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Trend bei Jeans : Löcher ohne Botschaft

Zerrissene Jeans als Spiegelbild der Seele: Die Rockband Nirvana bei einem Auftritt Bild: interTOPICS/mptv

Früher griff man selbst zum Messer, um seine Jeans aufzuschlitzen. Heute hat jede große Marke sorgfältig zerstörte Hosen im Angebot. Über einen Kulturwandel.

          Ihren besonderen Stellenwert unter den Kleidungsstücken hat sich die Jeans hart erarbeitet. Mit Steinen gewaschen, mit Schmirgelpapier traktiert, mit Sand beschossen: Was sie schon während ihrer Herstellung erdulden muss, gleicht einem Höllenritt. Die Sonderbehandlung verschafft der Jeans jedoch Privilegien: Sie darf nicht nur alt, ausgewaschen und gebraucht aussehen, sie soll es meist auch. Gern gesehen ist es gar, wenn sie Risse und Löcher hat. Socken oder Unterhosen können von solcher Toleranz nur träumen.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wo indes die löchrige Socke die Armut oder zumindest die Nachlässigkeit ihres Trägers beschämt im Schuh versteckt, stellt die Jeans ihre Wunden trotzig zur Schau, signalisiert Working-Class-Aura und Rebellentum. Trendsetter waren die Punks und - zum Ende der Achtziger - Grunge-Rocker wie Kurt Cobain, die die zerrissene Jeans zum Spiegelbild ihrer Seele machten: kaputte Typen in kaputten Klamotten. Mit an den Knien aufgerissenen Hosen konnten sich großstädtische Wohlstandskinder der Illusion hingeben, sie hätten den Tag baumwollpflückend auf dem Feld verbracht statt kiffend auf dem Sofa.

          Zopf, schlabbriges Batik-T-Shirt und zerlöcherte Jeans

          Meine eigenen Jeans sind leider nie in Kniehöhe kaputtgegangen, sondern stets im Schritt, was nicht von harter Arbeit zeugt, sondern allenfalls von zu dicken Oberschenkeln. Und weil ich als junger Mensch keine Lust hatte, aus modischen Gründen auf den Knien hin- und herzurutschen, griff ich, wie etliche andere junge Menschen, zum Messer. Nach ausreichender Tragezeit sahen die künstlich erzeugten Löcher absolut natürlich aus.

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          Selbstverständlich nahm ich diese Jeans auch mit nach Costa Rica, wo ich Anfang der Neunziger ein Jahr lebte. Ich arbeitete dort für eine deutschsprachige Zeitung, ein Blättchen für Aussteiger und Touristen, und war trotz meiner zarten 21 Jahre mangels anderer Mitarbeiter eine Art Chefreporter. Als solcher besuchte ich für ein Interview den deutschen Botschafter. Ich trug einen Zopf, ein schlabbriges Batik-T-Shirt und die zerlöcherten Jeans. Der Botschafter trug, den Außentemperaturen von dreißig Grad zum Trotz, Anzug und Krawatte - und meine Erscheinung mit Fassung. Es war eine bewusste Brüskierung der Obrigkeit, und die verkörperte für mich selbst ein braver Diplomat in einem Mini-Staat.

          Celine Winter (links) und Eli Kehrer (rechts), beide 18, konterkarieren ihre Apokalypse-Jeans mit den entscheidenden Luxusaccessoires. Celines Tasche ist von Hermes, Elis Uhr von Rolex. Die Oma von Eli soll beim Anblick der Zara-Jeans trotzdem gefragt haben, ob kein Geld für eine ordentliche Hose da sei. Bilderstrecke
          Trend bei Jeans : Endzeit-Hosen

          „Du warst doch nicht etwa in diesem Aufzug beim Botschafter?“

          Seit einiger Zeit sind die löchrigen Jeans, die lang verschwunden schienen, wieder überall zu sehen. Getragen werden sie meist von jungen Frauen, und zwar, wenn mein Eindruck nicht trügt, ohne rebellische Attitüde. Die Löcher sollen nicht schocken, sondern locken. Man sieht zwar Knielöcher, so groß wie Teller, vor allem aber akkurat gesetzte Schnitte in harmonischen Abständen, erzeugt nicht in dilettantischer Heimarbeit, sondern von den Maschinen der Konzerne. „Destroyed“, „ripped“ oder „distressed“ heißen die vorzerstörten Jeans, welche, wie ein Hersteller schreibt, „sich cool zu schicken Teilen kombinieren“ lassen. Manche sind auch entsprechend teuer. „Distressed“ übrigens lässt sich unter anderem übersetzen mit „bekümmert“, und etwas traurig darf man die phantasielos durchtrennten Hosen durchaus finden.

          Als ich damals zurückkehrte in die Redaktion, war mein Chef entsetzt: „Du warst doch nicht etwa in diesem Aufzug beim Botschafter?“ Am schlimmsten fand er, wie sich herausstellte, nicht die Löcher - sondern die Tatsache, dass die Jeans offenbar auch ziemlich dreckig war. Das war mir dann doch ein wenig peinlich. Immerhin aber zeigt sich hier eine Option, wie man inmitten all der Träger industriell zerfetzter Jeans doch noch als unangepasst und rebellisch auffallen kann: Man muss nur für eine Weile darauf verzichten, die Hosen zu waschen.

          Quelle: F.A.S.

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