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Designer-ABC : Gabbana, Stefano

Stefano Gabbana ist der strategische Kopf der Marke Dolce & Gabbana. Seine Karriere als Modedesigner begann der sehr auf sein Äußeres bedachte Italiener mit dem Satz: „Ich habe keine Ahnung von Mode. Können Sie mir trotzdem eine Chance geben?“.

          Wenn Domenico Dolce, der Schneider, mit den Händen arbeitet, so arbeitet sein Design-Partner Stefano Gabbana, der Grafiker, mit den Augen. Macht sich Dolce mit den Nadeln am Modell zu schaffen, so schaut Gabbana aufs große Ganze. Und das gilt auch für ihn selbst: Während sich Dolce („Designer ABC“: D wie Dolce) praktisch kleidet, so dass er, bis kurz vor der Schau vor den Damen kniend, am Saum nestelt, kann es Gabbana, der derweil Fernsehinterviews gibt, nicht aufwendig genug sein: Das weiße Hemd hat er gern bis zur dritten Rippe von oben aufgeknöpft. Auf der gebräunten Brust baumeln Goldanhänger. Und wenn man nicht wüßte, daß einer der erfolgreichsten Designer Italiens mit einem spricht, könnte man ihn fast für ein Model halten.

          Alfons  Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Zur Mode kam Stefano Gabbana, der am 14. November 1962 in Mailand geboren wurde, noch nicht in seiner Jugend. Der Vater war Setzer. Nicht einmal die Mutter zog sich besonders modisch an. Armani („Designer ABC“: A wie Armani) und Versace („Designer ABC“: V wie Versace) sagten ihm noch nicht viel. Nur Elio Fiorucci fiel ihm auf, dessen körperbetonte und kunterbunte Mode ihn noch heute für die Zweitlinie D & G inspiriert. Gabbana studierte zunächst Grafik-Design und arbeitete dann ein halbes Jahr in einer Werbeagentur. Eine Freundin vermittelte ein Vorstellungsgespräch bei einem Modedesigner. Ihm sagte er: „Ich habe keine Ahnung von Mode. Können Sie mir trotzdem eine Chance geben?“ Er bekam sie, zeichnete als Assistent Modeskizzen und traf auf einen anderen Assistenten namens Domenico Dolce. An die Tür des ersten gemeinsamen Studios schrieb er weitsichtig „Dolce & Gabbana“. Noch heute ist er erstaunt, wie flink Dolce mit den Nadeln die Kleider steckt. Dolce hingegen wundert sich über die Selbstdarstellungsfreude seines Partners. Dolce also geht in die Tiefe der Tradition, Gabbana in die Breite der Kommunikation.

          Bei Dolce & Gabbana gilt: Jeder macht alles

          Obwohl sich die beiden Designer vor einigen Jahren privat getrennt haben, arbeiten sie so eng zusammen, dass man den jeweiligen Anteil an der Gemeinschaftsarbeit kaum noch erkennen kann. Jeder macht alles: Entwerfen, Skizzieren, Organisieren, Kalkulieren. Die Kollektionen entstehen wie ihre Dialoge in der Ergänzung. Aber Gabbana wird stärker für die Farben und Formen, Dolce stärker für die Stoffe und Schnitte zuständig sein. Stefano Gabbana läßt sich am liebsten von langen Abenden in Clubs zu neuen Ideen anregen, von Flohmärkten, von den alten neorealistischen Filmen oder von all den Musen der Marke wie Monica Bellucci oder Madonna, denen er sich stärker hingibt als sein Partner.

          Mailand ist der ideale Standort für die Firmenzentrale. Denn die Stadt liegt auf halber Strecke zwischen der süditalienischen Provinz und den nördlichen Metropolen wie London oder New York, in die beide gern reisen. Vielleicht konnten sie nur hier, in einem Stadtpalast mit vielen Versatzstücken sizilianischer Pracht, wo die Schwarzweißbilder der Vorfahren neben den Buntbildern Naomi Campbells und Kylie Minogues hängen, das Ländliche und das Städtische zusammenfügen. In Mailand besitzen sie inzwischen nicht nur den Palazzo an der Via San Damiano, Bürogebäude an der Piazza Umanitaria, Showrooms an der Via Goldoni, den Herren-Laden am Corso Venezia, den Damen-Flagship- und den Accessoires-Store in der Via della Spiga: Im Jahr 2005 haben sie am Viale Piave das alte „Metropol“-Kino für rund 15 Millionen Euro gekauft. Aus dem Vorführraum haben sie einen Schauensaal mit 1001 Sitzplätzen gemacht - um ihre Entwürfe bei den Modewochen noch besser unters Modevolk zu bringen.

          Strategischer Kopf der Marke

          Stefano Gabbana ist der strategische Kopf der Marke. Er hat der Mode eine Spannbreite gegeben, die ein zweistelliges Umsatzwachstum in den vergangenen Jahren garantierte. Auch in Tokio und Peking findet ihr Stil, zumal er durch Protagonisten wie David und Victoria Beckham verbreitet wurde, zahlreiche Kunden. Im Jahr 2005 haben sie als erstes italienisches Modeunternehmen eine hundertprozentige Tochtergesellschaft ohne örtlichen Partner in China gegründet. Moskau und zunehmend die anderen Großstädte der ehemaligen Sowjetunion sind wegen des wachsenden Luxusmarktes mit einem neobarocken Stil inzwischen ohnehin für die italienische Mode von Versace über Cavalli bis Dolce & Gabbana ästhetisch prägend.

          Stefano Gabbana kann über solche Geschäftsentwicklungen, wenn er sie auch im Detail den Managern im Hause überläßt, ebenso eloquent und oft ironisch in gutem Englisch parlieren wie über private Dinge. So erzählt der smarte Norditaliener, wie er jeden Sonntag in die Kirche geht, wie er Kerzen anzündet, wenn ihm Unerklärliches passiert, und wie er vielleicht einmal sein Leben ändern und weniger arbeiten möchte. Er will nicht einmal ausschließen, dass sie ihre Firma eines Tages verkaufen. Bei dem Erfolg der vergangenen Jahre ist das wohl fürs erste auszuschließen: „Eine Kollektion nur von Dolce oder eine Kollektion nur von Gabbana wäre undenkbar.“ Aber wer weiß: Die beiden sind, wie man am zwanzigsten Firmenjubiläum im September 2005 erkennen konnte, als sogar der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi bei der großen Feier in Mailand zu Gast war, in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Und genau deshalb wird es in der nächsten Zeit schwieriger für Dolce & Gabbana werden, diese Mitte mit Entwürfen zu beeindrucken, die vom Rande kommen.

          Quelle: FAZ.NET

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