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Designer-ABC Chalayan, Hussein

Hinter Hussein Chalayans Mode steht immer ein künstlerisch und technisch ausgefeiltes Konzept, das er umsetzen will. Dafür griff er schon immer zu ungewöhnlichen Methoden.

Hussein Chalayan griff schon immer zu ungewöhnlichen Methoden: Die Entwürfe seiner Abschlusskollektion am „Central Saint Martins College“ vergrub er unter der Erde und buddelte sie erst ein paar Tage vor der Präsentation wieder aus. Bei seiner Graduate-Show zeigte er dann schließlich die mit Dreck und Lehm beschmutzten, schon halb verrotteten Kleider, um den Prozess der Zersetzung deutlich zu machen und auf Themen wie Vergänglichkeit und Sterblichkeit hinzuweisen. Schon damals zeigte sich die unkonventionelle und experimentierfreudige Herangehensweise des Designers.

Chalayan wurde 1970 in Zypern in eine türkisch-zypriotische Familie geboren und zog 1982 von seiner Heimatstadt Nikosia nach London. 1993 machte er seinen Saint-Martins-Abschluss in der britischen Hauptstadt und gewann für seine vom Verfall gezeichnete Kollektion den „Absolut Design Award“. Mit dem Preisgeld finanzierte er sein Debüt auf den Londoner Laufstegen. Seit 2001 veranstaltet er seine Modenschauen jedoch in Paris. Ein Jahr später brachte er seine erste Männer-Kollektion heraus, und im April 2004 eröffnete er seinen ersten Flagship Store in Tokyo.

In Kunstszene und Modebranche geschätzt

Wie eng seine Mode und Kunst miteinander verbunden sind, zeigen seine zahlreichen Ausstellungen, zum Beispiel im Londoner Victoria & Albert Museum, im Kyoto Costume Institute in Japan oder im Musée de la Mode in Paris. Seine Entwürfe werden in der Kunstszene gleichermaßen geschätzt wie in der Modebranche. Gleich zwei Jahre hintereinander, 1999 und 2000, erhielt er für seine originellen Kreationen und die Verwendung neuartiger Materialien den Titel „Designer of the Year“ der British Fashion Awards.

Zu Recht, denn Chalayan gehört zu den innovativsten, höchst experimentell und konzeptionell arbeitenden Modeschöpfern unserer Zeit. Seine Designs sind inspiriert von Architektur, Philosophie und Anthropologie. Aufgrund seiner vielfältigen Interessen rieten ihm seine Professoren zeitweise sogar, das Studienfach zu wechseln. Doch er blieb bei seiner größten Leidenschaft: der Mode. Diese ist häufig kulturell und gesellschaftlich beeinflusst, was mit der persönlichen Geschichte Chalayans zusammenhängt, denn seine Identität ist von verschiedenen Kulturen geprägt.

Kleidung als Projektionsfläche für politische Aussagen

Vor allem ein Bild ist um die Welt gegangen. Mit der Szene thematisierte er die Islamisierung gleichermaßen wie den Rückgang der Bedeutung des Islams und der Verschleierung der Frauen. Auf dem Laufsteg sind mehrere Frauen zu sehen, die in einer Reihe nebeneinander stehen und die alle mit einem Tschador verhüllt sind. Während die erste jedoch noch das komplette schwarze Gewand trägt, das den ganzen Körper bedeckt, wird es bei den folgenden Frauen immer kürzer, bis die letzte schließlich vollkommen entblößt ist, bis auf das Kopftuch, das sie immer noch trägt.
Auch seine spektakuläre „Airplane“-Kollektion (Frühjahr/Sommer 2000) zog viel Aufmerksamkeit auf sich. Die weißen Kleider, die die Models wie einen Panzer umgaben, bestanden aus demselben Material, aus dem Flugzeuge gefertigt werden. Sie veränderten ihre Form auf Knopfdruck. So konnte zum Beispiel der hintere Teil des Rocks, ähnlich wie bei einem Flugzeugflügel, ausgeklappt werden und der darunter verborgene Tüllrock zum Vorschein kommen.

Mit Mode auf Missstände aufmerksam machen

Mit der Kollektion „Afterwords“ (Herbst/Winter 2000/2001) erregte er ebenfalls großes Aufsehen. Er wollte damit auf die steigende Zahl der Flüchtlinge aufmerksam machen. Als Catwalk diente ein Wohnzimmer, in dem verschiedene Möbel standen. Am Ende der Show begannen die Models plötzlich die Stoffe von den Sofas abzuziehen und schlüpften hinein. Zur Verwunderung der Zuschauer entstanden vor ihren Augen aus Sofabezügen neue Kleider. Den Rest der Möbel klappten die Models zu Koffern zusammen und trugen sie davon. Zuletzt war nur noch ein runder Tisch mit einem Loch in der Mitte übrig, in das ein Model hinein stieg. Dann zog sie den Tisch wie eine Ziehharmonika nach oben, verwandelte ihn dadurch in einen Rock und ging damit vom Laufsteg.
Solche Kollektionen dienen dem Designer als Projektionsfläche für politische Aussagen: Indem er statische Einrichtungsgegenstände in mobile Kleidungsstücke verwandelte, thematisierte er gleichzeitig die Situation von Flüchtlingen, jederzeit zum Aufbruch bereit sein zu müssen und kein festes Zuhause zu haben.

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