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Claudia Michelsen: „Ich war nie das süße Mädchen von nebenan“

© Lottermann & Fuentes

„Ich war nie das süße Mädchen von nebenan“

Interview JULIA SCHAAF, Fotos LOTTERMANN & FUENTES und Styling KATHARINA BARESEL-BOFINGER

18.11.2016 · Die simpelsten Stücke sind für sie oft die außerordentlichsten: Schauspielerin Claudia Michelsen in ihrer eigenen Rolle in Paris, mit ein bisschen Schmuck.

© Lottermann & Fuentes Plissierter Seidenoverall von Max Mara, „Filet d'Or“-Halskette aus Roségold von Hermès, „Horsebit“-Armband aus Gelbgold mit braunen Diamanten von Gucci sowie eine Armbanduhr aus der Kollektion „Boy Friend“ von Chanel Horlogerie

Frau Michelsen, was schmückt einen Menschen?

Aufrichtigkeit. Würde. Neugier. Man sieht das Menschen an, gerade Kindern.

Haben Sie Lieblingsschmuck?

Ich kann mit Billigmodeschmuck nichts anfangen. Wenn Schmuck eine Geschichte hat, habe ich Spaß daran, oder an wirklich außerordentlichen Stücken. Meistens sind diese sehr simpel.

Gibt es Familienerbstücke, die Ihnen viel bedeuten?

Es gibt eine feine Silberkette mit einem Amulett, die von der Mutter meiner Urgroßmutter stammt. Sie befindet sich schon in der großen Box, die ich für meine ältere Tochter habe, um wichtige Erinnerungen aufzubewahren.

© Lottermann & Fuentes Schwarzer Smoking von Jil Sander, Halskette „Dentelle de Diamants“ aus Weißgold mit Diamanten von Louis Vuitton, linke Hand: „Coco Crush“-Ring aus Weißgold von Chanel Joaillerie, rechts: Armreif aus Weißgold mit halber Diamant-Pavé-Fassung sowie Zweifinger-Ring und geschwungener Ring von Maison Margiela

Viele Schauspieler werden nicht gerne fotografiert, wenn sie sich nicht hinter einer Filmrolle verstecken können. Sie hingegen sehen auf unseren Bildern aus, als würde Ihnen Selbstinszenierung Spaß machen.

Bei mir kommt es auf das Gegenüber an, auch ich bin natürlich abhängig vom Fotografen, von meinem Gegenüber. Entweder die Kamera liebt dich, oder sie liebt dich nicht. So ein Fotoshooting ist wie ein Flirt. In diesem Fall sind die Fotos mit zwei Freundinnen entstanden, das war großartig. Aber ich hatte auch schon Fotografen, wo gar nichts ging. Das sehen Sie mir sofort ganz unverblümt an.

© Lottermann & Fuentes Filigran gearbeitete Halskette mit markantem Anhänger aus schwarzen Saphiren von Dolce & Gabbana

© Lottermann & Fuentes Auf der Treppe im klassisch taillierten Trenchcoat mit Gürtel in Sandfarben von Burberry, Armbanduhr aus der Kollektion „Boy Friend“ von Chanel Horlogerie und mit den Händen vor dem Gesicht im Champagnerfarbenen Baumwolltop mit Blumenstickerei von Rochas, rechte Hand: „Idylle Blossom“-Ring von Louis Vuitton und „Coco Crush“-Ring von Chanel Joaillerie sowie gewundener Ring aus der „Line 12“ von Maison Margiela, linke Hand: „Vedana“-Ring aus Weißgold mit runden Diamanten von Versace

Wie gefallen Sie sich am besten?

Schwer zu sagen, wahrscheinlich pur und wahrhaftig. Ich bin manchmal überrascht, wenn ich mich auch selbst auf Fotos nicht wiedererkenne. Dann wieder gibt es Fotos, die ich gar nicht mag.

Wenn es um Ihre Filmcharaktere geht, ist oft von eher kühlen Frauen die Rede.

Das ist so ein Klischee. Ich weiß gar nicht, woher das kommt. Denn wenn man meine Filme zurückverfolgt, „Der Turm“, die Pastorin in „Im Zweifel“, „Grenzgang“ mit Lars Eidinger: Das sind alles weiche, zarte Frauen. Auch wenn man sich die Brasch, meine Kommissarin im Magdeburger „Polizeiruf“, genau anschaut, sieht man, dass die nicht nur ein tough cookie ist, sondern auch eine verlorene Seele. Es würde mich auch gar nicht interessieren, nur oberflächlich kühle Frauen zu erzählen. Was heißt das denn auch? Ich denke, in Frankreich gibt es dieses Phänomen nicht. Aber dunkelhaarige Frauen gelten wohl per se schon mal als kühler. Gut, nun habe ich auch nicht gerade das kleinste Näschen.

© Lottermann & Fuentes Hochgeschlossenes Mantel-Kleid mit Gürtelschnalle und Ballonärmeln in Beige von Céline, „Virya“-Ohrringe aus Gelbgold mit Onyx-Edelsteinen und runden Diamanten von Versace, „Coco Crush“-Ringe von Chanel Joaillerie

© Lottermann & Fuentes Lange Halskette aus der Reihe „Rose des Vents“ aus Gelbgold mit Diamanten und Perlmutt von Dior Joaillerie, gewundene „Line 12“-Armreifen mit Diamanten von Maison Margiela, „Lion“-Ohrring aus Gelbgold und Ohrring aus Weißgold und Diamanten von Chanel Joaillerie, „Coco Crush“-Ringe aus Gelbgold von Chanel Joaillerie

© Lottermann & Fuentes Flauschiger Zweireiher-Mantel aus Kaschmir mit markanten schwarzen Knöpfen von Max Mara, „Vedana“-Ring aus Gelbgold mit Honey Citrine Perlen und runden Diamanten von Versace

In einem Interview haben Sie mal gesagt, Sie seien ein Kontrollfreak.

Das stimmt so nicht. Ich bin kein Kontrollfreak, Freak klingt negativ. Aber ich habe mal gesagt, man müsste den Begriff neu definieren.

Was heißt denn Kontrollfreak?

Als Mutter von zwei Kindern versuche ich natürlich, in gewisser Weise die Kontrolle zu behalten und Verantwortung zu übernehmen. Das ist beim Film genauso: Auch da habe ich eine Verantwortung, wenn ich engagiert werde. Es ist meine Aufgabe, eine gewisse Kontrolle über meine Figur zu haben. Es gibt allerdings auch Arbeiten, da gebe ich mich völlig in die Hand des Regisseurs. Das geht aber nur, wenn ich einen sicheren Raum habe, wo vieles stimmt: die Partner, die Produktionsbedingungen, die Regie, die Kamera, das Buch. In diesem Raum fängst du an zu tanzen und wächst über die eigene Phantasie hinaus. Dann ist alles möglich. Das ist dann großartig.

Aber vermutlich kein Konzept, um seinen Alltag zu bestreiten.

Im Alltag versuche ich sehr, mit beiden Füßen auf dem Boden zu bleiben.

© Lottermann & Fuentes Tailliertes Tuxedo-Jackett in Schneeweiß von Pallas Paris, puderfarbener transparenter Rollkragenpullover von Jil Sander, weite Hose in Altrose von Dries van Noten Vintage, „Diamantissima“-Kreolen aus Gelbgold von Gucci,

Es heißt oft, dass es für Frauen um die 40 im Filmgeschäft schwierig werde. Ihre Karriere hat in diesem Alter richtig Fahrt aufgenommen. Heute gelten Sie als eine der am meisten beschäftigten Schauspielerinnen im deutschen Fernsehen. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Vielleicht liegt es daran, dass ich nie das süße Mädchen von nebenan war. Vielleicht habe ich lange älter gewirkt, als ich es war. Vielleicht passt jetzt endlich die Reife, die ich schon immer hatte. Aber es gibt auch bei mir Phasen, in denen ich weniger drehe. Ich möchte nicht jammern. Aber in meinem Beruf weiß man nie, wie das nächste oder übernächste Jahr aussieht.

© Lottermann & Fuentes Neckholder-Kleid mit tiefem Rückenausschnitt von Lever Couture, „La Mini D de Dior“-Armbanduhr aus Weißgold mit Diamanten von Dior und „Ever Chaîne d'Ancre“-Armband aus Silber von Hermès, gewundener Rubin-Ring aus Weißgold von Maison Margiela

© Lottermann & Fuentes Diamanten-Ohrhänger aus Weißgold von Bottega Veneta

Halten Sie das gut aus?

Überhaupt nicht. Ich bin ja so ein Ost-Mädel.

Was heißt das? Planung muss sein?

Die Verantwortung für Kinder zwingt einen in eine gewisse soziale Sicherheit. Ich bin ruhiger, wenn ich weiß, welche Arbeit ansteht, als wenn ich so gar nicht weiß, was die Zukunft bringt. Und wir sind auf dem freien Markt. Da ändern sich Dinge und Moden schnell.

Angst vorm Alterwerden?

Nein. Wenn sich dadurch etwas ändern sollte, wenn man deshalb bestimmte Figuren nicht mehr spielen darf oder kann oder wenn kein Interesse mehr an einem besteht, dann ist das so. Dann werde ich mich bewegen und neu aufstellen. Ich mache sehr viele Lesungen und Hörbücher und habe großen Spaß daran. Vielleicht hat es auch mit meiner alten Liebe zum Theater zu tun und mit dem unmittelbaren Kontakt zum Publikum - und du erwirbst damit natürlich auch eine gewisse Unabhängigkeit von der Filmbranche.

Sie sind sehr jung Schauspielerin geworden, weil Sie als Jugendliche in Dresden das Theater als politischen Kosmos und damit als Möglichkeit entdeckt haben, es in der DDR auszuhalten. Hat Ihr Beruf heute noch etwas mit dieser Motivation zu tun?

Nicht in dem Sinne wie damals. Wenn ich - wie gerade - einen Film über Krankenhauskeime in Deutschland mache, bin ich natürlich sofort mittendrin. Aber letztlich ist jede Beziehung und jede Geschichte, die ich erzähle, politisch. Es ist für mich essentiell, mich zu verhalten, Stellung zu nehmen, nicht ignorant zu sein. Diese politische Verantwortung hat jeder, egal ob Schauspieler oder nicht. Ich unterstütze seit Jahren die Arbeit des Christlichen Kinder- und Jugendwerks "Die Arche", die Kinder jeden Tag ganz simpel mit warmem Essen, Hausaufgabenbetreuung, mit Liebe und Aufmerksamkeit versorgt.

Waren Sie selbst ein glückliches Kind?

Ja... ich war ein glückliches Kind.

Warum überlegen Sie da so lange?

Weil ich mich das noch nie gefragt habe. Es war nicht eine Kindheit, über die man sagt: stabiles Elternhaus, alles schön. Das war nicht so. Es gab Berg- und Talfahrten. Aber ich würde trotzdem sagen, ich habe alles mitbekommen an Liebe und Zuwendung, was man braucht. Meine Mutter hat mich immer in allem unterstützt. Ich gehe vergleichsweise angstfrei durchs Leben. Und von meinem zwölften Lebensjahr an war ich sowieso jeden Abend im Theater.

© Lottermann & Fuentes Kurzes Top mit passendem Rock in Beige von Dorothee Schumacher, linke Hand: „Filet d'Or“-Armband von Hermès, rechte Hand: „Idylle Blossom“-Diamant-Hals-kette von Louis Vuitton, hier als Armband getragen, „Faubourg“-Diamant-Armbanduhr von Hermès, „Emprise“-Armreif von Louis Vuitton, „Idylle Blossom“-Doppelring von Louis Vuitton, „Horsebit“-Ring von Gucci. Badewannenrand: „Ever Chaîne d'Ancre“-Armband von Hermès, „Horsebit“-Armband von Gucci, „Emprise“-Armreif von Louis Vuitton

Erzählen Sie doch mal von einem prägenden Erlebnis mit 17.

Mit 17 habe ich Heiner Müller, Zigarren und guten Whisky kennengelernt. Heiner Müller war einer der größten Köpfe unserer Zeit. Ich studierte damals an der Schauspielschule Ernst Busch in Berlin und war im zweiten Studienjahr. Diese erste Begegnung ist bis heute prägend, weil Sprache für mich eine neue Kraft, eine andere Dimension bekam. Jedes Wort, jede Pause hat eine Notwendigkeit, klar, unaufwendig und manchmal mit einer ungeheuren Wucht. Nichts ist beliebig. Bis heute versuche ich, das in meinem Tun zu erhalten, was nicht immer leicht ist.

Eine Krise mit 27?

Mit 27 habe ich meine erste Tochter bekommen und in Amerika gelebt. Da gab es keine Krise. Ich war frisch verheiratet, schwanger und freute mich auf mein Kind. Ich habe mich in diese Sprache gestürzt, die ich nicht kannte, ich habe mich in dieses Land gestürzt, in dem ich eigentlich nie leben wollte. Das war einfach nur toll.

Was trieb Sie mit 37 um?

Das war nicht so eine schöne Zeit, da hat vieles nicht gestimmt, vieles war schwer. Aber das ist einfach manchmal so. Das Leben ist ein Auf und Ab, wie wir alle wissen, und solange wir das umarmen können, ist alles in Ordnung.

© Lottermann & Fuentes Im Porträt mit lissiertem Seidenoverall in Cognacfarben mit tiefem Ausschnitt von Max Mara, „Filet d'Or“-Halskette aus Roségold von Hermès und im Detail mit hochgeschlossenem Mantel-Kleid mit Gürtelschnalle und Ballonärmeln in Beige von Céline, „Virya“-Ohrringe aus Gelbgold mit Onyx-Edelsteinen und runden Diamanten von Versace, „Coco Crush“-Ringe von Chanel Joaillerie

Welche Wünsche haben Sie heute, mit 47?

Ich freue mich jeden Tag, dass ich da bin, tolle Kinder habe und meine Lebenssituation ist, wie sie ist. Es gibt im Moment nichts, wo ich kämpfen oder schimpfen müsste. Aber vielleicht wird man auch demütiger mit den Jahren. Kleinere Dinge sind mehr wert. Ich finde Älterwerden ja großartig. Man merkt, was einem wichtig ist und was einen antreibt. Man kann aussieben, womit man sich nicht mehr beschäftigen will, weil es einem nicht guttut. Das ist doch Luxus! So ein kleines Stück Weisheit küsst einen ... Oder?

Ich kenne auch Momente, in denen es mir vorkommt, als würde ich nie reifer.

Auch ich habe Momente, in denen ich sage: Mann, wie doof bist du jetzt eigentlich! Und dann ärgere ich mich über mich. Aber wenn es diese Momente nicht mehr gäbe, wenn man nicht diesen Schritt zurücktreten könnte, um sich von außen zu betrachten - das wäre gefährlich.

Wie sehen Sie der Zeit entgegen, wenn Ihre Töchter aus dem Haus sind?

Meine Ältere ist tatsächlich auf dem Sprung, sie ist 19. Aber ich selbst bin mit 16 ausgezogen. Und wir haben ein tolles Verhältnis. Ihr Freund ist oft da, die Familie vergrößert sich einfach. Natürlich gibt es Momente, in denen man traurig ist, weil so ein bestimmter Abschnitt des Lebens vorbei ist. Bei mir war es das letzte Schulbrot, das ich ihr gemacht habe. Plötzlich habe ich realisiert, dass dieser Alltag vorbei ist, den man teilweise so verflucht: das frühe Aufstehen, die Schule. Ich kann nur sagen: Umarmt diesen Alltag! Das sind vielleicht nur 15 Jahre pro Kind und zack, sind sie vorbei. Aber zum Glück habe ich ja noch ein paar Jahre mit Schulbroten für meine dreizehnjährige Tochter vor mir.

Und dann?

Dann ist alles wieder neu. Neugier ist für mich essentiell.

Claudia Michelsen ist vom 25. Dezember an in „Vier gegen die Bank“ im Kino zu sehen.

© Lottermann & Fuentes „La Mini D de Dior“-Armbanduhr aus Weißgold mit Diamanten von Dior und „Ever Chaîne d'Ancre“-Armband aus Silber von Hermès, gewundener Rubin-Ring aus Weißgold von Maison Margiela

Fotografie
Lottermann & Fuentes

Styling
Katharina Baresel-Bofinger

Schmuck
Evelyn Tye

Haare
Tobias Sagner (Nina Klein)

Make-up
Martena Duss (Nina Klein)

Styling-Assistenz
Leonie Volk

Foto-Assistenz
Ellen Fedors


Fotografiert am 1. Februar 2016
im Hôtel Langlois in Paris.

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Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin

Veröffentlicht: 19.11.2016 09:29 Uhr