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Designer-ABC : Oestergaard, Heinz

Die Trümmerfrauen der Nachkriegszeit vor Augen, beschloß Heinz Oestergaard: „Ich will für diese Frauen Mode machen - etwas Schönes“. Seine Entwürfe in Zeiten des Mangels hießen „Schwarzmarkt“ und „Stromsperre“, später entwarf Oestergaard Kleidung für Quelle, den ADAC und die deutsche Polizei.

          Heinz Oestergaard war der einflussreichste deutsche Modedesigner in der Nachkriegszeit. Zunächst machte er sich einen Namen als Couturier für die gehobene Gesellschaft, später entwarf er Kollektionen für das Versandhaus „Quelle“. Weil er Mode nicht mehr als Ausdruck des Elitären verstand, sondern sie alltagstauglich und der Masse zugänglich machte, schrieb man ihm später etwas übertrieben die „Demokratisierung der Mode“ zu.

          Anke Schipp

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Oestergaard, 1916 in Berlin geboren, wuchs in einer deutsch-dänischen Verlegerfamilie auf. Schon als Kind interessierte er sich für die Garderobe seiner Mutter, bildete schnell seinen eigenen Geschmack und fällte Urteile: „Mutti, was du heute anhast, sieht scheußlich aus.“ Sein Vater hätte es gerne gesehen, wenn der Sohn den Verlag übernommen hätte, aber er wollte etwas anderes machen: Mode. „Und die Mode will dich“, prophezeite ihm eine Wahrsagerin 1937, da war er 19 Jahre alt. Er machte eine Lehre als Textilkaufmann, studierte Kunst und besuchte die Hirsch'sche Zuschneideakademie. Zwei Jahre arbeitete er im Salon „Erich Vogel“, bevor er 1940 zum Kriegsdienst eingezogen wurde.

          „Etwas Schönes“ für die deutschen Trümmerfrauen

          Als er 1946 aus russischer Gefangenschaft in seine Heimatstadt zurückkehrte, war niemandem nach Glamour zumute. Berlin lag am Boden, die Trümmerfrauen trugen beim Steineschleppen Kleiderschürzen, geflickte Strümpfe, geknotete Tücher auf dem Kopf und die grauen Wollmäntel ihrer Männer. Sein erster Gedanke war: „Ich will für diese Frauen Mode machen – etwas Schönes.“ Er versetzte einen Flügel und eine goldene Uhr, mietete sich eine Wohnung, stellte Näherinnen ein und eröffnete einen Modesalon.

          Zu seinen ersten Kundinnen gehörten Prostituierte, „denn sie allein hatten Gelegenheit und Mut, Aufsehen zu erregen – und natürliche das nötige Kleingeld“, erzählte er später. Bezahlt wurde meist in Nachkriegswährung: Whisky und Zigaretten. Die nutzte Oestergaard auch, um an Stoffe zu kommen, was nicht einfach war. Während Christian Dior zur gleichen Zeit in Paris Abendkleider kreierte, die bis zu achtzig Meter Stoff verbrauchten, mußte er alte Wehrmachtsuniformen, Gardinen und Fahnen verwerten. Als Berliner begegnete er dem Mangel mit Schnauze und gab seinen Entwürfen Namen wie „Schwarzmarkt“ und „Stromsperre“. Oestergaards Mode entsprach einer femininen Linie. Er schuf schmale Taillen und runde Schultern. Sein Design war elegant, aber auch luftig und heiter. „Mein Prinzip war, den Körper zu formen, aber nicht zu vergewaltigen“, beschrieb er seinen Stil, „die Kleider für die neue Frau nach dem Krieg sollten verführerisch sein.“ Weshalb er meistens das Dekolleté betonte.

          Die Durchschnittsfrau sollte schicker werden

          Er liebte die Berliner Gesellschaft, und die liebte ihn. Fast alle Stars des Nachkriegsfilms kamen in sein Atelier, das mittlerweile in einer vornehmen Villa im Grunewald untergebracht war. Romy Schneider, Hildegard Knef, Cornelia Froboess und Maria Schell gehörten zu seinen Kundinnen. Doch Oestergaard erkannte bald, dass Couture nur für wenige erschwinglich war, aber jeder ein Recht auf Mode haben sollte. „Ich möchte nicht ins Blaue phantasieren, ich möchte am Ku'damm jemanden sehen, der meine Kleider trägt.“ Er wollte, daß die deutsche Durchschnittsfrau schicker wird, und er wollte beweisen, dass Alltagskleidung modisch sein kann.

          Als Berater der Unterwäschefirma Triumph befreite er die Frauen vom Korsett, indem er die Stahlstäbchen entfernte und Mieder aus weichem Stretchmaterial schuf. Als einer der ersten Modemacher verarbeitete er Chemiefasern wie Trevira. Viele aus der Branche belächelten ihn, als er 1967 anfing, für das Versandhaus „Quelle“ zu entwerfen. Aber die fast 20 Jahre dauernde Zusammenarbeit mit Grete Schickedanz war überaus erfolgreich. Einmal überredete er die Firmenchefin, damals noch nicht populäre Overalls anzubieten – sie wurden ein Verkaufsschlager.

          „Studio für kreatives Design“

          Trotz allem führte er sein Modeatelier weiter, nach 1967 in München unter dem Namen „Studio für kreatives Design“. Der Mauerbau hatte die Arbeit in Berlin zunehmend erschwert, weshalb die Stadt an der Spree künftig in der Mode keine Rolle mehr spielte. Oestergaard entdeckte eine neue Sparte, die es zu modernisieren galt: die Berufskleidung. 1971 verpasste er den Polizisten die teils bis heute gültige grün-gelbe Uniform, knitterfrei und strapazierfähig, und vereinheitlichte sie damit, denn bis dahin gab es in Deutschland 120 verschiedene Modelle. Für die Mitarbeiter der ADAC-Straßenwacht schuf er orangefarbene Anzüge ohne Knöpfe, damit der Lack nicht verkratzt, wenn sie sich über die Kühlerhaube beugen.

          1985 zog er sich aus der Modebranche zurück. Er lernte die Kunst des Glasblasens und entwarf Vasen, außerdem Teppiche und Möbel. Heinz Oestergaard starb am 10. Mai 2003.

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