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Melanias modische Statements : Die First Lady der textilen Unverschämtheiten

Selten ohne shades: Melania Trump am Dienstag nach ihrem Kondolenzbesuch in Pittsburgh. Bild: AP

Wenn Donald Trump mit Worten düpiert, schafft Melania das mit Sonnenbrillen, Kleidern, Hüten und Schuhen. Eine Zwischenbilanz zu den modischen Statements der First Lady.

          Die High Heels auf dem Weg ins Katastrophengebiet. Die Sonnenbrille bei dem Besuch im Notfallzentrum für Flutopfer. Die Jacke mit dem Mir-egal-Spruch für die Reise in ein Heim für Flüchtlingskinder an der mexikanischen Grenze. Der Jackie-Kennedy-Look zur Amtseinführung. Der Kolonialzeit-Hut in Kenia. – Die Liste ist nur ein Auszug der Auftritte der First Lady Melania Trump. Man muss sich nicht sonderlich für Mode interessieren, um mit einem Stichwort zu jedem dieser Anlässe sofort ein zugehöriges Bild vor Augen zu haben. Dafür sind die Bilder einfach zu eindrucksvoll.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Seit knapp zwei Jahren geht das jetzt so. Am Anfang stand ein weißer Einteiler, den Melania Trump am Wahlabend des 8. Novembers 2016 trug. Er hatte Ähnlichkeit mit der Uniform der Suffragetten, die einst das Frauenwahlrecht erkämpft hatten und an die in den Tagen damals so oft erinnert wurde, in denen ein Mann im Rennen auf das Amt war, der alles daransetzte, sich frauenfeindlich zu äußern. Natürlich, dieser weiße Einteiler hätte auch alles Mögliche bedeuten können. Seitdem ist das Bild trotzdem immer klarer geworden.

          Melania Trump sorgt mit ihren Auftritten für einen Skandal nach dem nächsten. Nicht dass sie schlecht gekleidet wäre. Wer sich durch die Bilder von ihr klickt, sieht meistens sogar eine tadellos angezogene Frau, die gerne minimalistisch-elegant auftritt. Kleider mit Midi-Säumen sind ihr Ding. Mal eine Hose. Öfter Blusen. Meistens High Heels. Und nicht doch, dass sie sich respektlos benehmen würde. Aber wenn für ihren Mann Worte das Werkzeug sind, um auf andere Leute loszugehen, um ein Land weiter zu spalten, um sich bewusst nicht staatsmännisch zu verhalten, dann schafft seine Frau das tatsächlich mit Mode. Kleider, Hüte, Schuhe, Sonnenbrillen, das sind für sie weder nur die Mittel, um ein Amt auch optisch mit dem nötigen Respekt auszukleiden, noch jene zur Selbstinszenierung.

          Für die First Lady Melania Trump, das kann man nun, da im Land die Zwischenwahlen kurz bevorstehen, sagen, sind Kleider ein hübsches Werkzeug zur ständigen Provokation. Es fällt jedenfalls schwer, sich jemanden vorzustellen, der es in jüngerer und länger zurückliegender Vergangenheit auf ähnliche Weise geschafft hat, mit Mode so zu düpieren wie sie. Und es fällt schwer zu glauben, dass diese Sammlung an Skandalen lediglich einer Reihe von Ungeschicklichkeiten geschuldet ist.

          Andere Menschen in ihrer Ehre zu verletzen: Klar, dass das überhaupt mit Mode und allem, was dazugehört, geht, ist auch symptomatisch für das übersensible Klima dieser Tage. Vor allem für die Wächter in den sozialen Medien sind längst nicht mehr nur kopierte Doktorarbeiten oder schlimme Sprüche Anlass für einen Shitstorm. Besonders andere Kulturen sind dünnes Eis, und das gerade in den Vereinigten Staaten: Da ist die High-School-Absolventin aus Utah, der, ohne dass sie asiatische Wurzeln aufweisen konnte, im Frühjahr dieses Jahres einfiel, in einem Kimono-Kleid zum Abschlussball zu gehen; oder die NBC-Moderatorin Megyn Kelly, der jetzt ihre „Today“-Show entzogen wurde, nachdem sie vergangene Woche den Halloween-Brauch des Blackfacing – also Weiße, die sich dunkel schminken – verteidigt hatte; oder bei den Modewochen in jeder Saison mindestens ein Designer, der mehr entwirft als die Landestracht, die ihm angeblich zusteht. Auch für Designer/Prominente/Menschen, die ein Foto von sich bei Facebook/Twitter/Instagram teilen, gilt heute ein zunehmend strenges Protokoll.

          Aber dann ist da Melania Trump, die es bewusst darauf anzulegen scheint, kraft ihres Amtes verrissen zu werden. Wer die Art des amerikanischen Präsidenten, mit Menschen umzugehen, irgendwie modisch übersetzen müsste, käme oft genug auf das, was sie so trägt. Auf die vielen dunklen Sonnenbrillen etwa in Momenten, wenn man anderen, die gerade Hilfe brauchen, auch einfach mal in die Augen schauen müsste. Die Beispiele aus den vergangenen zwei Jahren für Style, der irgendwie daneben ist, sind eigentlich zu zahlreich, um jeweils zufällig für Raum und Zeit ausgewählt worden sein zu können. Geht so viel Unwissen? Und kann die Art, wie sie sich inszeniert, wirklich so zufällig zu seinem Umgang passen?

          Denn Melania Trump liefert oft genug den Bildbeweis für die Version von Politik, die der Gatte macht. Es ist auch die alte Rollenverteilung, die hier greift, nur eben nach Art des Ehepaares Trump. Was dann zuverlässig folgt, ist allgemeine Aufregung: Oh Gott, die High Heels! Dieser Hut! Der Parka!

          Mal abgesehen von den Spekulationen darüber, wie unglücklich sie mit ihrer Rolle sei oder wie es gerade um ihre Ehe bestellt sein könnte, hinterlässt diese First Lady nicht viel Eindruck im Weißen Haus – außer mit ihren Looks. Man hört selten von ihr, man sieht sie mehr. Natürlich haben Besuche in Notlagern und das Pflanzen eines Baumes im Vorgarten des Weißen Hauses vorrangig symbolische Bedeutung. Für Melania Trump scheint es in diesen Momenten trotzdem vor allem um die Modenschau zu gehen, also darum, wie sie diese anschließend nutzen kann. Die Tatsache, dass spitze blassrosa Pumps von Christian Louboutin und ein Rock im Wert von 4000 Dollar von Valentino zum Umgraben eines Beetes wie Ende August dieses Jahres nicht unkommentiert bleiben werden.

          Spätestens seit Jacqueline Kennedys Zeiten haben sich First Ladies jeweils bei der Mode der Zeit bedient, um ihr eigenes Profil zu schärfen und sich selbst als Identifikationspersonen zu inszenieren. Nancy Reagan hielt es so. Betty Ford oder Michelle Obama. Die Liste zeigt aber auch, dass viele fehlen. Dass man sich als Frau dem durchaus entziehen kann. Hillary Clinton, Rosalynn Carter oder Laura Bush zum Beispiel haben Mode nicht wirklich für ihre Zwecke genutzt. War auch kein Problem. Wenn sich die meisten Männer noch immer nicht über ihr Äußeres definieren oder so definiert werden, indem sie einfach schlichte Anzüge tragen, und trotzdem ständig präsent sind, dann gibt es wirklich keinen Grund, warum das bei Frauen anders sein sollte.

          Ein Hut wie aus einer anderen Ära - nämlich der Kolonialzeit: Besuch in Kenia.

          Umgekehrt, egal ob Mann oder Frau, wer von diesem Stilmittel Gebrauch macht, muss auch damit rechnen, dass seine Umwelt es wahrnimmt und einordnet. So wie man auch Tattoos und Piercings oder einen markanten Pony beim Gegenüber anders einordnet als einen schlichten anthrazitfarbenen Anzug.

          Melania Trump aber nutzt Kleider noch mal intensiver. Wie Kostüme. Die Entwürfe haben das Zeug dazu, dass sie damit ihre eigene Geschichte weiterstricken kann. Man könnte ihr für ihren Einfallsreichtum fast applaudieren, würde sich aus der Mehrheit dieser kleinen textilen Unverschämtheiten nicht ein Muster ergeben, das im Zeichen der zunehmenden Spaltung der Gesellschaft steht. Sie trägt etwas, sagen wir High Heels auf dem Weg ins Überschwemmungsgebiet wie im August 2017 oder „I really don’t care. Do U?“ auf dem Parka im Juni 2018. Große Aufregung. Opfer einer angeblich sinnlosen Medienhetze, in der es nur um das geht, was sie trägt, anstatt um das, was sie tut, ist dann sie, und ihre Sprecherin kann sagen: „It’s just a jacket.“

          Dass es natürlich nicht so einfach ist, dass sie es sehr wahrscheinlich genau darauf anlegt, zeigt, dass es allein für dieses angeblich simple jacket drei Erklärungen gab. Nach der ersten der Sprecherin Stephanie Grisham, es handele sich nur um eine Jacke, kam die zweite über Twitter von Donald Trump: Ein Statement gegen die „Fake-News-Medien“, gegen die er auch in dieser Woche scharf geschossen hat, sei der Spruch gewesen. „Melania hat verstanden, wie unaufrichtig die sind, und es ist ihr wirklich egal.“

          Die dritte Erklärung kam von ihr selbst. Vor drei Wochen, in einem ersten längeren Interview mit dem Fernsehsender ABC, seit sie First Lady ist, erklärte sie, wie diese Jacke zum Einsatz kam, dass der Spruch nicht an die Kinder gerichtet gewesen sei, sondern eben an die „Menschen und linksgerichteten Medien“, die sie kritisieren würden. Sie frage sich oft, was passiert wäre, wenn sie diese Jacke nicht getragen hätte, sagt sie darin. „Es hätte viel weniger Berichterstattung gegeben. Ich trug die Jacke beim Einsteigen ins Flugzeug und beim Aussteigen.“ Im Heim der Kinder zog sie sie demnach also aus. Aber zu dem Zeitpunkt waren die Bilder schon um die Welt gegangen, Entsetzen hatte sich ausgebreitet. „Nach dem Besuch zog ich die Jacke dann wieder an, weil ich gesehen habe, wie sich die Medien darauf stürzten.“ Darum geht es ihr. Der Präsident schnauzt. Sie schnauzt mit ihrem Look.

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