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Armbänder von Cruciani : Spitze für das mentale Tief

Junge und bunte Muster werden zum Trend an italienischen Handgelenken. Bild: Anna Jockisch

Jede Krise hat ihre Gewinner: Viele Italiener tragen jetzt bunte Armbänder mit Blütenmotiven der Kaschmirmarke Cruciani. Wird das Accessoire auch hierzulande allgegenwärtig?

          Wenn italienische Modechefs nicht an ihre nächsten Sommerkollektionen denken oder an eine Zwischensaison, dann suchen sie gerne den Dialog mit ihren Landsleuten auf anderer Ebene. Tod’s-Chef Diego Della Valle zum Beispiel saniert mit der linken Hand das Kolosseum in Rom und steuert mit der rechten die Hochgeschwindigkeitszugflotte Italo, die seit vergangenem Sommer quer durch Italien rauscht, von Neapel bis Venedig.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          In Mailand versucht sich das Label Dolce & Gabbana mit einer kleinen Bude am Corso Venezia im Kioskgeschäft, Dreh- und Angelpunkt des italienischen Lebens, und legt dort neben der nationalen Ausgabe der „Vogue“ und dem „Corriere della Sera“ auch die Londoner „Sunday Times“ zum Verkauf bereit.

          Und die Kaschmirmarke Cruciani stößt zufällig auf ein Rezept, das in der Krise offenbar ganz Italien wie Kamillentee bei Magenverstimmungen für sich entdeckt: dünne Armbänder aus Makramee-Spitze.

          Schmetterlinke, Kleeblätter und Punkte an filigranen Handgelenken

          Morgens auf den Straßen von Rom lenken Männer in schwarzen Anzügen ihre Roller in Richtung Zentrum und lassen, als wäre es gewollt, unter den Ärmeln Bänder mit Blütenmotiven hervorblitzen. Beim Mittagessen in der Frühherbstsonne von Ponte Milvio, ein paar Kilometer weiter in die andere Richtung stadtauswärts, trifft sich eine Gruppe Frauen; alle tragen, als wären es nun Freundschaftsarmbänder, geknoteten Armschmuck in Orange, Lila, Dunkelblau.

          In Mailand ein ähnliches Bild: Während der Modewoche vergangenen Monat konnte man Schmetterlinge, Kleeblätter und Punkte an den filigranen Handgelenken der Schauenbesucher sehen - aber auch an jenem der Rezeptionistin im Hotel und an dem vom Gangschalten trainierten Unterarm des Taxifahrers.

          Das Leben in Italien scheint also um ein modisches Accessoire reicher und somit bunter, denn viele, wirklich viele Italiener binden sich seit einiger Zeit die Spitzenarmbänder des Mailänder Hauses Cruciani um die Handgelenke. „Rund sieben Millionen Armbändchen“, sagt Luca Caprai, Gründer der Marke, habe man in 15 Monaten davon verkauft. Für Cruciani, das seinen Löwenanteil eigentlich mit Kaschmirpullis und Ledertaschen machen sollte, fallen die zarten Bänder mit 40 Prozent des Gesamtumsatzes - so Caprai - entsprechend schwer ins Gewicht.

          Der väterliche Rat war also rückblickend nicht der schlechteste: Denn zunächst hatte Caprais Vater Arnaldo den Einfall, anlässlich der Feierlichkeiten zum 150. Jahrestag der italienischen Unabhängigkeit ein Spitzenarmband zu fertigen. Seine Idee landete auf dem Schreibtisch des Sohnes, dem der erste Entwurf des Bandes noch als zu groß erschien. Am Ende fügte dieser ein vierblättriges Kleeblatt-Motiv hinzu, hoffte auf die Wirkung des Symbols und wurde wenige Wochen später, im Sommer 2011, vor dem eigenen Laden von Menschenschlangen begrüßt. „Diese Bändchen haben also in vielerlei Hinsicht eine positive Ausstrahlung“, schmunzelt Caprai heute.

          Auch Piraterie-Banden haben den Trend erkannt

          Nun wirken sie mit ihren Piraten, ihren Schmetterlingen und jetzt, da Halloween vor der Tür steht, ihren orangefarbenen Kürbissen ziemlich regressiv. Aber wer könnte nicht verstehen, dass man sich als Italiener in der Krise wünscht, so wenig von der Lage zu verstehen wie die Kinder? Und umgekehrt, wer kann von sich sagen, er kapiere Staatsschulden- und Banken- und Euro-Krise wirklich noch besser als ein Kind?

          “Man kann zwischen vielen Farben und Mustern wählen“, sagt Caprai im Hinblick auf seine Bänder, und dabei klingt er nun wirklich wie ein junger Spross, der in einem Süßigkeitenladen steht und sich dort einfach nicht entscheiden kann zwischen ein paar Lakritzschnecken und sauren Äpfeln. Da fällt der Preis ab fünf Euro pro buntem Band am Ende auch nicht erheblich höher aus als der für die bunte Tüte, so dass man sich bei allen Ärgernissen, die die Krise gerade in Italien mit sich bringt, wohl wenigstens keine Sorgen um die Kreditkartenabrechnung machen muss. Dort haben bei vielen Italienern auch die Investitionen in das Aussehen für gewöhnlich ihren festen Platz. Jetzt, da Sparen angesagt ist, fällt die Anlage also entsprechend geringer aus.

          Das haben selbst Piraterie-Banden erkannt, die neben teuren Handtaschen und Geldbörsen schon die krisengerechten Spitzenarmbänder von Cruciani fälschen. Die Mailänder Polizei hatte im August einen Coup zu vermelden, als sie neben 12 000 Louis-Vuitton- und Burberry-Fakes auch 25 000 plagiierte Cruciani-Armbänder sicherstellte.

          Das Haus aus Mailand richtet sich mit den Originalen in den flachen Pappschachteln indessen auf die große Zukunft ein und verkauft sie auch hierzulande. In anderen Ländern gibt es bereits acht eigens für den Schmuck eröffnete Cruciani-C-Concept-Stores, die unter anderem Dubai und Seoul erreicht haben. „Bis 2014 sind weitere Shoperöffnungen geplant“, sagt Caprai. Gute Stimmung könnte auch in Deutschland nicht schaden.

          Quelle: F.A.S.

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