Home
http://www.faz.net/-gut-s0fo
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 01.01.2012, 23:00 Uhr

Designer-ABC Cardin, Pierre

Vinyl, Plastik und silbernes Leder: In den Sechziger Jahren revolutionierte Pierre Cardin die französische Modewelt mit seinen futuristischen Weltraum-Entwürfen. Er eröffnete Nobelrestaurants, verkaufte fast so viele Lizenzen wie Kleider und produzierte die Uniformen der chinesischen Armee.

Der französische Modeschöpfer sorgte in den sechziger Jahren durch seine futuristisch anmutenden Kleider für Furore. Ähnlich wie André Courrèges und Paco Rabanne experimentierte er damals mit neuen Formen und Materialien in der Mode. Cardin hatte sich damals von der Raumfahrt-Euphorie anstecken lassen, nachdem 1961 der Russe Yuri Gagarin als erster Mensch ins Weltall flog.

Anke Schipp Folgen:

Er schuf geometrische Formen, die seine Kleider roboterhaft aussehen ließen. Seine Kleider wirkten manchmal wie Flugobjekte, sie waren kantig geometrisch, die Hüte sahen aus wie Satelittenscheiben, die Minikleider ließ er mit Quadraten ausstaffieren. Auch in der Auswahl der Stoffe war er seiner Zeit voraus: Er benutzte Vinyl und Plastik oder silbergefärbtes Leder. Berühmt machten ihn auch die Naro-Sakkos, die er für die Beatlesentwarf – ohne Kragen und mit einem runden Halsausschnitt.

Kostüme für Cocteaus „La Belle et la Bête“

Pierre Cardin, der eigentlich Pietro Cardini hieß, wurde am 2. Juli 1922 in San Biagio di Callalta in der Nähe von Venedig als jüngstes von sieben Kindern eines Weinhändlers geboren. Aus wirtschaftlichen Gründen wanderte seine Familie nach Frankreich aus. Cardin lernte Herrenschneider und ging nach der Befreiung Frankreichs 1944 nach Paris, wo er Modezeichner bei Paquin wurde. Durch ihn bekam er Kontakte zu Theater und Film, unter anderem entwarf der die Kostüme für Jean Cocteaus Film „La Belle et la Bête“.

Von 1947 bis 1950 arbeitete er für Christian Dior, als dieser mit dem „New Look“ für Aufsehen sorgte, und machte sich schließlich 1950 mit einem eigenen Modehaus selbstständig. Er stand bald im Ruf, die besten Herrenanzüge und Schneiderkostüme von Paris anzufertigen. 1952 präsentierte Cardin seine erste Haute-Couture-Kollektion. Mitte der fünfziger Jahre eröffnete er auf der eleganten Rue du Faubourg Saint-Honoré zwei Boutiquen, die er „Adam“ und „Eve“ nannte.

Lizenzverträge in allen Herren Länder

Cardin war ein glänzender Vermarkter seiner Mode, auch wenn man ihn dafür kritisierte, dass er Ende der fünfziger Jahre für verschiedene Kaufhäuser Prêt-à-porter-Kollektionen entwarf – woraufhin ihn das „Chambre Syndicale de la Couture Parisienne“ aus der Kammer ausschloss. Cardin war auch der erste, der Handarbeiten durch Maschinen ersetzte und Accessoires und Haushaltswaren wie Porzellan, Bestecke und Tischwäsche in seine Modelinie aufnahm. Seine Geschäftstüchtigkeit zeigte sich auch auf anderen Gebieten. 1981 kaufte er zum Beispiel das Pariser Nobelrestaurants „Maxim’s“. Den Namen hatte Cardin bereits seit 1978 für verschiedene Produkte wie Champagner und Gänseleber, Koffer, Möbel und Kleidung benutzt. 1983 eröffnete er Luxus-Restaurants im „Maxim’s“-Stil in Moskau, New York und Peking.

Cardin knüpfte bereits in den siebziger Jahren Kontakte nach China, 1995 schloss er einen Vertrag mit der chinesischen Regierung ab und produzierte fortan die Uniformen für Armee und Polizei. Der Modeschöpfer vergab zudem in fast alle Länder der Welt Lizenzverträge, was allerdings im Laufe der Jahre dazu führte, dass seine Marke verwässerte und seine Produkte nicht mehr als Luxusartikel wahrgenommen wurden.

Cardin lebt heute zurückgezogen an der Côte d’Azur, wo er ein herrschaftliches Anwesen besitzt, das in den sechziger Jahren gebaut wurde und an eine Weltraumstation erinnert.

Mehr zum Thema

Quelle: FAZ.NET

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Mode von und für Musliminnen Glauben und gut aussehen

Weil die Modeindustrie sie ignoriert, gründen manche Musliminnen jetzt einfach eigene Labels. Ihre Stücke erzählen von einem Leben in zwei Welten. Mehr Von Leonie Feuerbach

02.02.2016, 13:59 Uhr | Stil
Oscar-Verleihung Teure Kleider und tiefe Dekolletés

Lady Gaga in ausladender silbriger Robe mit roten Handschuhen, Jennifer Lopez mit tiefem Ausschnitt und Julianne Moore in Chanel: Die Oscar-Gala in Hollywood war ein Schaulaufen um die aufsehenerregendste Abendgarderobe. Mehr

04.02.2016, 14:46 Uhr | Feuilleton
Zur Anprobe, bitte! Wer folgt nach den Rücktritten bei Zegna, Berluti und Brioni

Nicht nur Dior und Lanvin sind verwaist. Auch Männermarken wie Brioni und Berluti stehen plötzlich ohne kreativen Kopf da. Nur eine Kombination fügt sich nun nahtlos. Mehr Von Alfons Kaiser

05.02.2016, 16:31 Uhr | Stil
Finale in Berlin Marina Hoermanseder auf der Fashion Week

Die erste Kollektion der österreichischen Designerin war ebenso auffällig wie alltagsuntauglich. Ihre orthopädische" Fetisch-Mode auf der Berliner Fashion Week 2013 gefiel auch Lady Gaga. Lederschnallen und -riemen sind bis heute ihre Signature Pieces". Mehr

25.01.2016, 08:50 Uhr | Gesellschaft
Modegeschichte Porträt des Künstlers als junger Mann

Ist er es? Oder ist er es nicht? Diese Fotos, die F. C. Gundlach in seinem Archiv entdeckt hat, zeigen einen unbekannten Star. Er war jung und brauchte das Geld. Mehr Von Alfons Kaiser, F. C. Gundlach (Fotos)

27.01.2016, 12:36 Uhr | Stil