Home
http://www.faz.net/-gut-vebs
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 01.01.2012, 16:30 Uhr

Designer-ABC Vionnet, Madeleine

„Die wichtigste Modeschöpferin des 20. Jahrhunderts“ nannte Diana Vreeland, die ehemalige Chefredakteurin der amerikanischen Vogue, Madeleine Vionnet. Von Cristobal Balenciaga wurde Madeleine Vionnet als „Meisterin des Stils“ bezeichnet.

© ROGER_VIOLLET Die Königin der Couturiers: Madeleine Vionnet

„Die wichtigste Modeschöpferin des 20. Jahrhunderts“ nannte Diana Vreeland, die ehemalige Chefredakteurin der amerikanischen Vogue, Madeleine Vionnet. Von Cristóbal Balenciaga wurde Madeleine Vionnet als „Meisterin des Stils“ bezeichnet. Und Azzedine Alaїa nannte sie „die Quelle von allem, die in unserem Unbewussten weiterlebt“. Für Modekenner ist ihr Name ein Synonym für Eleganz und perfekt geschnittene Kleider. Für alle anderen ist er lediglich ein Name, der in Vergessenheit geraten ist, trotz aller Innovationen in der Mode, für die er steht.

Der „Königin der Couturiers“ haben wir nicht nur im Nacken geknotete trägerlose Halterneckkleider und weich fallende Handkerchief-Dresses zu verdanken, sondern auch die Abschaffung des Korsetts. Obwohl Paul Poiret diese Errungenschaft für sich beansprucht, lehnte doch Madeleine Vionnet als erste Modeschöpferin konsequent das Korsett ab. Schon zu Beginn ihrer Karriere, Anfang des 20. Jahrhunderts, verzichteten ihre Entwürfe auf die unbequemen Einengungen.

Ihre wichtigste Erfindung: der Schrägschnitt

Ihre wichtigste Erfindung ist jedoch der körperbetonte Bias-Cut: Der Stoff wird nicht wie üblich parallel, sondern schräg zum Fadenverlauf im 45-Grad-Winkel zugeschnitten und umspielt dadurch die Silhouette fließend. Durch den Diagonalschnitt konnte sich der Stoff an weibliche Rundungen anschmiegen und die Bewegungen der Trägerin nachvollziehen. „Wenn eine Frau lächelt, muss ihr Kleid mit ihr lächeln“, so betonte Vionnet den Dialog zwischen Körper und Kleid.

vionnet © ROGER_VIOLLET Vergrößern Portrait von Madeleine Vionnet aus dem Jahr 1937

Damit veränderte sie in den zwanziger und dreißiger Jahren nicht nur die Mode, sondern auch die Körpersprache. Stars wie Greta Garbo, Marlene Dietrich, Joan Crawford oder Katharine Hepburn trugen mit Vorliebe die Modelle von Madeleine Vionnet, die prädestiniert waren für den Auftritt einer Diva.

Vom Faltenwurf antiker Gewänder inspiriert

Vionnets griechisch geprägtes Schönheitsideal beeinflusste ihren Stil maßgeblich. Issey Miyake verglich ihre Roben mit einem Meisterwerk der griechischen Bildhauerkunst, der Nike von Samothrake: „Als ich das erste Mal ein Kleid von Madeleine Vionnet sah, dachte ich an eine Reinkarnation der Nike-Statue. Madame Vionnet hatte den schönsten Aspekt der klassischen griechischen Ästhetik eingefangen, nämlich den Körper und die Bewegung.“

Vionnet ließ sich vom Faltenwurf der antiken Gewänder inspirieren. Die Kunst des Drapierens spielte eine bedeutende Rolle für ihre freie Art des Entwurfs. Besonders wichtig war ihr die räumliche Wirkung eines Kleides, weshalb sie all ihre „Skizzen“ als körperhafte Gebilde im Raum anfertigte, nie als zweidimensionale Zeichnung auf dem Papier. Durch diese praktische Arbeit mit dem Stoff, den sie an einer Puppe aus Palisanderholz von allen Seiten gestaltete, entstanden die typischen Draperierungen. Für den edlen Faltenwurf verwendete sie vor allem elegant fallende Stoffe wie Crêpe Romain, Crêpe de Chine, Seidenmusselin und Charmeuse.

Vom Glanz des schillernden Namen ist wenig geblieben

Madeleine Vionnet wurde am 22. Juni 1876 in Chilleurs-aux-Bois, in der Nähe von Orléans, als Tochter von Abel Vionnet geboren. Sie wuchs in Aubervilliers im Jura auf und betrachtete die Region an der schweizerisch-französischen Grenze zeitlebens als ihre Heimat. Nach der Trennung ihrer Eltern wurde sie ab ihrem zweiten Lebensjahr von ihrem Vater erzogen, der sie, obwohl sie eine begabte Schülerin war, in eine Schneiderlehre gab.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Mode von und für Musliminnen Glauben und gut aussehen

Weil die Modeindustrie sie ignoriert, gründen manche Musliminnen jetzt einfach eigene Labels. Ihre Stücke erzählen von einem Leben in zwei Welten. Mehr Von Leonie Feuerbach

02.02.2016, 13:59 Uhr | Stil
Oscar-Verleihung Teure Kleider und tiefe Dekolletés

Lady Gaga in ausladender silbriger Robe mit roten Handschuhen, Jennifer Lopez mit tiefem Ausschnitt und Julianne Moore in Chanel: Die Oscar-Gala in Hollywood war ein Schaulaufen um die aufsehenerregendste Abendgarderobe. Mehr

04.02.2016, 14:46 Uhr | Feuilleton
Stilfragen Keine Gnade für den Bauchansatz

Bequemlichkeit ist der erbitterte Feind des Stils. Blöderweise liebt es der deutsche Mann bequem. Dabei ist das enge Hemd ein guter Grund, dagegen anzukämpfen, findet zumindest unsere Autorin. Mehr Von Wäis Kiani

12.02.2016, 13:43 Uhr | Stil
Finale in Berlin Marina Hoermanseder auf der Fashion Week

Die erste Kollektion der österreichischen Designerin war ebenso auffällig wie alltagsuntauglich. Ihre orthopädische" Fetisch-Mode auf der Berliner Fashion Week 2013 gefiel auch Lady Gaga. Lederschnallen und -riemen sind bis heute ihre Signature Pieces". Mehr

25.01.2016, 08:50 Uhr | Gesellschaft
Nestlé steigt aus Leichtathletik-Weltverband toxisch

Nestlé beendet sein Engagement bei der IAAF fristlos und nennt dafür Korruption und Doping als Gründe. Der Konzern fürchtete eine negative öffentliche Wahrnehmung. Mehr Von Michael Reinsch, Berlin

10.02.2016, 17:53 Uhr | Sport