armut. Es wäre zu einfach, den meist als „minimalistisch“ gerühmten Stil der maßgeblichen finnischen Designer, ihren Rückgriff auf einfache Materialien und Herstellungsprozesse wie Handarbeit, nur mit der Zeit der Not und des Mangels zu erklären. Doch ohne Zweifel wurden viele große Gestalter des 20. Jahrhunderts davon beeinflusst. Etwas Schönes für jeden, so lautete ein Credo der Kriegs- und Nachkriegsgeneration. Und es sollte etwas sein, das mit Land und Leuten zu tun hat.

Bestes Beispiel: Die nach Aino Aalto (Jahrgang 1894) benannte Glasserie, die auch nach genau 80 Jahren noch eines der erfolgreichsten Produkte des Herstellers Iittala ist. Jeder sollte sie sich leisten können, und weil die Gläser mit ihren markanten Ringen auch noch schön sind (Inspiration waren Wellen, die entstehen, wenn ein Stein ins Wasser geworfen wird), hat tatsächlich jeder Finne mindestens ein Aino-Aalto-Glas in seinem Schrank stehen, von Restaurants, Hotels und überhaupt allen öffentlichen Gebäuden zu schweigen.

Und auch Kaj Franck (Jahrgang 1911) tat seinen Landsleuten Gutes: Mit seinem weißen Geschirr „Teema“ (ursprünglich „Kilta“) verbannte er das mit Dekor überladene und aus zahllosen Einzelteilen bestehende Großmutter-Service aus fast jedem finnischen Haushalt. Später dann flog „Teema“ mit Finnair als Bote des guten Geschmacks über die Ozeane und wurde zum Exportschlager.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Im Gespräch Vom Ursprung der Hobbits

Bevor er Mittelerde schuf, erzählte der britische Philologe und Schriftsteller J.R.R.Tolkien das finnische Nationalepos Kalevala nach. Das hatte Folgen. Mehr Von Tilman Spreckelsen

09.12.2014, 09:00 Uhr | Wissen
Finnland leidet unter Russland-Sanktionen

Nur 30 Kilometer von der russischen Grenze entfernt liegt der finnische Hafen Kotka, eine Art Barometer für den Handel mit Russland im Ostseeraum und in der ganzen EU. Langsam schlagen die Sanktionen und der Verfall des Rubels voll durch. Mehr

11.09.2014, 15:06 Uhr | Wirtschaft
Design Einfach Regal

Perimeter ist nur ein simples Regal, doch mit einem so überzeugenden Konzept, dass es bereits zwei Designpreise gewonnen hat. Das hatten seine Schöpfer, zwei belgische Nachwuchsdesigner, nicht erwartet. Mehr Von Peter-Philipp Schmitt

15.12.2014, 16:33 Uhr | Stil
25 Jahre Mauerfall Die Welt feiert mit den Deutschen

Zehntausende Menschen aus der ganzen Welt feiern den Fall des Eisernen Vorhangs, der mit der Öffnung der Mauer vor 25 Jahren seinen Anfang nahm. Nicht nur Deutschen fließen dabei auch heute noch die Tränen. Mehr

09.11.2014, 18:15 Uhr | Politik
Schauspielerin Judy Greer Ich weiß nicht, woher Sie mich kennen

Der Name Judy Greer sagt Ihnen nichts? Da geht es Ihnen wie Millionen anderen, denn sie ist Hollywoods erste Wahl, um die beste Freundin des Stars zu spielen. Sie weiß, wie es sich anfühlt, die ewige Zweite zu sein - doch sie kennt auch die Vorteile dieser Rolle. Mehr Von Christiane Heil

16.12.2014, 12:47 Uhr | Gesellschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 28.10.2012, 11:12 Uhr