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Designer-ABC : Galliano, John

Er ist der Kostümbildner unter den Modemachern: John Galliano demonstriert die Geschichte der Verkleidung gern am eigenen Leib, wenn er als Dandy, Pirat oder Bodybuilder nach seinen Defilées den Laufsteg betritt.

          Eine Geschichte John Gallianos, der zu den phantastischsten Modemachern unserer Zeit gehört, könnte man an seinen eigenen Auftritten erzählen. Denn nach jeder Prêt-à-porter- und jeder Haute-Couture-Kollektion, die er seit 1997 für das Haus Dior (siehe auch: „Designer ABC“: D wie Dior) zeigt, und nach jedem Defilée seiner Marke unter eigenem Namen, also insgesamt sechs Mal im Jahr, tritt er am Ende persönlich vor das Publikum.

          Alfons  Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          An diesem Auftritt kann man nicht nur den körperlichen Zustand des Designers erkennen, der sich nach wildromantischem Beginn mit Clark-Gable-Bärtchen, Piratenmütze und darunter hervorlugender Schmalztolle zu einem körperlich gestählten Bodybuilder entwickelt hat. Man kann daran auch seine modische Weltreise erkennen, die ihn nach Guatemala, Spanien, Indien, Afrika führte, und seine Exkursionen in die Modegeschichte, die bis ins Berlin der zwanziger Jahre und das Paris von Madame Pompadour reichen.

          Kostümbildner unter den Modemachern

          John Galliano, der Kostümbildner unter den Modemachern, wurde als Juan Carlos Galliano am 28. November 1960 in Gibraltar als Sohn eines Installateurs und einer spanischen Mutter geboren. 1966 emigrierte er mit den Eltern und zwei Schwestern nach London. Schon früh an Kunst und Mode interessiert, besuchte Galliano in London die berühmte St. Martins School of Art. In seiner Abschlußkollektion von 1984 griff er mit Anleihen an die Mode der Französischen Revolution auf die Kostümgeschichte zurück. Dieses historische Bewußtsein verließ ihn nicht, nachdem er sich als Modedesigner selbständig gemacht hatte - und obwohl es zunächst nicht gerade zur Verkäuflichkeit seiner Kollektionen beitrug, die als exzentrisch und untragbar galten. Gerade diese Eigenschaften führten aber auch dazu, daß Galliano Anfang der neunziger Jahre in Paris Fuß fassen konnte.

          Federhut des britischen Designers
          Federhut des britischen Designers : Bild: picture-alliance / dpa

          Der Durchbruch gelang ihm im Oktober 1993. Seitdem nahm sich Anna Wintour, Chefredakteurin der amerikanischen „Vogue“, des aufstrebenden Modedesigners an und vermittelte ihn an Investoren, mit deren Hilfe er seine nächsten Kollektionen bezahlen konnte. Im Sommer 1995 schließlich wurde Galliano als Nachfolger des Chefdesigners Hubert de Givenchy vorgestellt, der sein Haus 1952 eröffnet und 1988 in den Luxusgüterkonzern LVMH integriert hatte. Schon mit seiner ersten Kollektion bei den Haute-Couture-Schauen im Januar 1996 überzeugte er die Kritik davon, daß das Traditionshaus geradliniger Entwürfe auch extravagante Kreationen vertragen kann. Im Oktober 1996 wurde bekannt, daß Galliano im ebenfalls zum LVMH-Konzern gehörenden Modehaus Dior den Italiener Gianfranco Ferre als Chefdesigner ablösen solle.

          Modisches Protestpotential

          Schon seine erste Haute-Couture-Kollektion vom Januar 1997 zeigte, daß Galliano die historischen Referenzen an Christian Diors reichhaltigen „New Look“ geschickt mit seinem aufwendigen, aber dennoch zeitgemäßen Personalstil zu verknüpfen wußte. Seitdem zeigt er in überraschender Konstanz jede Saison neue Entwürfe für ein altes Haus, die sich der Kunst- und Kostümgeschichte bedienen, auf Reisen und durch Modezeitschriften angeregt werden. Aktuelle Trends deutet Galliano aber höchstens vage an, oder er persifliert sie grob - wie mit der „Sportswear“-Kollektion im März 1998.

          Aus dem Briten Galliano, einem Mann mit modischem Protestpotential, ist über die Jahre ein Meister des großen Auftritts geworden, der in Paris selbst an Karl Lagerfeld (siehe auch: „Designer ABC“: L wie Lagerfeld) und Jean-Paul Gaultier heranreicht. Daß er auch beim Prêt-à-porter aufwendige Entwürfe zeigt, als wären sie für die Haute Couture, macht nichts: Denn auf der nächsten Haute-Couture-Woche zeigt er regelmäßig, daß er es noch opulenter kann.

          Das Designer ABC:

          Ihre Träume sind aus Samt und Seide und spazieren auf langen Beinen über den Laufsteg: Passend zum Start der Modeschauen in New York, London, Mailand und Paris präsentiert FAZ.NET in einer werktäglichen Serie die großen Designer unserer Zeit. Von A wie Armani bis Z wie Zegna wirft das „Designer ABC“ jeden Tag Licht auf die Biographie eines Klassikers. Spot on!

          Lesen Sie morgen im „Designer ABC“: „H wie Tommy Hilfiger“

          Quelle: FAZ.NET

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