http://www.faz.net/-hs1-75tx6

Berliner Modewoche (Tag 3) : Schwabylon in der Hauptstadt

Hugo Boss Bild: Helmut Fricke

Bei der „Fashion Week“ zeigen schwäbische Unternehmen, was sie besonders gut können: verkaufen. Die Berliner Designer setzen ihr großes kreatives Kapital dagegen. Tag 3 der Modemesse

          Schon wieder haben die Schwaben den Berlinern etwas voraus, dieses Mal die schönste Location der Modewoche. Früher pinselten die Theatermaler hier oben im Malsaal des Bühnenservice ihre Kulissen. Im obersten Stockwerk ließ das Glasdach so viel Licht herein wie in ein Künstleratelier. Wenn die Maler etwas gemalt hatten, stiegen sie auf einen Steg oben unterm Glasdach, blickten auf ihr am Boden liegendes Werk hinab, stiegen wieder hinunter und malten weiter an ihrem Kunstwerk, das am Ende zum Beispiel als gigantische Kulisse für die Staatsopernbühne diente.

          Alfons  Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Am Donnerstagabend bietet sich ein anderes Bild. Aus den Kulissen kommen nun die Models, auf dem Boden liegt ein Laufsteg, das Gestänge oben unterm Glasdach dient als Leuchtenhalter, und statt der Kulissenmaler mit Pinsel stehen hier nun Schlips-Schwaben mit Champagnerglas. Denn wenn Boss zur Modenschau lädt, dann wird das zum Groß-Event. Im alten Bühnenservice an der Zinnowitzer Straße haben zwei Wochen lang bis zu 250 Menschen alles vorbereitet und aufgebaut, für Strom, Heizung, Wasser und jetzt auch Unterhaltung gesorgt.

          Berliner Modewoche : Die besten Kleider der Hauptstadt

          Fast hätte das schwäbische Unternehmen darüber die Mode vergessen. Denn während für die Organisation des Events mit rund 1000 Gästen (unter ihnen Renée Zellweger) keine Mühen gescheut wurden, spart man etwas an der Herbst-Winter-Kollektion der Linie Hugo. Natürlich gibt es die typischen schmalen Hosen, schönen Jacken (mit dekorativem doppelten Kragen) und hübschen Kleider zu sehen – aber ein bisschen mehr fürs Auge könnte es schon sein. Die allzu wenigen farbstarken Drucke wären ein schöner Anfang gewesen.

          Andererseits ist das natürlich auch ein Trick. Wenn die Kollektion nicht so viele Ecken und Kanten hat, verkauft man sie besser. Und an den Zahlen erkennt man die Schwaben, besonders in Berlin. Nur ein Rechenbeispiel: Das Unternehmen Boss, das in diesem Jahr rund zwei Milliarden Euro erwirtschaftet, macht etwa so viel Umsatz wie die gesamte Berliner Modebranche. In dieser langen Donnerstagnacht mit toller Party herrscht hier an der Zinnowitzer Straße wirklich das von manchen Schwaben in Prenzlauer Berg ersehnte „Schwabylon“.

          Berlin kontert mit kreativem Kapital

          Dagegen setzen die Berliner kreatives Kapital. Man sieht es bei Michael Sontag, der mit seinen drapierten und asymmetrisch geschnittenen Kleidern ein starkes Markenzeichen gefunden hat. Ein graues Kleid erhält mit Raffungen am Bauch verblüffende Eieruhr-Form und schenkt den Frauen eine Taille. (Ob man dazu dicke Glitzerstiefel tragen muss, ist hoffentlich nur eine Stylingfrage.)

          Man sieht es auch bei Mongrels in Common: Ein Print sieht aus wie eine vorbeirauschende Landschaft auf dem Motorrad. „Wir sind Basic-Freaks“, sagen die Designerinnen Livia Ximénez Carillo und Christine Pluess – ihre tannengrünen Jacken oder Trenchcoats könnten durchaus auch öfters mal in schwäbischen Boutiquen hängen.

          Weitere Themen

          Den Trend zum Freund

          Virgil Abloh : Den Trend zum Freund

          Als Designer arbeitet Virgil Abloh mit Kanye West zusammen. Sarah Jessica Parker lobt in einer langen Mail sein Label Off-White. Dabei bewegt sich Abloh zwischen den Welten – und folgt sieben Lektionen.

          Topmeldungen

          Wolfgang Kubicki will sich von der AfD nicht provozieren lassen.

          Bundestag : Kubicki rät zu gelassenem Umgang mit der AfD

          Heute dürfte FDP-Politiker Kubicki zu einem der Vizepräsidenten des Bundestages gewählt werden. Er rät, mit der AfD im Parlament „vernünftig und fair“ umzugehen. Abgeordnete bekräftigen ihre Ablehnung gegen den umstrittenen AfD-Kandidaten Glaser.
          Martin Schulz (rechts) mit dem designierten SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil

          Martin Schulz unter Druck : Vorsitzender auf Abruf

          Die SPD akzeptiert die Personalpolitik ihres Vorsitzenden nur mit Zähneknirschen. Für Martin Schulz wird der Weg bis zum Bundesparteitag im Dezember steinig.
          Pirat an einer Küste Afrikas

          Nigeria : Piraten überfallen deutsches Containerschiff

          Das Schiff einer Hamburger Reederei ist vor Nigeria von Piraten angriffen worden. Die Seeräuber verschleppten sechs Besatzungsmitglieder, darunter ist auch der Kapitän.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.