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Männermode in Mailand : Understatement im Schlamperlook

  • -Aktualisiert am

So sieht Dolce & Gabana den Mann von heute: Kernige Typen tragen Bilder aus dem Familienalbum auf dem Sweatshirt Bild: AFP

Bottega Veneta mag es locker, Versace geschäftsmäßig, Prada schwarz und Gucci feminin – Eindrücke von der Mailänder Männermode-Woche.

          Es passiert nicht oft, dass die Männermodeschauen in Mailand für mehr stehen als Schneiderkunst. Aber dieses Mal hinterließen Domenico Dolce und Stefano Gabbana einen bleibenden Wert bei Journalisten und Einkäufern. Ihr Motto für die Schau war Familie. Angesichts des Schocks der Terroranschläge war die Idee so herzerwärmend, dass man vergaß, dass es sich nur um Mode handelte. Das Tableau Vivant von Großeltern, Kindern, Babys und kernigen Männern im Sonntagsstaat wirkte fast wie eine Menschenkette. Die Modefamilie namens Dolce & Gabbana konnte davor glänzen: Sweatshirts waren mit Fotos aus dem Familienalbum bedruckt; Mantelkragen, Jacken oder Stiefel waren pelzbesetzt, um der Kälte zu trotzen; die wieder mal herausgestellten sizilianischen Wurzeln retteten mit frisch und eng geschnittenen schwarzen Anzüge fast schon das Abendland.

          Auch ein deutsches Haus und ein deutscher Designer zeigten sich, apropos Europa, in Hochform. Tomas Maier ist mit Bottega Veneta weiter an der Spitze der Kering-Designer. Hedi Slimane bei Saint Laurent wächst zwar schneller, aber Maier hat das Talent, große Mode so unspektakulär wie möglich aussehen zu lassen. Seit ein paar Saisons arbeitet er sich am „Weekend Chic“ ab – der Mann trägt Jogginghosen und Sweatshirts, oft kombiniert mit Anzugjacken und Mänteln, wie frisch aus dem Bett gerollt, aber mit hochwertigen Stoffen und jede Saison neu. Kaschmirmischungen, dicker Samt oder dünner Kord – die Farben exzentrisch in pink und dann gut kombiniert. So wird der Schlamperlook zum teuren Outfit, aber eben irre lässig. Der Bottega-Veneta-Kunde hat eben Geld, will es aber nicht unbedingt zeigen. „Am Morgen aufstehen, weil es kalt ist, den richtigen Pullover rausholen, fertig, so zieht mein Mann sich an“, meint Maier nach der Schau. Da muss es ihn nicht interessieren, dass sein Name nicht mit der Nachfolge bei Gucci in Verbindung gebracht wird.

          Der Kunde von Bottega Veneta hat Geld, will das aber nicht zeigen. Bilderstrecke
          Der Kunde von Bottega Veneta hat Geld, will das aber nicht zeigen. :

          Die Luxus-Jogginghose ist überhaupt das Kleidungsstück der Saison. Das Haus Jil Sander, wo der neue Designchef Rodolfo Paglialunga sein Damen-Debüt eher nach italienischer Sportswear als nach deutschem Minimalismus konzipierte, fand für seine erste Männerkollektion überhaupt den richtig Mix. Schwere Mäntel mit leicht über der Hüfte sitzenden Gürteln, um die Silhouette etwas zu straffen; aus fester Wolle gemachte Hosen mit großer Bundfalte, die fließend in die Hosenfalte übergeht; und, als weiteren Trend, dicke Mäntel als eine Art Schutzhaut, nicht nur gegen die Kälte, sondern auch gegen die Unruhen auf den europäischen Straßen.

          Der Hang zur Sicherheit ging schon los mit Stefano Pilatis Schau für Zegna Couture, wo der vielleicht einflussreichste Männermode-Designer den Fokus auf Outerwear legte mit langen Mänteln, die ein wenig glänzten. Pilati, der seine Stoffe immer gut aussucht, hat dieses Mal den schottischen Tweed mit recycelten Fäden umweben lassen. „Ich denke an Männer, die an die Umwelt denken, aber sich nicht wie Grünen-Politiker kleiden, sondern elegant und modern“, sagte der in Berlin lebende Designer nach seiner Schau, für die in einer großen Halle Hunderte Kubikmeter Erde und viele Bäumen angekarrt wurden. Anna Zegna, die Image-Direktorin, versicherte, dass die Pflanzen in Gärten der Mailänder Expo gesetzt werden, die am 1. Mai beginnt – der Recycling-Gedanke ist in Italien angekommen!

          Bei Versace hat Designerin Donatella wieder mal ins Archiv geschaut – aber nicht, um Seidenhemden auf nackte Männerkörper zu schneidern, sondern um gute Business-Mode zu machen. Schon lange gab es nicht mehr so viele Zweireiher aus Kaschmir und großen Mäntel wie diese Saison, alles Ton in Ton. Für den aktuellen Trend sind die Jogginghosen und Leggings. „Keine Prints, keine Logos, alles mal richtig sauber“, rief die blondeste aller blonden Modefrauen nach der Schau.

          Bei Miuccia Prada ging es nicht um Schutzkleidung, sondern, wie immer, um eine konzeptionelle Idee. Über den Laufsteg liefen so viele Frauen wie Männer – aber die weiblichen Models präsentierten keine Pre-Collection, sondern deuteten in schwarzen Kostümen an, wie weit die Männergarderobe in Richtung Unisex gehen darf. Die Schau hielt Miuccia ganz in Schwarz – und zwar genau im Schwarz des Nylons, das Prada in den Achtzigern für Koffer und Rucksäcke verwendete und das die Marke erst berühmt machte. Stahlgrau wiederum war der Zweireiher mit sehr weit oben angesetzten Knöpfen.

          Das Debüt des Design-Teams bei Gucci war am Montag talk of the town. Frida Giannini wurde schon letzte Woche vom neuen Boss Marco Bizzarri an die Luft gesetzt. Gianninis Stellvertreter Alessandro Michele erstellte innerhalb von fünf Tagen eine neue Kollektion. Auch er ging in Richtung Unisex, hat also ein Gespür für Trends fast wie Frau Prada. Allein: Die femininen Blusen statt Hemden oder Blazer statt Jacken brachten zwar frischen Wind, aber überzeugen konnten sie nicht. Eine Einkäuferin ätzte: „Das war eine Archiv-Schau, nur hat sich der Designer im Archiv geirrt: Das war Yves Saint Laurent, nicht Gucci.“

          Quelle: F.A.Z.

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