http://www.faz.net/-hrx-9364b

LED im Design: Die Entdeckung der Dioden

Die Entdeckung der Dioden

Von THOMAS EDELMANN
Aufblasbar: Bei Blow Me Up (Ingo Maurer) strahlt ein LED-Streifen nach innen in den beleuchteten Kunststoff-Schlauch. Foto: Ingo Maurer & Team

07.11.2017 · Die drei Buchstaben LED stehen für eine neue Technik. Designer und Hersteller haben sich nur langsam mit den Dioden angefreundet. Inzwischen entdecken sie ihre gestalterische Leidenschaft wieder.

K ann man technologischen Wandel mit Hilfe von Gesetzen beschleunigen? Die gesamte Lichtbranche, die Hersteller von Lampen und Leuchten sowie die Designer, die neue Techniken nutzen, haben in den vergangenen Jahren einen Umbruch erlebt, an dessen Anfang veränderte politische Rahmenbedingungen standen. In den nuller Jahren folgte die Europäische Union im Zuge der Klimaschutzpolitik der konservativen australischen Regierung, die Glühlampen kurzerhand verboten hatte. Beleuchtung soll künftig mit weniger Energie auskommen. Die seit dem 19. Jahrhundert bewährten und differenzierten Lichttechniken werden seither alle neu gedacht und durch sparsamere Angebote ersetzt.

Kristall- und Acrylglas: Der Lichttransport bei Ipno (Artemide) erfolgt mittels Totalreflexion. Auf diese Weise wird das Licht gezielt verteilt. Foto: Michele De Lucchi

Weg mit der Technik von gestern! 2009 wurde beschlossen, das Glühlampenverbot schrittweise einzuführen. Zunächst führte das dazu, dass Glühbirnen, die noch im Handel waren, in Unmengen gehortet wurden. Die Verordnungen sind höchst umstritten. So kreist das gesamte Werk des Münchner Designers Ingo Maurer um die Glühbirne, seit er 1966 seine überdimensionale Bulb in Form einer überdimensionalen Birne entwarf oder sie mit der Pendelleuchte „Wo bist Du, Edison …?“ zum Hologramm transformierte. Auch seine Wandleuchte Lucellino und der Kronleuchter Birdie feierten die birnenförmige Lichtquelle als kulturhistorische Ikone. Entsprechend gereizt und ironisch reagierte Maurer 2009 mit dem Euro Condom auf die politische Pression: einem Silikonüberzug, mit dem die zunächst noch angebotenen klaren Birnen in schon ausgelistete mattierte verwandelt werden können. „Schützen Sie sich vor dummen Regeln“, schrieb er damals. Weshalb auch sollte man eine womöglich gut gestaltete Leuchte wegwerfen, nur weil die passenden Birnen nicht mehr produziert werden dürfen?

Seit künstliches Licht das Tageslicht ergänzt, versuchen die Gestalter zu vermeiden, dass der menschliche Blick durch Blendung beeinträchtigt wird. Sie bauten Gehäuse um die künstliche Lichtquelle, die deren Licht lenken, abmildern und atmosphärisch verfeinern sollte. Groß war zum Beispiel der Erfindungsreichtum von Poul Henningsen, der 1894 in Ordrup in Dänemark geboren wurde. Er brach sein Studium der Architektur und Technik ab und experimentierte seit 1919 mit der Form und Technik von Leuchten. Er war Kunstkritiker, gab ein eigenes Kulturmagazin heraus, war Dokumentarfilmer, Kabarettist und Gestalter eines gläsernen Flügels. Bekannt machten ihn jedoch die nach seinen Initialen benannten Leuchten aus gestaffelten Lichtlenkelementen aus Kupfer, Messing, Glas und später Aluminium. Bald fanden die PH-Leuchten Einzug in die Bauten des Neuen Frankfurts wie auch in Mies van der Rohes Villa Tugendhat in Brünn. Sie erleuchteten Sozialwohnungen wie Millionärsvillen. Selbst in den Zugangsbauten der Londoner U-Bahn spenden sie blendfreies Licht. Die PH 5 (Louis Poulsen) von 1958 ist in Skandinavien bis heute ein populärer Alltagsgegenstand.

Kleine Leuchtkugeln: Double Scone 150 (Michael Anastassiades) wächst aus einer Messingstruktur heraus. Foto: Michael Anastassiades
Mit Wandnische: Arca-Archa (Nemo) ist eher eine architektonisch-surreale Installation als eine Leuchte. Foto: Nemo

Sollen all die ikonischen Leuchten, die Gestalter wie Poul Henningsen oder Achille Castiglioni schufen, die Ingo Maurer und Alberto Meda erdachten, um nur einige der besten Leuchten-Designer zu nennen, nur noch nutzloser Schrott sein, weil es für sie keine passenden Birnen mehr gibt? Anfangs war der Jammer groß. Mit Edisons Birne verschwinde ein Stück Kulturgeschichte, beklagten die Fachleute. Vor allem, da es an Alternativen zunächst mangelte. Als Nachfolgeprodukt galt die sogenannte Energiesparbirne, die zwar rechnerisch gewisse Einsparungen bot, sich im Alltag aber als ästhetische Zumutung erwies. Sie spendet ein Licht, das Gegenstände und Menschen fahl erscheinen lässt. Während die Glühbirne über ein kontinuierliches Farbspektrum verfügt, das dem Tageslicht vergleichbar ist, hat die kompakte Energiesparbirne ein Wellenspektrum, das einzelne Farben besonders betont, andere dagegen kaum wiedergibt.

In die Materie integriert: Bei der Leuchte Guise (Vibia) wandert das Licht unsichtbar den Glaskörper entlang. Foto: Vibia
Vorbild Flugzeug: Der Knick der kabellosen Leuchte Winglet CL (Nimbus) erinnert an Tragflächenspitzen. Foto: Nimbus

Inzwischen hat sich die Szenerie gewandelt. Leuchtdioden, die Anfang der Siebziger in Armbanduhren und Taschenrechnern erstmals sichtbar wurden, haben sich zur wichtigsten künstlichen Lichtquelle entwickelt. Auf rote und blaue Dioden folgten durch Ausrüstung mit einer dünnen Phosphor-Schicht, der sogenannten Dotierung, weiße Leuchtdioden. Als elektronische Halbleiter sind LED bis zu einem gewissen Grad digital manipulierbar. An die Stelle des Standardprodukts Glühbirne, das in millionenfacher Auflage aus vergleichsweise einfachen Zutaten produziert wird, tritt ein komplexes Technikbauteil, dessen einzelne Faktoren nur Fachleute wirklich beurteilen können. Und doch setzte sich die neue Lichttechnik schnell durch. Inzwischen werden neue Leuchten vorwiegend mit fest integrierten LED ausgestattet. Vorteil: Leuchtmittel und Leuchte bilden ein abgestimmtes System, dessen Hardware- und Software-Komponenten miteinander harmonieren. Nachteil für die Käufer: Fällt die LED-Einheit trotz der zugesicherten Langlebigkeit aus, ist meist ein Austausch im Werk erforderlich.

Doch auch der Birnen-Ersatzmarkt blüht. Sogenannte Retrofit-Lampen gleichen den alten Glühbirnen, bestehen tatsächlich aber aus Mikroelektronik. Die miniaturisierten Vorschaltgeräte, ohne die bei den LED nichts geht, sind unsichtbar im Schraubgewinde untergebracht. An die Stelle der einstigen Glühfäden treten bei manchen Modellen LED-Leuchtfäden, bei denen mehrere Dioden nebeneinander aufgereiht sind. Die Ergebnisse können sich oft sehen lassen und ermöglichen die Nutzung alter Leuchten ohne die Zumutungen der Energiesparbirne.

Auf Betonbasis: Der kompakte LED-Spot oder -Fluter Avveni Concrete (Sattler) ist per Smartphone dimmbar. Foto: Sattler

Seither hat sich Erco buchstäblich neu erfunden. Wenn heute von der Digitalisierung von Unternehmen, von veränderten Produkten und Produktionsprozessen die Rede ist, dann ist die Firma dafür eine Art Vorbild. Sie hat ihre Produkte zu 100 Prozent auf LED umgestellt und dabei rund 5000 Artikel für die Technologie neu entwickelt. Die hauseigene Fertigung deckt alle Aspekte der Optoelektronik ab. Aus einem Unternehmen, das Metallgehäuse für Strahler fertigte, wurde eines, das Kompetenzen im Bereich optischer Lichtführung und Bündelung durch Kunststofflinsen erwarb.

Zu schade fürs Archiv: Die neue Oseris (Erco) ähnelt ihrem Vorläufer, wurde aber ganz neu konstruiert. Foto: Erco

E in besonders anschauliches Beispiel könnte da leicht in die Irre führen: Vor 35 Jahren kam der Strahler Oseris von Erco auf den Markt. Entworfen hatten ihn die Designer Emilio Ambasz und Giancarlo Piretti. Die Designlösung empfanden die Erco-Entwickler nun als viel zu schade fürs Archiv. So erinnert der neu vorgestellte kompakte Oseris-Strahler wegen seines Halbkugelgelenks formal an den Vorläufer aus den achtziger Jahren, doch im Aufbau ist nichts gleich geblieben. Auf einem Metallkern im Innern befinden sich nun Hochleistungs-LED, je nach Aufgabe wird deren Licht durch Linsen gebündelt (Strahler), breit (Fluter) oder zur gleichmäßigen Wandbeleuchtung verteilt (Linsenwandfluter). Die Leistungsaufnahme des einstigen Modells mit Niedervolt-Halogenlampen reichte von 20 bis 100 Watt, heute begnügt sich Oseris mit zwei bis 19 Watt. Ein Beitrag zu mehr Effizienz und Präzision in der Beleuchtung von Architektur.

Anfangs taten sich vor allem Hersteller dekorativer Leuchten schwer mit der Entwicklung neuer LED-Produkte. Das lag an den zunächst hohen Preisen und der schwankenden Qualität der aus Asien stammenden Leuchtdioden, die nicht mit den Anforderungen europäischer Leuchtenhersteller konform gingen, sowie dem phasenweise atemraubenden Innovationstempo. Dioden, die beim Entwurf einer Leuchte zugrunde gelegt wurden, waren schon nicht mehr erhältlich, als das Modell die Serienreife erlangte. Damit LED ihre Fähigkeiten entfalten und lange erhalten, müssen Designer wie Hersteller die Elektronik geschickt einbauen. Dazu gehört es, Licht zu lenken und die Rückseite des elektronischen Bauteils, an der Wärme entsteht, so zu integrieren, dass es sich von selbst abkühlt. Das erfordert mehr, als eine Lampenfassung in einem Lampenschirm anzuordnen.

Neu interpretiert: Das LED-Licht kommt bei Equatore (Fontana Arte) aus zwei internen Leuchtscheiben, die den Glasschirm teilen. Foto: Gabriele e Oscar Buratti

Auch mit der neuen gestalterischen Freiheit taten sich die Hersteller zunächst schwer. Inzwischen entdecken viele ihre Leidenschaften wieder: Ingo Maurer etwa die Neugier auf naheliegend poetische Objekte, die er im Team, oft auch mit externen Designern, verwirklicht. Ein Beispiel dafür ist Blow Me Up, eine mobile Leuchte des jungen Gestalters Theo Möller, die aufgerollt und in einer Dose geliefert wird und sich zu einer Decken- oder Wandleuchte aufblasen lässt. Der eingebaute LED-Streifen strahlt nach innen in den beleuchteten Kunststoff-Schlauch.

Designer wie Konstantin Grcic oder Stefan Diez versuchen, mit ihren jüngsten Projekten die Grenzen der LED-Technik zu erkunden und auszureizen. Das Zusammenspiel digitaler Sensorik und materieller Präzision spielt dabei eine besondere Rolle. Stefan Diez nutzt für seine Leuchte Guise des spanischen Herstellers Vibia das physikalische Prinzip der Totalreflexion. Ein LED-Streifen wird unsichtbar in einen Zylinder aus Borosilikatglas integriert, an dessen geschliffener Struktur und Kanten das atmosphärische Licht erscheint. Konstantin Grcic kombiniert Module geometrischer, von Hand geblasener Glaskörper für seine Noctambule für den italienischen Hersteller Flos mit ebenfalls unsichtbar angebrachten LED-Streifen. Tagsüber weitgehend transparent, tritt nach Einbruch der Dunkelheit das Licht an den Verbindungsstellen der Glasmodule hervor und erleuchtet diese.

Noch nicht lieferbar: Noctambule (Flos) ist tagsüber beinahe unsichtbar, erst in der Dunkelheit wird sie ein leuchtendes Objekt. Foto: Flos
Mit Eve (Lasvit) hat Zaha Hadid mit einer ihrer letzten Arbeiten versucht, die Grenzen des aus Glas Machbaren zu erproben. Foto: Lasvit

So nutzt das Licht der Leuchtdiode, anfänglich als flach oder unscheinbar kritisiert, inzwischen die große Geste und materialisiert sich in massiven Körpern, wie sie bei Eve sichtbar werden, einem Spätwerk der 2016 verstorbenen Architektin und Designerin Zaha Hadid für den tschechischen Glas-Spezialisten Lasvit. Hadids fluide und organische Formensprache zeigt sich an den 15 unterschiedlichen Elementen aus geblasenem Glas, die sich mal öffnen, mal verschränken und das Tageslicht ebenso reflektieren wie sie abends als Lichtskulptur erscheinen.

Einen anderen Weg beschreitet der norwegische Designer Daniel Rybakken. Er widmet seine Arbeit stets dem Wechselspiel von Licht und Schatten. Für Luceplan entwarf er Amisol, eine Leuchte, die trotz zierlich reduzierter Materialität große Präsenz im Raum entfalten kann. Ihr Schirm mit einem dreiviertel Meter Durchmesser wirkt als solares Segel, das die Umwelt reflektiert.

Mit Folie bespannt: Amisol (Luceplan) wirft ihr starkes Licht auf einen dünnen Schirm und transformiert es. Foto: Luceplan

Klein, verspielt und ironisch gibt sich Filo von Andrea Anastasio für Foscarini. Lampenschirm, Baldachin, Kabel – alle funktionalen und dekorativen Versatzstücke einer Leuchte arrangiert der Designer auf einem Gestell, wie beinahe zufällig abgelegt. Das Ergebnis erinnert ein wenig an die Oberflächen-Experimente von Memphis in den Achtzigern. Die Fachleute der Mailänder Messe-Jury versetzte Filo, die es in unterschiedlichen Farb- und Materialvarianten gibt, in Begeisterung: Sie wählten sie zur besten Leuchte der diesjährigen Euroluce.

Bunte Assemblage: Filo (Foscarini) ist eine Materialcollage aus Porzellan, Glas, Metall und Textilkabel. Foto: Foscarini

Was bei Anastasio willkürlich erscheint, ist beim in London lebenden zypriotischen Designer Michael Anastassiades äußerst planvoll. Er setzt mit seinen oft kugelförmigen Glasleuchten Lichtpunkte im Raum. Mal sind sie durch Drähte miteinander verbunden, oder sie ruhen – anscheinend nur vorläufig – an und auf kleinen Gestellen aus Messing. So verbindet Anastassiades gegenwärtige Technik mit überlieferten Formen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin

Veröffentlicht: 07.11.2017 10:08 Uhr