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Veröffentlicht: 27.11.2016, 18:36 Uhr

Protestaktion Der Punk geht abwärts

Joe Corré ist dem Punk nicht nur durch seine Mutter Vivienne Westwood verbunden. Nun lässt er Memorabilia der Sex Pistols in Flammen aufgehen. Warum?

von , London
© AFP Bei Chelsea Embankment: Joe Corre verbrennt Punk-Memorabilia auf einem Schiff, das auf der Themse festgemacht ist.

War das nun das letzte Aufbäumen eines Punk? Oder ein durchsichtiger publicity stunt, um sich mal wieder ins Gespräch zu bringen? Nicht alle waren beeindruckt von der Protestaktion des Ex- oder Ewigkeitspunkers Joe Corré, der am Samstag Devotionalien der Sex Pistols verbrannte. So mancher Kommentator reagierte mit Ironie auf den heiligen Ernst, mit dem Corré sich für das Erbe der anarchischen Bewegung verkämpfte.

Jochen Buchsteiner Folgen:

„Nie, nie sollte der Punk nostalgisch werden!“, hatte Corré in den Tagen vor seinem Happening gesagt und angekündigt, Erinnerungsstücke an die Punk-Band öffentlich zu verbrennen – angeblich im Wert von sechs Millionen Euro. Damit wollte er sich gegen die Historisierung und die Vermarktung des Punk-Phänomens zur Wehr setzen, dessen 40. Geburtstag in diesen Wochen gefeiert wird.

Erinnerung an die Punk-Kultur verärgert

In Rage bringt ihn, wie der Bewegung gedacht wird. Ehrwürdige Institutionen wie die British Library, das Museum of London oder das British Film Institute haben sich der Rückschau auf den Punk angenommen, und die Stadtväter werben in ihren Tourismusbroschüren mit den Feiern zum Geburtsjahr des Punk. Gesponsert wird das offizielle Gedenken an die anarchischen Jahre von den Einnahmen des Heritage Lottery Fund.

Protestaktion Corré Nicht nur die Sid-Vicious-Puppe wurde verbrannt. Auch Premierministerin Theresa May und Außenminister Boris Johnson mussten herhalten. © Reuters Bilderstrecke 

Vor genau 40 Jahren kam die erste Single der Sex Pistols auf den Markt: „Anarchy in the UK“. Corré erlebte den Schlüsselmoment der Musikgeschichte als Achtjähriger, und doch stand er der Protestbewegung schon damals näher als viele Ältere: Sein Vater, Malcolm McLaren, war der Manager der legendären Band, und seine Mutter, die Designerin Vivienne Westwood, sollte aus der Bewegung bis heute die Inspiration für ihre Kreationen beziehen. Auch Corré versöhnte den Punk mit dem Geschäft. Sein Unterwäsche-Label „Agent Provocateur“ spielt mit dem Schrillen und Vulgären der Punk-Kultur.

Bürgerschreck auf Bootstour

In den späten siebziger und frühen achtziger Jahren waren die Punker ein wahrer Bürgerschreck. Männer hätten ihm damals seines Aussehens wegen ins Gesicht gespuckt, erinnerte sich Corré vor kurzem in einem Interview. Das Königshaus wurde in „God save the Queen“ als faschistisches Regime bezeichnet, und auch der parlamentarischen Demokratie brachten die Punker wenig Respekt entgegen.

1977 charterten die Sex Pistols die Touristenfähre „Queen Elisabeth“, steuerten sie auf der Themse vor den Westminister-Palast und beschallten das Parlament mit ihrer Musik. Am Charing Cross Pier wurden die Musik-Anarchisten und ihre Fans, darunter auch Corrés Eltern, von der Polizei in Empfang genommen und wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses festgenommen.

Rührende Ordnung

Daran gemessen verlief die Protest-Bootsfahrt am Samstag fast rührend geordnet. Der Rebell wartete auf das OK des Kapitäns, bevor er das Feuer anzündete. Drei Löschzüge standen, wie der „Telegraph“ festhielt, „verlegen am Ufer und beobachteten das Ereignis von Embankment aus, für den Fall dass Corrés Pyrotechnik außer Kontrolle geraten sollte“.

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Bevor die ersten Erinnerungsstücke den Flammen übergeben wurden, formulierte Corré ein paar Aufrufe, die sich seltsam in der Zeit verirrt zu haben schienen. „Wenn Ihr die ganze Kraft des Punk verstehen wollt, dann geht gegen Tabus an und stellt die Autoritäten in Frage!“ Daraufhin verschwand allerhand im Feuer, darunter eine Kiste mit T-Shirts und Bondage-Hosen, Demo-Tapes der Sex Pistols und auch eine Puppe, die aussah wie Sid Vicious, der Bassist der Sex Pistols.

„Corré ist ein Depp“

Ein paar Puppen neueren Datums, die Premierministerin Theresa May („May-hem“), Gesundheitsminister Jeremy Hunt („Dr. Death“) oder Außenminister Boris Johnson ähnelten, wurden gleich mit verbrannt. Nachdem eine Barkasse der „London Fire Brigade“ das Feuer ordnungsgemäß gelöscht hatte, griff noch Vivienne Westwood, die sich schon lange „Dame Vivienne“ nennen darf, zum Megafon und forderte die Anwesenden (und Zuschauer des von Corré eingerichteten Live-Streams) auf, mehr nachhaltige Energie zu nutzen.

Nicht alle zeigten sich überzeugt von der Aktion zur Rettung der Punk-Ehre. Reporter zitierten Zuschauer, die von Vandalismus sprachen und die Aktion mit dem Verbrennen von Picasso- oder Matisse-Bildern verglichen. Andere kritisierten, dass der Erlös der Memorabilia gute Zwecke hätte finanzieren können. Mit der Schnörkellosigkeit, die nur Punkern zu eigen ist, kommentierte Glen Matlock, der 1977 von Sid Vicious als Bassist ersetzt worden war, das Geschehen. Er nannte den Protest „dämlich“. Und er meinte, Corré sei „nicht der Anti-Christ sondern ein Depp“.

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