Home
http://www.faz.net/-guu-qzpn
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Designer-ABC Ungaro, Emanuel

„Tötet die Couture“, rief der junge Ungaro in den Sechzigern. Doch längst ist „der Don Juan der Designer“ selbst ein Meister dieser Klasse: Seine Kleider sind Blumensträuße zum Anziehen und sagen der Trägerin „Ich liebe Dich“.

Emanuel Ungaro ist wohl der einzige Designer, der für seine Arbeit weder Papier noch Zeichenstift braucht. Der Franzose entwirft ganze Kollektionen direkt am Modell: Dazu braucht er nicht mehr als den passenden Stoff, ein Mannequin mit reißfestem Geduldsfaden und klassische Musik. So drapiert und modelliert, zupft und steckt, glättet und faltet Ungaro regelmäßig bis zu zwölf Stunden, bis auch die raffinierteste Robe auf den Leib geschneidert ist.

„Tötet die Couture!“, rief der junge Ungaro in den sechziger Jahren. Damals hatte der 1933 in Aix-en-Provence geborene Sohn eines Schneiders – schon mit sechs Jahren wusste Ungaro die Nähmaschine wie ein Großer zu bedienen – gerade seine Lehrzeit bei Cristóbal Balenciaga und André Courrèges in Paris hinter sich gebracht. Bei Balenciaga, der Christian Diors „New Look“ weiterentwickelte und Pillenbox-Hut und Sackkleid erfand, hatte Ungaro sechs Jahre „im spanischen Kloster“ verbracht, wie man das Atelier Balenciagas nannte.

Mehr zum Thema

Blumensträuße zum Anziehen

Als Assistent von André Courrèges, einem Schüler Balenciagas, der für seine futuristischen Weltraumoutfits, Helmhüte und Catsuits berühmt war, konnte er sein eigenes modisches Potential zwar entwickeln, aber nicht entfalten. Dermaßen mit Ideen der Space-Art aufgeladen, eröffnet Emanuel Ungaro 1965 einen Salon in der Avenue MacMahon und beginnt seine Entwürfe aus dem Kopf mit geometrisch gemustertem und geschnittenem Stoff umzusetzen. Zwei Jahre später zieht er in die berühmte Avenue Montaigne, wo noch heute die Ungaro-Boutique zu finden ist, und löst sich endlich von seinen Vorbildern Balenciaga und Courrèges. Ungaro arbeitet mit neuen Materialien und Schnitten, und wenn er keine passenden Muster findet, entwirft er kurzerhand auch noch die Drucke für seine Stoffe.

Er experimentiert mit Formen und Farben und fängt irgendwann an, wie ein Maler seine Farben, die vorhandenen Muster in zuvor kaum denkbarer Weise zu mischen. Er kombiniert große Polka-Tupfen mit Streifen und Karos und üppigen Blumenmotiven. Was als Experiment gegen die Einheitlichkeit der damaligen Mode beginnt, wird zu seinem Markenzeichen – und Ungaro, seiner eigenen Drohung zum Trotz, zu einem Meister der Haute Couture.

Seine Entwürfe werden als „französische Variation der Weiblichkeit“ gepriesen: Sie umspielen die Trägerin mit Rüschen und Chiffon, die Mille-Fleurs-Prints verwandeln seine Kleider in Blumensträuße zum Anziehen. Diesen femininen Charme mögen auch Hollywood-Regisseure, die Ungaro als Kostümbildner entdeckt haben: Catherine Deneuve, Sharon Stone und Annouk Aimé zählen zu den von ihm eingekleideten Schauspielerinnen.

„Don Juan der Designer“

Bereits 1969 bringt Ungaro eine Prêt-à-porter-Linie unter dem Namen Ungaro Parallèle auf den Markt, in den Siebzigern lanciert er die Linien Solo Donna, Ungaro Ter, Emanuel und Ungaro Uomo. Im Jahr 1996 verkauft er sein Geschäft an die Ferragamo S.p.A., bleibt aber Kreativdirektor seiner Marken. Später folgen ihm auf dieser Position Robert Forrest und der Jungdesigner Giambattista Valli, der, ganz in der prachtvollen Tradition Ungaros, die Linien des Hauses ins 21. Jahrhundert überführt, ohne dabei an Farben- und Formenvielfalt einzubüßen.

Der „Don Juan der Designer“ – so nennt man Ungaro bis zu seiner Hochzeit mit der Italienerin Laura Fanfani – spielt mit Mustern wie ein Jongleur. Bei den Schauen wirbeln seine Abendkleider leuchtend und mit weitschwingenden Röcken über den Laufsteg. Der Designer Issey Miyake hat über Emanuel Ungaro einmal mit den Worten geurteilt: „Er entwirft Kleider, als würde er die Frauen umarmen und ihnen sagen: ‚Ich liebe Dich‘.“

Ihre Träume sind aus Samt und Seide und spazieren auf langen Beinen über den Laufsteg: Passend zum Start der Modeschauen in New York, London, Mailand und Paris präsentiert FAZ.NET in einer werktäglichen Serie die großen Designer unserer Zeit. Von A wie Armani bis Z wie Zegna wirft das „Designer ABC“ jeden Tag Licht auf die Biographie eines Klassikers. Spot on!

Lesen Sie morgen im „Designer ABC“: „V wie Donnatella Versace“

Quelle: FAZ.NET

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
New York Fashion Week Mach mich nicht flach!

Langsam wird in der New Yorker Mode die Normalität zur Norm. Nur einige wollen aus der Masse herausstechen. Mehr

13.09.2014, 08:26 Uhr | Stil
"Kate-Effekt" beflügelt Mode-Industrie

Für einen Designer muss es wie Traum sein, wenn die Herzogin von Cambridge eine seiner Kreationen trägt. Genau so war es für Cecile Reinaud der Marke Seraphine, als Kate dieses Kleid für das erste offizielle Familienfoto trug. Mehr

06.08.2014, 17:23 Uhr | Wirtschaft
London Fashion Week In der Mode ist das Königreich vereinigt

Während Großbritannien um die Unabhängigkeit Schottlands streitet, blüht und grünt die Londoner Modewoche. Niemand zweifelt an diesem Ort, weil alle einig sind: hier verkauft es sich ausgezeichnet. Mehr

16.09.2014, 16:11 Uhr | Stil
Altkleider-Mode auf der Pariser Fashion Week

T-Shirts und Hosen für ein paar Euro? Massenware, die man schnell kauft und schnell wieder wegwirft. Die Leidtragenden sind Näherinnen in Billiglohnländern. Dem will das Modelabel Schmidttakahashi etwas entgegensetzen. Zwei Designerinnen aus Berlin sammeln Alttextilien und machen daraus neue Kleidung. Mehr

12.05.2014, 17:08 Uhr | Lebensstil
Frauen und Mode Körper, Kleider, wilde Gefühle

Dann sind da halt Löcher drin: Ein neues Buch feiert die Einzigartigkeit von Frauen und ihrem Stil. Es enthält Bekenntnisse von rührender Ehrlichkeit - und ist nur dadurch erträglich. Mehr

16.09.2014, 23:13 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 01.01.2012, 16:50 Uhr