http://www.faz.net/-hrx-8xsya
© Vlisco

Africouture

Von FLORIAN SIEBECK und MARIA WIESNER

18. Mai 2017 · In einer niederländischen Kleinstadt entsteht Mode für Afrika. Zu Besuch in Benin – und beim Stoffproduzenten Vlisco.

In Benin hören wir zum ersten Mal von Vlisco. Die Äquatorsonne brennt auf die Stadt, die Straßen von Cotonou sind staubig und laut. Die Wirtschaftsmetropole des westafrikanischen Landes ist voller Menschen, die Obst verkaufen, Waren transportieren, Moped fahren. Was sie auch tun: Sie sehen großartig aus. Ihre Kleider und Hosen und Hemden aus Baumwolle sind so laut und bunt wie die Stadt, in der sie leben. Wo kaufen die das?

Auf dem Markt, zwischen Geflügelhändlern und Gewürzverkäufern, finden wir die Stoffe. Blasse Billigware aus China. Bei der Fahrt durch die Stadt hatten wir ein großes Plakat entdeckt, auf dem eine Frau aus einem Kleid mit pinkfarbenen und gelben Blüten strahlte. Es hing über einem Laden, in dessen Schaufenstern wir beim Vorbeirauschen noch mehr Stoffe sahen. Mit der Richtungsangabe „alter Bahnhof“ kann zwar keiner der vielen Mopedtaxi- Fahrer etwas anfangen. Aber als wir das Plakat und die Stoffe beschreiben, sagen sie nur: „Ah, Vlisco!“ Und fahren uns hin.

© Florian Siebeck Luxusladen: Geschäft mit Vlisco-Stoffen in Cotonou

Der Laden ist Luxus: Klimaanlage, Türsteher, polierter Fliesenboden, schwarze Holzregale. Darin Stoffballen und -bahnen, auf denen Sterne explodieren, Vögel in die Freiheit fliegen, Hühner Eier legen oder Handtaschen und Elektrogeräte in geometrischer Anordnung hüpfen. Man fühlt sich wie ein Kind, das mit frischem Taschengeld vor Süßwarengläsern steht: Was nehme ich nur?

Die Stoffe werden nach Yard geschnitten. Drei Längen gibt es zur Auswahl: vier, sechs oder zwölf Yards. Aus sechs, erklärt eine Verkäuferin, könne ein guter Schneider drei Kleidungsstücke fertigen. Ob die Stoffe aus Benin kommen, fragen wir an der Kasse. „Nein, nein“, sagt die Kassiererin fast erschrocken. „Aus Holland natürlich!“ Sie tippt auf das Label der Tragetasche, in die sie unsere Einkäufe verstaut. Darauf steht: „Vlisco. Since 1846“. Eine Firma aus Holland. Wie kann das sein?

„Angefangen hat alles in Indonesien“, sagt Erwin Thomasse. Er arbeitet seit fünf Jahren für Vlisco und hat sich mit der Geschichte des Unternehmens beschäftigt. Vlisco wurde von Pieter Fentener van Vlissingen Jr. gegründet, dessen Onkel eine Zuckerfarm auf Java hatte. Er schickte seinem Neffen einige Stoffe mit Batikmustern und fragte ihn, ob er das in seiner Wachstuchfabrik reproduzieren könne. Europa steckte mitten in der Industriellen Revolution, und Pieter van Vlissingen Jr. war begeistert von den exotischen Mustern. „Ein paar Vögel und Ästchen weniger, die müssen weg“, notierte er. „Stattdessen auf die Elefanten konzentrieren. Das Design muss etwas luftiger wirken.“ Der Zettel liegt heute im Archiv der Firma.

© Vlisco Vlisco wurde von Pieter Fentener van Vlissingen Jr. gegründet. 1876 ist im Archiv der erste Kauf vermerkt.

„Viel geändert haben sie an den Batikmustern aber nicht, weil sie wussten, dass sie gesellschaftlichen Codes unterlagen“, sagt Thomasse. So habe es Muster gegeben, die nur dem Sultan vorbehalten waren. „Sie wussten schon damals: Wenn sie das Design durcheinanderbringen, könnte das Geschäft ganz schnell vorbei sein.“

Letztlich lag es nicht an den Mustern, dass das Geschäft nicht lief – sondern am Krakelee, das mit der Massenproduktion auf den Stoffen entstand. Es gefiel den Indonesiern nicht. Dafür tat sich tausende Kilometer weiter recht unverhofft ein Markt auf. In West- und Zentralafrika hielten die Schiffe und tauschten den Stoff gegen Proviant für die Weiterreise. Die Afrikaner rissen sich um Vliscos Entwürfe. Es gefiel ihnen, dass kein Stoffmuster dem anderen glich. 1876 ist im Archiv der erste Kauf vermerkt. Schon bald entwarf Vlisco in Holland eigene Drucke für den westafrikanischen Markt, mit strahlenden Farben und wilden Mustern. 1894 war Vlisco das erste holländische Unternehmen mit eigenem Designteam. „Man orientierte sich an Sprichwörtern oder ging ins Grafische“, sagt Thomasse. Ein beliebtes Muster war eine simple Abfolge des Alphabets. „Das hatten Missionare vorgeschlagen. Wer es trug, zeigte damit, dass er schriftkundig war.“

Früher, als viele Menschen nicht lesen und schreiben konnten und Frauen oft kein Mitspracherecht hatten, kommunizierten sie über Stoffe. Vlisco gibt den Stoffen keine Namen, nur Nummern. Die Händler und Käufer laden die holländischen Designs mit eigener kultureller Bedeutung auf. Ein grafisches Muster mit verschiedenfarbigen Punkten etwa tauften die Händlerinnen „Paracetamol“, weil es den Schmerztabletten ähnelt. Während sich die Designer anfangs auf Mondrian, Gauguin oder Picasso bezogen, kamen zuletzt andere Motive in den Fokus: Rollerskates, Aktenkoffer, Computer und iPods. Die Träger können damit zeigen, welche Talente sie haben oder wie viel Geld. Andere Stoffe symbolisieren geschichtsträchtige Ereignisse, wie das Muster mit der Handtasche, die Michelle Obama bei einem Besuch in Ghana trug („Le Sac de Michelle Obama“) oder „Kofi Annan’s Brain“, das auf den Markt kam, als Annan eine Rede in New York hielt.

© Vlisco Mehr als nur Muster: Die Träger können mit den Stoffen zeigen, welche Talente sie haben oder wie viel Geld. Andere Stoffe symbolisieren geschichtsträchtige Ereignisse, wie das Muster mit der Handtasche, die Michelle Obama bei einem Besuch in Ghana trug. Missionare schlugen das Muster von 1920 als Beitrag zur Alphabetisierung vor. Man zeigt, dass man lesen, schreiben, rechnen kann.

In Benin und den umliegenden afrikanischen Ländern ist es gang und gäbe, sich Stoffe zu kaufen, keine fertige Kleidung. Während in Europa Arbeitskraft teuer ist und Stoffe billig sind, ist es in Westafrika andersherum. Weil sich die Menschen bestimmten Volksgruppen zugehörig fühlen, wird der individuelle Ausdruck gestärkt. Nur in den Diplomatenvierteln laufen sie mit Jeans und T-Shirts herum. Als wir der Köchin in unserer Unterkunft die Stoffe zeigen, seufzt sie den Namen mit Ehrfurcht. Sie streicht über die Stoffe und erklärt dann, was wir da eigentlich gekauft haben. „Der Stern hier“, sagt sie und zeigt auf einen großen Stern, dessen Konturen sich in roten und gelben Linien auf dunkelgrünem Grund wiederholen, „er bedeutet, dass man nachts gern draußen ist und eine maßlose Person.“ Dann fragt sie bedeutungsvoll, wer von uns den Stoff ausgesucht habe. Beide. Sie ist erstaunt.

Es braucht einige Telefonate, dann kommt ein Schneider in die Pension. Er nimmt Maß, notiert Zahlenreihen auf einem kleinen Block, begutachtet die Stoffe. Der Stoffrand, sagt er, auf dem das holländische Label und die Wachsqualität gedruckt sind, der solle doch sicher ins Kleidungsstück eingearbeitet werden. Das ist üblich, um zu zeigen, dass man sich die teuren Stoffe aus Holland leisten kann. Vlisco ist gewissermaßen das westafrikanische Chanel. Wer es sich hier leisten kann, macht Eindruck. Ein Kleid oder Anzug aus dem Stoff öffnet Türen. In zwei Tagen, sagt der Schneider, könne er daraus einen Rock nähen, dazu einen Look aus Hemd und Hose. Für den Rock setzt er zwei Yards, für Hemd und Hose sechs Yards an. Die Köchin wirft ein, nur ein Rock, das gehe nicht. Da gehöre auch ein Shirt aus dem gleichen Stoff dazu.

Die Muster von Vlisco entstehen immer noch in Helmond, einer Kleinstadt bei Eindhoven, die nicht einmal in den Niederlanden bekannt ist. Seit den siebziger Jahren schickt Vlisco seine Designer nach Afrika. Dort bereisen sie die Abnehmerländer: Togo, Elfenbeinküste, Ghana, Benin, Nigeria, Kamerun, Kongo und die Demokratische Republik Kongo. Ein Markt mit 400 Millionen potentiellen Käufern. Die Designer besuchen die Märkte, sprechen mit Schneidern, Designern und Händlerinnen, denn der Verkauf ist Frauensache. Es ist das Erfolgsgeheimnis von Vlisco: In vielen Ländern arbeiten sie seit Generationen mit Familien zusammen, die den Vertrieb im jeweiligen Land organisieren. Für die Händlerinnen ist es ein gutes Geschäft. Rosa Creppy, deren Familie in Togo die Lizenz für Vlisco hielt, war der erste Mensch im Land, der sich einen Mercedes leisten konnte. Die Verkäuferinnen heißen deshalb bis heute „Nana Benz“, also „Mama Benz“.

In der Zentrale in Helmond, im zweiten Stock eines Backsteingebäudes, liegt die Design-Abteilung. Große Fenster, weiße Trennwände, daran Moodboards wie in Modeateliers. Vlisco-Muster haben es auch in bekannte Marken geschafft, unter anderem zu Viktor & Rolf, Junya Watanabe, Jean Paul Gaultier, Dries Van Noten und Acne. Hay benutzte sie für Lampenschirme.

  • © Vlisco „Tu sors, je sors“ (1978): Ein Vogel ist im Käfig, der andere fliegt hinaus – die Frau weiß, dass ihr Mann untreu ist, hält aber an der Beziehung fest. Zu wild sollte er es aber doch nicht treiben, denn auch sie könnte jederzeit zur offenen Tür hinaus.
  • © Vlisco Das Design von 1952 bekam von den Händlerinnen den Namen „Die glückliche Familie“: Das Huhn in der Mitte symbolisiert die starke Mutter, die von Kindern umgeben ist. Der Mann, als Hahnenkopf, steht eher am Rand. Ein familienfreundliches Motiv.
  • © Vlisco Im Mai 1940 bestellte ein portugiesischer Händler dieses Muster. Die Zündkerzen zeigen, dass sich der Träger ein Auto leisten kann. Beliebte Deutung: Eine Frau kann es mit sechs Männern aufnehmen.
  • © Vlisco Stoffe für das Volk der Igbo (hier von 1930) sind oft in gedeckten Farben gehalten. Das Pferdemotiv symbolisiert im nigerianischen Wappen Würde. In der Elfenbeinküste steht das Muster auch für den Kampf zwischen zwei Ehefrauen, die zu einem Mann gehören.

„Manche Modefirmen denken: Das kommt aus Afrika, das ist weit weg, und übernehmen einfach die Muster“, sagt Zara Atelj, die Chefdesignerin von Vlisco. Auch diese Stoffe haben Saisons, und jede Saison hat ein Überthema. Die Einflüsse reichen von Blumen über Straßenszenen und Architektur bis zur Musik.

Zwölf Designer arbeiten hier an 150 Entwürfen pro Jahr, von denen am Ende rund 120 in Produktion gehen. Seit der Gründung des Unternehmens hat es Zehntausende Designs gegeben. Mehr als eine Viertelmillion Muster lagern im Archiv, manche sind bis heute Bestseller und werden immer wieder neu aufgelegt. Neue Muster bringt Zara Atelj mit ihrem Team hervor. Die gebürtige Schweizerin, die vor fünf Jahren nach Helmond kam und sich seit März Kreativdirektorin nennen darf, war vor der Arbeit bei Vlisco noch nie in Afrika. Inzwischen hat sie jedes einzelne Land besucht, in das die Firma Stoffe liefert. „Außer Kongo, aber das steht schon auf dem Plan.“ Nur wenige Designs sind in allen Ländern gleich. Der Rest unterscheidet sich in Farben und Mustern nach regionalen Geschmäckern. Für Nigeria, wo die Ethnie der Igbo mehr als 30 Millionen Menschen ausmacht, setzt man auf Muster in den Traditionsfarben Rot, Blau und Gelb. Auch die Religion der Käufer spielt beim Design eine Rolle: „Für den islamischen Norden Nigerias können wir zum Beispiel keine Tiere zeigen, keine spezifischen Motive, schon gar nicht Kreuze“, sagt Atelj. „Dann werden es eher grafische Drucke oder ein Blumenmuster.“

Früher habe man nicht an Feiertage gedacht. Heute gibt es Kollektionen für Ramadan und Muttertag. Und es gibt die „Superwax“-Reihe für wohlhabende Kundinnen, die eigene Muster auf Bestellung bekommen. Meist wohnen sie in London oder anderen Weltmetropolen und vertreiben die Ware von dort aus in Westafrika.

Jeder Designer hat einen Monat Zeit, ein Design fertigzustellen. Manche arbeiten per Hand, manche am Computer. Erst werden die Muster schwarz-weiß gezeichnet, später die Farben ausgewählt. Jede Saison hat bestimmte Farbgruppen, aber Indigo ist immer dabei. Wenn sich die Druckfarben ungeplant überschneiden, entstehen ganz neue Farben. „Früher war das gang und gäbe“, sagt Zara Atelj. „Heute können wir das kaum mehr verkaufen. Schade, aber die Kunden verlangen Perfektion vom Original.“ Doch es gibt eine geplante Unregelmäßigkeit, die von der chinesischen Konkurrenz nicht nachgemacht werden kann. „Das Bubbling bekommen die nicht hin“, sagt Zara Atelj. Die Färbung erinnert an blubbernde Blasen und entsteht durch das gebrochene Wachs beim Weiterfärben.

© Vlisco Jeder Designer hat einen Monat Zeit, ein Design fertigzustellen. Manche arbeiten per Hand, manche am Computer.

Vlisco ist ein sehr vorsichtiges Unternehmen. Es dauert Monate, bis wir die Zusage bekommen, überhaupt Designer und Produktion kennenzulernen. Die Angst vor Kopisten und Kritikern ist groß. Manche argumentieren, Vlisco habe sein Geschäft auf der Kolonialisierung aufgebaut. Die Kundinnen in Afrika wiederum sehen das nicht so eng. Ohnehin haben sie die Marke auf paradoxe Weise vereinnahmt. Vlisco mag aus Holland kommen – aber ist längst Teil ihrer Kultur.

In den Niederlanden werden die Designs zunächst auf einen Metallzylinder graviert. 1600 dieser Zylinder besitzt das Unternehmen, sie werden ständig wiederverwertet. Aus Angst vor Ideenklau gibt man keinen Arbeitsschritt aus der Hand. „Natürlich gäbe es Gravierbetriebe, aber dann geben wir auch Designs weg, die wir vielleicht erst im nächsten Jahr auf den Markt bringen möchten. Es ist immer ein Risiko dabei“, sagt Jos van de Laar, der seit 35 Jahren bei Vlisco arbeitet. Designs, die sich gut verkaufen, werden gern kopiert. Vlisco muss sich dann stets etwas Neues einfallen lassen. Und Vorsicht ist geboten: Die Konkurrenz hat ihre Augen auch in den Niederlanden.

Die Graviermaschine beschichtet den Zylinder an einigen Stellen mit einer Schutzschicht, der Rest wird weggeätzt. Dort kommt anschließend das Wachs hinein. In der Wachsdruckerei riecht es nach – Wachs. „Wir drucken mit synthetischem Wachs“, sagt van de Laar, „denn natürliches Wachs ist nicht konstant.“ Synthetisches Wachs ist fast transparent, hier ist es schwarz, denn es wird immer wieder verwendet. In der Wachsdruckerei kommen Stoff und Zylinder zusammen. Angeliefert werden fertig gewebte Tücher. Nach dem Waschen und Trocknen werden sie zu Rollen von je 8000 bis 9000 Yards aufgerollt. In mehreren Durchgängen wird jedes Tuch beidseitig an den gleichen Stellen mit Wachs bedruckt, mit einer Abweichung von höchstens 0,05 Millimetern.

© Vlisco Sterne werden oft verwendet. Die Legende der Igbo vom „Kilikili- Stern“ erzählt vom König, der aus Neid auf den Mond einen Spiegel zerschlug, dessen Splitter als Sterne an den Himmel flogen. Wer Sternenmuster trägt, gilt zuweilen als exzentrisch.

Die Maschinen haben einige Jahrzehnte hinter sich. „Wir haben viel versucht, um unsere Prozesse zu automatisieren, aber man bekommt nicht das gleiche Resultat“, sagt Jos van de Laar. Alle Maschinen seien Eigenentwicklungen, die gebe es nirgends sonst auf der Welt. Und auch die Farben werden selbst angemischt. Die Großkunden in Westafrika können sich auch eigene Farbwünsche zu bestehenden Mustern bestellen. Wo das Wachs auf der Baumwolle aufliegt, kann keine Farbe durchdringen. Manchmal bricht das Wachs, und es gelangt Farbe auf die weißen Stellen. „Es ist eben ein natürliches Produkt“, sagt van de Laar. „Für mich ist das das Schönste, denn das kann man nicht kopieren. Aber nicht jeder Kunde denkt so.“

Die Farbe heißt Java, der Druck heißt Batik. Knapp zwei Drittel der Stoffe werden als Grundlage mit Indigo bedruckt. Das Blau zu drucken ist aufwendiger als andere Farbtöne. Sieben, acht, neun Mal muss der Stoff in Farbe baden, bis er stark genug gefärbt ist und auch der großen Wäsche standhält. Je nach Muster wird das Wachs anschließend ganz oder nur teilweise entfernt. Dann kommen weitere Farben hinzu. Nachdem die Basisfarben aufgetragen sind, kommen die Druckfarben mit Schablonen auf den Stoff, anschließend werden die Tücher gewaschen, imprägniert und kontrolliert. Vor einer Lichtwand rauschen die Stoffe vorbei. Die Kontrolleure starren auf die Muster, halten das Band an, markieren Fehler. Dann setzt sich das Muster wieder in Bewegung, die Yards bewegen sich weiter. Die Kontrolleure arbeiten zwei Stunden am Stück, dann machen sie Pause. „Respekt vor denen, die das können“, sagt van de Laar.

© Vlisco Knapp zwei Drittel der Stoffe werden als Grundlage mit Indigo bedruckt. Das Blau zu drucken ist aufwendiger als andere Farbtöne.

Vlisco schickt keine Rollen, sondern fertig geschnittene Stoffpakete von vier, sechs und zwölf Yards zu den Kunden. Die verkaufen die Stoffe meist auf den Märkten weiter. Auf Paletten sind die Stoffballen schon mit ihren Endzielen versehen: Lagos, Abidjan, Cotonou, Lomé, Laos. „Erst kommt das Geld, dann liefern wir“, sagt van de Laar. Die Stoffe werden in Jute eingeschlagen. Ein früherer Direktor wollte es aus Kostengründen mit Plastik versuchen. „Da haben unsere Kunden gesagt: Das ist nicht Vlisco, das ist eine Kopie. Das haben wir dann zurückgenommen.“

Die Konkurrenz ist schärfer geworden. Produzenten aus China bieten billige Ware an – herkömmlich bedruckt, ohne Wachs. Vlisco-Stoffe kosten bis zu neun Euro pro Meter, chinesische nur ein Drittel, und nach einigen Wäschen ist die Farbe verblasst. In den Neunzigern wäre es um Vlisco fast geschehen gewesen. Erst als ein britischer Investor das Unternehmen kaufte, gelang die Wende. Mit neuen Märkten (Senegal, Mali), mehr Marketing und eigenen Kleidern. Den Onlinemarkt kann man vergessen: Es scheitert an der Logistik. Heute setzt Vlisco etwa 225 Millionen Euro im Jahr um, 90 Prozent davon in Afrika. Jos van de Laar war oft in Afrika unterwegs: „Wenn man das Produkt dort mit eigenen Augen sieht, mit der Sonne, dem Licht – dann ist man richtig stolz darauf.“

In Cotonou ist die Sonne bereits untergegangen, als wir auf den Schneider warten. Der Flug geht in zwei Stunden, die Koffer sind gepackt. Wir rufen an. Er sei gleich da, versichert er. Am Tag zuvor waren wir zufällig durch die lange Straße gelaufen, in der die Schneider ihre Werkstätten haben: garagenähnliche Zimmer, zur Straße hin offen, in denen die Nähmaschinen rattern. Die Straße lag am anderen Ende der Stadt. Wir wissen nicht, ob unser Schneider dort näht. Aber er braucht lange. Das Taxi zum Flughafen parkt schon vor der Tür, der Fahrer verstaut die Koffer, wird langsam ungeduldig. Neben ihm hält ein Moped. Der Schneider ist außer Atem, drückt uns das Paket in die Hand. Wir bedanken uns, geben Trinkgeld, springen erleichtert ins Taxi. Auf der Fahrt schauen wir im schummrigen Licht des Wagens die Kleider an. Er hat sie mit einer unglaublichen Detailverliebtheit genäht. Nur die Vlisco-Tragetasche, die hat er behalten.

Inhalte werden geladen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin

Veröffentlicht: 16.05.2017 12:08 Uhr