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Designer-ABC : Quant, Mary

„Vulgarität ist Leben, der Geschmack ist tot“, sagte Mary Quant in den Sechzigern und erfand kurzerhand den Minirock. Das knappe Stück Stoff war selbst für die „Swinging Sixties“ eine Sensation.

          Die lange Geschichte des Minirocks begann Anfang der sechziger Jahre. Mary Quant, am 11. Februar 1934 in Kent geboren, also 1960 noch jung genug, ihn selbst zu tragen, und alt genug, eine Revolution durchzusetzen, schnitt billige Konfektionsmodelle an, bis sie über dem Knie endeten.

          Alfons  Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Das war damals eine Sensation, auch wenn, wie so oft bei großen Erfindungen, viele andere - unter anderem John Bates und André Courrèges - ebenfalls für sich beanspruchten, die Väter der Idee gewesen zu sein. Zwar waren schon in den zwanziger Jahren die Röcke übers Knie gerutscht, aber nur knapp. Jetzt bedurfte es eines Anstoßes, wie er wohl nur aus „Swinging London“ kommen konnte, der Hauptstadt eines traditionsbewußten Landes, in dem immer mehr junge Modemacher gegen den althergebrachten Stil rebellierten.

          „Vulgarität ist Leben, der Geschmack ist tot“

          Zu dem revolutionären Impetus paßte es, daß Mary Quant in der Kings Road im Londoner Stadtteil Chelsea, an der auch Vivienne Westwood später ihren Siegeszug antrat, im Jahr 1955 die Boutique „Bazaar“ eröffnete - gemeinsam mit Alexander Plunkett-Green, ihrem späteren Ehemann, und Archie Nair. Schon bald war Mary Quant mit der eingekauften Ware nicht mehr zufrieden und begann, selbst Stücke zu entwerfen.

          Mit Ballonkleidern und Knickerbockern, mit der gewagten Zusammenstellung großer Punkte und traditioneller Karomuster und überhaupt mit schreienden Farben machte sie auf sich aufmerksam. Schon 1961 eröffnete sie dank ihres Erfolgs ein weiteres Geschäft in Knightsbridge, ab 1963 exportierte sie in die Vereinigten Staaten. Die wachsende Beliebtheit ermöglichte es ihr, dem Minirock zum Durchbruch zu verhelfen und ihn Mitte der sechziger Jahre sogar zum Mikro-Mini weiterzuentwickeln, einem Minirock also, der kaum mehr als das Allernötigste bedeckt. Das alles verpackte sie in eine übergeordnete Idee, die sie 1967 so formulierte: „Vulgarität ist Leben, der gute Geschmack ist tot.“

          Dicke Beine in kurzen Röcken

          Der Minirock verdankte seinen Erfolg nicht nur der wirtschaftlichen Prosperität jener Jahre (die angeblich immer wieder an den Rocklängen zu messen ist), sondern auch der immer größer werdenden modischen Freiheiten: Damals begannen die Studenten zum Beispiel damit, ohne Krawatte, aber mit langen Haaren zur Universität zu gehen. Das britische Model Twiggy brachte den Trend zu einem Höhepunkt. Selbst Angela Merkel verfiel im Ostdeutschland der sechziger Jahre der neuen Mode. In der achten Klasse hatte die Oberschülerin die Russisch-Olympiade gewonnen und durfte zur Belohnung in die Sowjetunion reisen. Dort besuchten die Mädchen im Minirock das Mahnmal der gefallenen Soldaten - zum lautstark geäußerten Ärger der Russinnen, die dieses dekadente Schauspiel verabscheuten. In England wurde gar ein später ebenfalls sehr erfolgreiches Mädchen von der Schule gewiesen, weil sie im Minirock die Lehrer provozierte: Ihr Name war Anna Wintour. Zweieinhalb Jahrzehnte später war sie Chefredakteurin der amerikanischen „Vogue“.

          Mary Quant sah ihre Erfindung später mit Skepsis. Auf dem Trottoir sah sie dicke Beine in kurzen Röcken und konnte nur noch empfehlen: „Laß das Mittagessen ausfallen: Mach es so wie die Französinnen!“ Andererseits ist der Minirock heute so selbstverständlich, daß selbst konservative Marken wie Chanel (siehe auch: „Designer ABC“: C wie Chanel) oder Akris nicht immer auf ihn verzichten. Genau das wiederum zeigt aber auch, daß Quants Erfindung an erotischer Strahlkraft eingebüßt hat. Die Modemacherin wird es nicht allzu sehr stören. Sie spricht zwar nicht mehr so gern über jene Jahre. Aber mit ihrer Kosmetik- und Farbberatungsfirma „Mary Quant Limited“, die ihren Hauptsitz in London hat, profitiert sie noch nach langer Zeit von ihrer kurzen Kreation.

          Ihre Träume sind aus Samt und Seide und spazieren auf langen Beinen über den Laufsteg: Passend zum Start der Modeschauen in New York, London, Mailand und Paris präsentiert FAZ.NET in einer werktäglichen Serie die großen Designer unserer Zeit. Von A wie Armani bis Z wie Zegna wirft das „Designer ABC“ jeden Tag Licht auf die Biographie eines Klassikers. Spot on!

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