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Designer-ABC : Ferragamo, Salvatore

„Shoemaker of Dreams“, nannte man Salvatore Ferragamo, den italienischen Schuhmacher, der sich seinen amerikanischen Traum verwirklichte. Die großen Hollywood-Stars der Fünfziger liebten seine Entwürfe, für Audrey Hepburn erfand er die Ballerinas.

          Manchmal reist Wanda Ferragamo, die Seniorchefin des italienischen Schuh- und Modehauses, noch zurück in den amerikanischen Teil der Firmengeschichte. Als im Jahr 2003 der große Ferragamo-Laden an der Fifth Avenue in Manhattan eröffnet wurde, gleich gegenüber vom Rockefeller Center, ging sie, als sie die Schaufenster sah, erst einmal an die Arbeit: Die Kleider im Fenster mußten anders arrangiert werden. In letzter Minute hielt sie wieder einmal den Namen Salvatore Ferragamo in Ehren, der in roten Lettern an der Fassade leuchtete. Abends stand sie, eine damals schon 80 Jahre alte Frau, eisern lächelnd bis Mitternacht im Gedränge der Weltstars und der Lokalprominenz.

          Alfons  Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Die Arbeit am Mythos einer großen Florentiner Marke nimmt nicht nur Wanda Ferragamo in Beschlag, sondern auch ihre sechs Kinder und viele ihrer zahlreichen Enkel und Urenkel. Seit fast einem Jahrhundert kümmert sich dieses Ehepaar samt Nachwuchs um die Schuhmode: Salvatore Ferragamo, ihr 1898 geborener und 1960 verstorbener Ehemann, hatte nämlich in sehr jungen Jahren begonnen. Schon im Grundschulalter nervte der Junge seine Eltern, die einen kleinen Bauernhof hatten, mit seiner Idee von der Schuhmacherei. Im Jahr 1908 verließ er mit neun Jahren die Schule und begann zu arbeiten - zunächst als Lehrling in seinem Heimatdorf Bonito, dann im zwei Stunden entfernten Neapel und schon als Zwölfjähriger als zunächst belächelter selbständiger Schuhmacher in Bonito. Mit sechzehn wurde es ihm dann doch zu langweilig. Drei seiner Brüder waren - wie so viele junge Männer aus Süditalien - nach Amerika gegangen, und er folgte ihnen: „Wenn du besser bist als die anderen“, so sagte er sich, „wirst du Erfolg haben.“

          „Shoemaker of Dreams“

          Er war offenbar besser. Aber der amerikanische Traum war ihm zunächst ein Albtraum. Denn in einer großen Schuhfabrik, wie von seinen Brüdern vorgesehen, wollte der auf Handarbeit versessene Schusterjunge nicht arbeiten. „Du bist gerade gekommen“, meinten die Brüder, „und schon so arrogant!“ Salvatores älterer Bruder Alfonso, der sich unter anderem damit durchschlug, Anzüge der Schauspieler der „American Film Company“ in Santa Barbara zu bügeln, vermittelte ihn an den Kostümausstatter der Filmproduktion, der über das schlechte Schuhwerk für seine Darsteller klagte.

          So gründete Salvatore eine Werkstatt: In den „Zehn Geboten“ (1923) wanderte Moses in Ferragamo-Schuhen nach Ägypten, und Douglas Fairbanks flüchtete als „Dieb von Bagdad“ (1924) ebenfalls in einer Ferragamo-Kreation. „Amerikanische Füße“, so schrieb Ferragamo in seiner Autobiographie „Shoemaker of Dreams“, „sind grauenhaft. In Italien hatte ich nie maschinengemachte Schuhe gesehen. In Amerika dagegen waren handgearbeitete Schuhe eine Seltenheit.“ Frühe Filmstars wie Joan Crawford, Gloria Swanson oder Mary Pickford erfreuten sich an den Werken des Handwerkers, an seinem drolligen Akzent und vielleicht auch an seinen Sprüchen: „Höre nie auf den Schuster!“ Ähnlich wie ein dreiviertel Jahrhundert später Manolo Blahnik („Designer ABC“: B wie Blahnik) über die Schuhfetischistinnen der Serie „Sex and the City“ berühmt wurde, so sprach sich auch Ferragamos Name durch die Nähe zu den Stars herum: Er konnte einen schönen Laden auf dem Wilshire Boulevard in Hollywood eröffnen.

          Ballerinas für die Ballerina Audrey Hepburn

          Sein Erfolgsrezept? „Die Füße genau studieren!“ Er besuchte sogar Anatomie-Vorlesungen, um die Schuhe leicht und dennoch stabil zu gestalten. Außerdem befreite er, durch Sandalenfilme geschult, den Fuß von den geschlossenen Schuhen und ließ die Frau Haut zeigen. Für die ausgebildete Ballettänzerin Audrey Hepburn erfand er die Ballerinas - die heute im Museum in der Unternehmenszentrale zu besichtigen sind. Nach Florenz, in die Hochburg der Lederverarbeitung, zog Ferragamo 1927, nachdem er auch in Mailand, Turin und Genua nach einem Sitz gesucht hatte. Er kaufte sich den Palazzo Spini Feroni, einen Palast aus dem Jahr 1289 ganz in der Nähe des Ponte Vecchio am Arno.

          Als Salvatore im Jahr 1960 plötzlich starb, stand Wanda Ferragamo, 38 Jahre alt, mit sechs minderjährigen Kindern alleine da. Die Hausfrau und Mutter wurde zur Unternehmerin. Jedes ihrer Kinder konnte wählen zwischen Design, Marketing, Vertrieb. Die im Jahr 1998 gestorbene Fiamma, der Vorstandsvorsitzende Ferruccio, Leonardo, Giovanna, Fulvia, die in Mailand arbeitet, und Massimo, der jüngste und diplomatischste, der die Marke in Amerika vertritt, arbeiten seit ihrer Jugend für die Marke. Inzwischen ist das Unternehmen aus den Schuhen hinausgewachsen, macht nun auch Damenmode, Herrenmode, Handtaschen, Lederwaren, Schals, Krawatten, Schmuck, Parfums, Brillen - und einen Jahresumsatz von mehr als einer halbe Milliarde Euro.

          Reduzierte Ästhetik

          Die zurückhaltende Art der Familie bewahrt sie vor dem Schicksal der Guccis und reiht sie ein in die diskreten italienischen Modefamilien Zegna („Designer ABC“: Z wie Zegna), Missoni und Fendi. Das Geschmacksempfinden diktiert der Familie eine reduzierte Ästhetik. Wenn sich Wanda Ferragamo aus ihrer Villa in den Bergen nach Florenz bringen lässt, sieht sie aus der Limousine all die modischen Verirrungen, die zu vermeiden sie helfen will. „Vieles ist so vulgär! Die Schuhe sind oft klobig, die Damen mit viel Schmuck behängt. Die Frauen verlieren an Würde, wenn sie übertreiben.“ Ferragamo dagegen versucht im Understatement seine Bestimmung zu finden - also ungefähr im Gegensatz zum Massengeschmack.

          Quelle: FAZ.NET

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