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Mode-Illustrator : Mit Wasserfarben für Dior

Das Fechtkostüm (Frühjahr/Sommer 2017), aus der ersten Kollektion von Maria Grazia Chiuri für Dior. Bild: Dior

In Zeiten von Instagram und Snapchat erscheint Mode-Illustration schon lange abgehängt. Trotzdem malt Mats Gustafson für Marken wie Dior und die Zeitschrift Vogue.

          Es waren die späten Siebziger, Mats Gustafson selbst war zu der Zeit in seinen späten Zwanzigern. Der Schwede hatte sich in Paris in seine erste Modenschau verirrt. Er sollte über die Kollektionen für die britische Ausgabe der „Vogue“ berichten. Der Auftrag kam von der legendären Stylistin und Moderedakteurin Grace Coddington. Dann trat Musik-Legende Grace Jones auf den Laufsteg. Sie lief nicht einfach so, wie Models heutzutage laufen, einmal vor zu den Fotografen, dann zurück Richtung Backstage, ohne dabei eine Miene zu verziehen. Es waren schließlich die späten Siebziger. Grace Jones war die Sängerin der Show und zugleich Yves Saint Laurents Model.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Es hätte nicht cooler sein können. In dem Moment wurde ich vollkommen mitgerissen“, sagt Mats Gustafson heute, der in einem Raum in der Dior-Zentrale sitzt, an der Ecke Avenue Montaigne und Rue de Marignan in Paris. „Seitdem mache ich nichts anderes als Mode.“

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          Illustrationen mit klarer Botschaft

          Zum Glück gab es für Mats Gustafson also an diesem Tag vor knapp 40 Jahren die junge Grace Jones und den Modedesigner Yves Saint Laurent. Seitdem gehört Gustafson zu den wichtigsten Mode-Illustratoren der Welt. Kurz nachdem er von Grace Jones bekehrt wurde, zog er 1980 nach New York. Dort lebt und arbeitet er bis heute.

          „Es ist nie so einfach, wie es aussieht“, sagt er auf der Dior-Couch über seine Arbeit. „Eine Illustration sollte eine klare Botschaft haben und zugleich die Sinne stimulieren. Deshalb brauche ich für eine gute Serie an Zeichnungen leicht zwei Wochen. Und ich muss mich vollkommen von meiner Außenwelt abschotten.“ Gustafson beginnt mit Skizzen. „Es dauert, bis ich das habe, was ich mir vorstelle. Mein Medium ist Wasserfarbe, deshalb muss es anschließend ganz schnell gehen.“

          Gustafsons Interpretation der Bar-Jacke (Frühjahr/Sommer 1947).
          Gustafsons Interpretation der Bar-Jacke (Frühjahr/Sommer 1947). : Bild: Dior

          Magazine und Marken als Auftraggeber

          Mats Gustafson ist kein Zeichner, der am Rand einer Modenschau sitzt und von dort aus seine Sicht der Dinge, Look für Look, direkt dokumentiert. „Das habe ich früher mal gemacht, aber die Schauen gehen ja so schnell vorbei. Ich schaue mir das Defilee lieber live an, verschaffe mir so einen ersten Eindruck. Anschließend arbeite ich auf der Basis von Videos und Fotos. Die Mode ist ja heute zum Glück ausreichend dokumentiert.“

          Ausgerechnet ein Illustrator, der Chronist fürs Bleibende, kann sich nun also die schnellen Rhythmen der Kanäle von Google, Snapchat und Instagram zunutze machen. Seine Auftraggeber sind der „New Yorker“, die internationalen Ausgaben der „Vogue“, Marken von Commes des Garçons bis Hermès. Seit 2012 arbeitet er auch für Dior - die Marke, die in ihrer frühen Zeit dem italienischen Illustrator René Gruau zu Berühmtheit verhalf.

          Bildbände erscheinen im Jubiläumsjahr

          Als Raf Simons die kreative Verantwortung für das Haus übernahm, ging es los mit Mats Gustafson. Seitdem gibt der Illustrator in jeder Saison ein paar der wichtigsten Looks in Wasserfarbe wieder. Auch mit Maria Grazia Chiuri, der neuen Chefdesignerin von Dior, arbeitet der Künstler eng zusammen.

          Arizona (Herbst/ Winter 1948)
          Arizona (Herbst/ Winter 1948) : Bild: Dior

          In diesem Jahr, da das Haus 70 Jahre alt wird, erscheint zum Jubiläum gleich eine Reihe schwerer Bildbände. Einer stammt von ihm („Dior by Mats Gustafson“, Rizzoli, 224 Seiten, 65 Euro). Zu sehen sind in dem Prachtband nicht nur Illustrationen der Dior-Looks aus den vergangenen Jahren, Simons' Interpretation der Bar-Jacke, eines der wichtigsten Stücke des Hauses, oder Chiuris Fechtkorsette mit rotem Herzen auf der Brust aus ihrer ersten Kollektion. Gustafson hat sich auch das Archiv vorgenommen. Die Frühwerke des Gründers sind seine liebsten Looks. „Die Mode muss natürlich stets in der Gegenwart sein. Aber trotzdem finde ich das, was Christian Dior zu Beginn gemacht hat, einfach großartig. Es ist die Grundlage. Auf der Basis dieser Entwürfe haben dann alle weiteren Designer für das Haus gearbeitet.“

          Mode-Illustrationen vor dem Comeback?

          Gustafson spricht über Looks aus einer Zeit, als eine Modeaufnahme so selten war wie heute ein Couture-Kleid. Damals waren Illustratoren die wichtigsten Chronisten der Mode. Nun wird wieder gesagt, die Zeichnung erlebe ein Comeback, als Gegentrend zu der Flut an beliebigen Instagram-Fotos und Snaps, die nach spätestens 24 Stunden ohnehin nicht mehr existieren.

          „Mit einer Illustration kann ich ein Bild vereinfachen“: Mats Gustafson über seine Arbeit.
          „Mit einer Illustration kann ich ein Bild vereinfachen“: Mats Gustafson über seine Arbeit. : Bild: Stella Herner

          „Ich mache das jetzt schon eine ganze Weile“, sagt Gustafson. „Und ungefähr alle fünf Jahre höre ich, Modeillustrationen seien wieder im Kommen. Dann hört man wieder nicht so viel davon, und dann reden wieder „alle von einem Comeback“, sagt der Illustrator, der eine schwedische Färbung in seinem Englisch auch nach 37 Jahren in New York nicht abgelegt hat.

          Zum Kern des Designs vorstoßen

          „Aber Tatsache ist, dass Modeillustrationen nie weg waren.“ Gustafson muss das sagen, als jemand, für den das Handwerk seit der Sache mit Grace Jones so sehr Beruf wie Berufung ist. Was also kann eine Illustration, was ein Foto niemals schaffen wird? „Das versuche ich selbst mein ganzes Leben lang herauszufinden“, sagt er und lacht. Als er mit der Arbeit begann, galten Zeichnungen im Vergleich zur Fotografie schon als abgehängt, es gab bislang also schon Anlässe, darüber nachzudenken.

          „Aber ich denke, es geht darum, dass ich ein Bild verdichten und vereinfachen kann und so zum Kern des Designs komme.“ Gut möglich, dass er deshalb so gut gebucht wird von Modemachern. Mats Gustafson ist nicht nur Chronist ihrer Arbeit. Er ist auch einer ihrer wichtigsten Mitarbeiter.

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin

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