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Designer-ABC Sander, Jil

Von pompösem „Modeschöpfer-Blödsinn“ will Jil Sander nichts wissen. Die deutsche Designerin glaubt nun mal, es sieht schlicht und einfach besser aus, sich schlicht und einfach zu kleiden.

© Helmut Fricke Vergrößern Hello: Jil Sander nach ihrer Damenmode-Schau im Oktober 1998

Ich konnte es doch nicht ‚Heidi Sander‘ nennen, das klingt so deutsch, so süß“, soll Heidemarie Jiline Sander bei der Eröffnung ihrer ersten Boutique in der Milchstraße im Hamburger Stadtteil Pöseldorf gesagt haben. Und so gab sie dem Laden den Namen „Jil Sander“, der mittlerweile Flagshipstores auf der ganzen Welt betitelt.

„Etepetismus“ nannte Wolfgang Joop als die hervorstechendste Eigenschaft des Stadtteils Pöseldorf – aber genau in diesem Ambiente konnte Jil Sander ihre stillen Entwürfe in den Siebzigern etablieren. Ihre klare Linienführung verglich man mit der Giorgio Armanis; in Deutschland mehrte sich ihr Ruhm schnell.

Gouvernante auf dem Maskenball

Die 1943 in Wesselburen geborene Designerin, die in Krefeld Textilingenieurin lernte, zwei Jahre am University College in Los Angeles studierte und zunächst als Moderedakteurin arbeitete, versuchte, ihren Erfolg auch aufs Ausland auszuweiten – zunächst mit niederschmetterndem Ergebnis.

Auf den Laufstegen von Paris wirkten ihre strengen Entwürfe wie eine Gouvernante auf dem Maskenball. Erst in den neunziger Jahren begann Sanders internationaler Aufstieg, den Paukenschlag ihrer modischen Ouvertüre setzte 1992 eine große Show in Mailand (wo Sander seit Ende der Achtziger zeigt): Mit Supermodels in einer Superlocation, dem Prachtbau des Castello Sforzesco.

„Queen of less“

Seitdem nennt man Sander gern die „Queen of less“, obwohl ihr zurückhaltendes Auftreten wenig mit einer Königin gemein hat. Doch das „less“ charakterisiert Jil Sander mehr denn je: Selten hat man die Norddeutsche in etwas Auffallenderem als Dunkelblau, Schwarz, Weiß oder Creme gesehen. Sie selbst spricht gerne von „pureness“ und „contemporary“, als habe sie die Leitlinien ihrer Mode der modernen Kunst entlehnt, deren Liebhaberin sie seit langem ist.

Die Jil-Sander-Frau ist tough und gefühlsbetont, hart und zart, emanzipiert und musisch – und niemals overdressed. Frauen sind für sie keine Barbiepuppen. Das Wort glamourös kommt in ihrem Wortschatz nicht vor. Von „Modeschöpfer-Blödsinn“ hält Sander nichts. Sie bemitleide Frauen, „die wie Pralinen aussehen“. Ihre Models wirken dagegen eher wie leichte Soufflés: etwas Zartes und Feenhaftes haftet ihnen an, selbst wenn sie nur straßentaubengraue Hosenanzüge tragen.

Jil Sander ist selbst ihre erste Kundin

Sie habe vor allem die Qualität weiblicher Mode verbessern wollen, erklärt Jil Sander auf dem Höhepunkt ihrer Karriere, als ihre Marke bereits Synonym für – teure – Handarbeit war. So hat sie die Stoffe und Schnitte traditioneller Herrenanzüge in ihren Kollektionen gedreht und gewendet, und dem Hosenanzug einen festen Platz im Kleiderschrank jeder Frau verschafft. Seit 1997 und bis zu ihrem Ausscheiden aus dem Prada-Konzern entwarf sie auch eine Herrenkollektion. Bei den Hunderten von minimalistischen Anzügen, die sie in den vergangenen Jahre entworfen hat, ist es Jil Sander gelungen, trotz der Begrenztheit des klassischen Stücks nicht langweilig zu werden. Zumindest in den meisten Fällen.

Vielleicht noch mehr als Coco Chanel oder Donna Karan, die in ihren Damenkollektionen ebenfalls die Emanzipation männlicher Kleidung feierten – wenn auch wesentlich extrovertierter –, ist Jil Sander Sinnbild ihrer Marke. Sie identifiziert sich noch immer vollständig mit dem von ihr propagierten Stil, der sich seit mehr als drei Dekaden kaum verändert hat. Die schmale Frau mit den blonden Locken und blauen Augen, aus denen oft Strenge und Disziplin blitzt, ist den Trägerinnen ihrer Mode ein Vorbild an Schlichtheit. Jil Sander ist selbst „ihre erste Kundin, eine ‚prima inter pares‘“. Für ihr Parfum „woman pure“, das 1979 auf den Markt kam, bürgte sie mit ihrem eigenen Konterfei – eine werbewirksame Novität. Denn das Sich-In-Szene-Setzen und Von-Sich-Reden-Machen ist der Hanseatin so fern wie ihren strengen Outfits ein Hut von Philip Treacy.

„Dann wäre sie vollends die deutsche Chanel“

Die Modewelt zelebriert Machtspiele und Intrigen wie kaum eine andere Branche. Das Hin und Her zwischen Jil Sander und der Prada-Gruppe, die 1999 die Aktienmehrheit an der Jil Sander AG erworben hatte, wird der Designerin weniger schaden als der Marke. Zum zweiten Mal warf sie Ende 2004 das Handtuch, nachdem sie erst im Mai 2003 zu ihrem Unternehmen zurückgekehrt war. Der Grund war wohl die Auseinandersetzung zwischen der perfektionistischen Deutschen und dem temperamentvollen Prada-Chef und Ehemann von Miuccia Prada, Patrizio Bertelli. Ihre erste Kollektion nach der dreijährigen Pause hatte bewiesen, daß ihr die Auszeit nicht geschadet hatte: Belebt von Inspirationen, die Sander von ihren Reisen nach Iran, Russland und einem Segeltörn durch die Karibik mitbrachte, zeigte sich die Linie jung, frisch und musterfreudig.

2012 kündigte die Hanseatin ein erneutes Comeback an. „Und damit wäre sie vollends die deutsche Chanel.“

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Quelle: FAZ.NET

 
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Veröffentlicht: 01.01.2012, 18:10 Uhr