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Jil Sander im Porträt : Passt auch heute

Anders als die Herren der Modeschöpfung, die gern in Aufmerksamkeit baden, hat sich Jil Sander immer hinter ihrem Werk versteckt Bild: Helmut Fricke

Jil Sander, die eine der führenden Modemarken schuf, ist wieder da. Die große Ausstellung im Museum Angewandte Kunst in Frankfurt zeigt, dass ihr Design schon deswegen nicht altert, weil es zeitlos ist.

          Der Fototermin in Frankfurt am Donnerstag dauerte ungefähr so lange wie früher ihre Auftritte nach den Modenschauen. Sie kam, sah, lächelte – und war verschwunden. Anders als die Herren der Modeschöpfung, die gern in Aufmerksamkeit baden, hat sich Jil Sander immer hinter ihrem Werk versteckt. Wenn sie zu der Ausstellung, die ihr das Museum Angewandte Kunst von diesem Wochenende an widmet, überhaupt aus den Kulissen lugt, dann ist ein kurzer schon ein großer Auftritt.

          Alfons  Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Die legendäre Scheu der 73 Jahre alten Modemacherin entspringt psychologischer Notwendigkeit. Heidemarie Jiline Sander wurde anderthalb Jahre vor Ende des Krieges geboren. Die Mutter war aufs Land geflohen, um den Luftangriffen in Hamburg zu entgehen. In bescheidenen Verhältnissen überstand sie in Dithmarschen mit ihren beiden Töchtern die frühe Nachkriegszeit. Im Kindergarten gab es amerikanische Quäkerspeisung und britisches Spielzeug. Erst 1951 zog die Mutter mit neuem Mann und inzwischen drei Kindern zurück nach Hamburg.

          Die Jahre der Not werden dem Mädchen Vorsicht, Überlebenswillen und die Sehnsucht nach Schönem mitgegeben haben. Nach dem Studium zur Textilingenieurin in Krefeld ging sie als Austauschstudentin nach Kalifornien. Dort erlernte sie die Leichtigkeit des Seins, auch am Beispiel von Jeans und T-Shirt. Die Tätigkeit bei „Constanze“ und „Petra“ musste für die stilbewusste Moderedakteurin unbefriedigend bleiben. Sie spürte, dass sie es besser konnte als all die Designer, die ihre Kreationen für Fotoaufnahmen einschickten.

          Zumindest im Bild auf der Ausstellung in Frankfurt immer präsent: Die legendäre Scheu der 73 Jahre alten Modemacherin entspringt psychologischer Notwendigkeit. Bilderstrecke
          Zumindest im Bild auf der Ausstellung in Frankfurt immer präsent: Die legendäre Scheu der 73 Jahre alten Modemacherin entspringt psychologischer Notwendigkeit. :

          Deshalb auch war sie mit dem Geschäft, das sie 1968 im feinen Hamburger Stadtteil Pöseldorf eröffnete, letztlich unterfordert. Bald gründete sie ihre eigene Marke und machte aus psychologischen Konstellationen ästhetische Prinzipien. Der puristische Stil, der sich aufs Wesentliche beschränkte und jedes Dekor verbannte, ging einher mit der Emanzipation der Frau. Nicht mehr für Kinder, Küche, Kirche musste sie ausgestattet werden, sondern fürs Büro. Dass sich Wolfgang Joop über den „Pöseldorfer Etepetismus“ lustig machte, ging insofern fehl: Jil Sanders Erfolg bewies, dass sie mit einer Moderichtung, die sich letztlich aus der Bauhaus-Tradition speiste, dem Bedürfnis der Frauen entgegenkam, sich ohne Brimborium gut zu kleiden.

          Zurückhaltung war Stilprinzip und Lebenshaltung. Dennoch offenbarte sie verblüffende Fähigkeiten zur Selbstüberhöhung. Der Name wurde effektvoll modernisiert. Peter-Lindbergh-Porträts dienten der Legendenbildung. Und spärliche öffentliche Äußerungen halfen bei der Arbeit am Mythos. So schuf sie eine der führenden Designermarken – bis sie das Unternehmen verkaufte und letztlich ausschied.

          Statt Rückzug steht nun Rückschau an. Vier Jahre nach dem Ausstieg aus ihrer Marke und drei Jahre nach dem Tod ihrer Lebenspartnerin Dickie Mommsen öffnet sich Jil Sander dem Publikum in Frankfurt auf neue Art. Mit dem Ausstellungstitel „Präsens“ beugt sie der Musealisierung vor. Und die Präsentation ist ganz unhistorisch, schon wegen der zeitlosen Entwürfe.

          Die Ausstellung

          „Jil Sander: Präsens“ im Museum Angewandte Kunst in Frankfurt läuft bis zum 6. Mai 2018.

           

          Quelle: F.A.Z.

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