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Designer-ABC Gaultier, Jean Paul

Schon in der Schule zeichnete Jean Paul Gaultier Frauenbeine in Netzstrümpfen, später verhalf ihm Madonna im goldenen Korsett mit Strapsen zum Durchbruch. Den Ruf des Enfant terrible der französischen Modeszene hat er sich bis heute erhalten.

Die meisten Designer werden unvergesslich, weil sie ein bestimmtes Kleidungsstück entworfen haben – oder es zumindest populär machten. Was für Coco Chanel das kleine Schwarze, für Donna Karan der Body, für Pucci die Caprihose oder Mary Quant der Mini-Rock – ist für Jean Paul Gaultier das Korsett. In Erinnerung an ein pinkfarbenes Spitzenstück seiner Großmutter verhilft er dem bis dato keusch als Unterwäsche klassifizierten Teil zu internationaler Catwalk- und Bühnenpräsenz. Auf ihrer „Blonde Ambition“-Tour trägt Madonna 1990 die inzwischen legendären gold- und roséfarbenen Korsettkleider mit spitzen, trichterförmigen Körbchen. Selbst Gaultiers Verkaufsschlager schlechthin, das Parfum „Jean Paul Gaultier“, hat die Form einer Frauenbüste mit Korsett und Strumpfhaltern. Wie eine Anekdote erzählt, war der Weg zu solch anrüchigen Entwürfen wohl schon früh im wahrsten Sinne des Wortes „vorgezeichnet“: Als Siebenjähriger soll Gaultier im Schulunterricht dabei erwischt worden sein, wie er eine Tänzerin der Folies Bergère zeichnete. Ihm gefielen angeblich vor allem deren Netzstrümpfe.

Enfant terrible der französischen Mode – es ist diese Charakterisierung, die Jean Paul Gaultier in den achtziger Jahren verpasst bekam, die noch immer als erstes fallen muß, sobald man versucht, seine Bedeutung für die Pariser Haute Couture oder das Prêt-à-porter zu beschreiben. Das schreckliche Kind hat es wild getrieben mit der Mode. Gaultier brach die Tabus im Saison-Takt. Unterwäsche als Ausgehmode? Gaultier hat das Korsettkleid auf den Weg gebracht. Schwingende Röcke für Männer? Gaultier hat sich die Verkehrung der Geschlechterrollen zum Ziel gesetzt. Lack, Leder und Strapse zum Hosenanzug? Gaultier hat den Fetischlook einen festen Platz auf dem Laufsteg eingeräumt.

„Und Gott schuf den Mann“

Den „ästhetischen Provokateur“ zieht es früh ins Modegeschäft. Als Sohn eines Buchhalters am 24. April 1952 im Pariser Vorort Arcueil geboren, verschickt er seine Skizzen systematisch an berühmte Modeschöpfer. Auch Pierre Cardin erhält eine – und sie wird für Gaultier zur Eintrittskarte in die Welt der großen Modeschöpfer. Später arbeitet er als Assistent im Atelier von Jean Patou und entwirft für Cardin eine Kollektion für den amerikanischen Markt, bevor er 1976 sein eigenes Label lanciert und für seine Entwürfe von der Fachpresse zunächst nur müde belächelt wird.

Für ersten Wirbel sorgen dann seine Männerkollektionen in den Achtzigern. Sie tragen vielsagende Titel wie „L'homme object“ (1984), „Et Dieu créa l'homme“ (1985), „Jolie Monsieur“(1985/6) und machen klar, daß der junge Designer mehr dem Londoner Street-Style rund um Vivienne Westwood  und der Punk-Bewegung als der Haute Couture seiner französischen Lehrmeister verhaftet ist. Er steckt Männer in Kleider, zieht ihnen Tutus und Röcke an, verpasst ihnen tiefe Dekolletés, die blankrasierte Brustpartien zeigen. Heute würde man dazu „metrosexuell“ sagen – damals hieß es einfach Gaultier. Frauen versorgt er mit selbstbewussten verrucht-emanzipierten Kleidern: Sie dürfen bei ihm Hosenanzüge tragen und auf schwindelerregend hohen Absätzen und mit durchblitzenden Dessous trotzdem sexy sein.

Gaultier, der Sailorboy von Paris

Für den Franzosen ist die Mode in erster Linie ein Spiel: „Nichts davon ist ernst, meine Damen und Herren. Es ist ein Spiel. Es ist Spaß, also nur zu. Spielen Sie verrückt!“. Seine Phantasien lebt der Modeschöpfer, der sich selbst am liebsten als „Sailorboy“ im engen, blau-weiß gestreiften T-Shirt und mit blondierter Igelfrisur präsentiert, in Gürteln aus Duschschläuchen und Ohrringen in Form von Tee-Eiern aus.

Jung, wild und frech bleibt seine Design-Devise. So gründet er im Laufe der Jahre die sportlichen, alltagstauglicheren Linien „Junior Gaultier“ und „JPG“ bis er 1997 erstmals nach seinen Lehrjahren bei Cardin & Co. zur Kunst der exquisiten Haute Couture zurückkehrt. Bei seinen Schauen in Paris sitzt seine alte Muse Madonna, wie Gaultier selbst immer noch groß in Mode, noch heute in der ersten Reihe und betrachtet dessen Kunstwerke zum Anziehen, für die der Designer – in dieser Disziplin alles andere als ein Material-Minimalist – auch mal vierzig Metern Tüll verarbeiten lässt.

Trotz eines wenig erfolgreichen Abstechers in die Musikbranche – er nahm 1989 eine Schallplatte auf, deren Name hier besser unerwähnt bleibt – strebt Gaultier immer wieder in die Unterhaltungsindustrie. So moderiert er in den Neunzigern die Fernsehserie „Eurotrash“, inszeniert 1997 den (bislang) längsten Kuss der Werbeszene zwischen Kristen McManamy und einem Matrosen und entwirft die Garderobe für Luc Bessons Science-Fiction-Blockbuster „Das fünfte Element“. Der weiße Catsuit aus handbreiten Stoffstreifen, in dem Milla Jovovich durch den Film hechtet, ist eines seiner charakteristischsten Modelle.

Ab 2003 kümmerte sich Jean Paul Gaultier neben seinen eigenen Kollektionen auch als Chefdesigner um die Zukunft der weiblichen Prêt-à-porter-Linie des Traditionshauses Hermès, die Zusammenarbeit währte bis zum Tod des Firmenchefs Jean-Louis Dumas 2010. Seit 2011 hält die spanische Gruppe Puig 60 Prozent am Unternehmen Jean Paul Gaultier, die restlichen 40 Prozent gehören dem Designer selbst.

Quelle: FAZ.NET

 
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