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Modeblogger David Roth : „Ist das eine Schuh-Bong?“ „Ja, natürlich“

Fertig: Die Schuh-Bong Bild: Youtube/Screenshot/Dandy Diary

Der Modeblogger David Roth hat aus einem 700-Euro-Sneaker ein Utensil zum Kiffen gebaut. Ein Interview über die Perversion der Pop-Kultur, „sauhässliche Schuhe“ und Modeopfer.

          Herr Roth, Sie haben auf Ihrem Männermode-Blog „Dandy Diary“ ein Video veröffentlicht, in dem aus dem Sneaker Balenciaga Triple S eine Bong gebaut wird – ein Utensil zum Kiffen also. Wie kommt man auf so eine Idee?

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Ich saß mit einem Kumpel an der Atlantikküste, wir waren zum Surfen da. Ganz klischeemäßig haben wir einen Joint geraucht. Irgendwann habe ich ihm seinen Nike Monarch ausgezogen und gesagt, er soll mir dadurch einen Shot geben. Also hat er Rauch in den Schuh gepustet, und ich habe ihn eingeatmet. Das war die Initialzündung für eine Idee, die ich in den nächsten Tagen weiter gedacht habe. Ich fand es reizvoll, aus so einem High-Fashion-Produkt wie einem Sneaker eine Bong zu bauen. Dafür kam nur der Balenciaga Triple S in Frage, das ist zur Zeit die große Sneaker-Ikone. Außerdem ist er mit seiner überdimensionalen Sohle bestens dafür geeignet. Man kann gut reinbohren.

          Wo haben Sie ihn gekauft?

          In Berlin im KaDeWe, für etwa 700 Euro. Mir war wichtig, dass es ein ganz neuer Original-Schuh ist. Das schafft erst die absurde Dimension, weil er so heiß begehrt bei den Modeopfern ist. Dieses für das Schaulaufen produzierte Produkt innerhalb weniger Sekunden unbrauchbar und zu einem Kiffer-Utensil zu machen, das war die Idee.

          Wo haben Sie Werner gefunden, den Mann mit dem Rauschebart, der in dem Video in den Schuh bohrt?

          Ich brauchte jemanden, der so etwas fachmännisch und nüchtern machen kann. Da bin ich schnell auf meinen Patenonkel Werner gekommen, der schon Jahrzehnte vor der Hipsterbewegung einen Rauschebart hatte und immer mit Hosenträgern herumläuft. Das ist seine Uniform. Ich habe Jahre nicht mit ihm gesprochen, aber ihn einfach gefragt, ob er aus dem Schuh eine Bong bauen kann. Weiter als er kann man von dieser High-Fashion-Welt nicht entfernt sein. Er ist Keramiker.

          Aber Sie haben den Schuh vorbereiten lassen?

          Ja genau, von einem Fachmann in Berlin. Als ich danach mit dem Schuh die Straße runtergelaufen bin und mir noch unsicher war, ob das gelungen ist, haben mich plötzlich zwei Jungs gefragt: „Ist das eine Schuh-Bong?“ „Ja, natürlich“, habe ich geantwortet. Zwei noch jüngere Kids haben gefragt, ob es eine Prothese ist. Das fand ich auch eine sehr passende Perspektive auf Mode und Design, der Schuh als Ego-Prothese. Ich bin zu meinen Eltern in die Heimat gefahren und habe mich in deren Werkstatt mit Werner getroffen. Wir zitieren in dem Video auch eine Bewegung, in der Sneaker dekonstruiert und neu zusammengesetzt werden, zum Beispiel als Masken. Die Pop-Kultur wird so ad absurdum geführt. Wichtig war mir, dass das ganze Material für den Umbau aus dem Baumarkt kam und sehr günstig ist. Das ist der ultimative Zusammenstoß: High-Fashion vs. Working-Class.

          Das passt ja auch zum Sneaker an sich, oder?

          Ja, total. Vor ein paar Jahren wurden vor allem Straßenelemente aufgegriffen. Aber jetzt ist man schon einen Schritt weiter: Die teuersten Sneaker sehen aus wie Ergo-Schuhe, mit denen körperliche Fehlstellungen ausgeglichen werden. Und der Balenciaga Triple S ist der ikonischste Schuh in Hinblick auf diese Perversion. Er treibt auf die Spitze, was gerade passiert.

          Was passiert denn?

          Uglycore, Normcore, Deadcore, die Ästhetik des Hässlichen. Vor ein paar Jahre hatte luxuriöse Streetwear seine Boomzeit in London, sündhaft teure Trainingsanzüge zum Beispiel. Der aktuelle Trend ist Ugly Fashion, hässliche Mode. Da ist der Balenciaga Triple S das Kultprodukt, ein sauhässlicher Schuh. Das trifft den Zeitgeist. Wenn ich mir so einen Schuh kaufe, dann nur, um ihn direkt wieder zu zerstören.

          Hatte schon Jahrzehnte vor der Hipsterbewegung einen Rauschebart: Onkel Werner

          Was ist aus dem zweiten Schuh geworden?

          Den haben wir bei dem Projekt auch verwendet, da wurde reingebohrt, der ist nicht mehr verwendbar.

          Was für Schuhe tragen Sie gerade?

          Flache Dr. Martens, die trage ich nur noch.

          Gab es Feedback auf das Video von Fans des Schuhs?

          Ja, einer meiner liebsten Freunde ist ein totales Modeopfer. Der liebt diesen Schuh über alles. Es war ganz dramatisch für ihn mitanzusehen, wie er zerstört wurde.

          Was ist für Sie ein Modeopfer?

          Früher gab es das Wissen über die besten Marken nur in einem inneren Kreis. Das funktioniert heute nicht mehr. Die Mode ist dadurch unglaublich kurzlebig geworden, alles wird ganz schnell Mainstream. Dadurch verbrennen Marken und Symbole in rasendem Tempo. Für mich ist es nicht spannend, immer der neuesten Marke und dem neuesten Produkt hinterherzurennen, das dann sofort wieder verbrannt ist. Wer da seine ganze Energie reinsteckt, ist für mich ein Modeopfer. 

          Was ist Ihr Weg?

          Einen Signature-Look zu schaffen, dem man treu bleibt. Das ist für mich besser, als Saison für Saison den neuesten Kultprodukten hinterherzurennen und die miteinander zu kombinieren. Das sieht oft weder gut noch stilvoll aus. Natürlich ist das frühzeitige Aufzeigen neuer Marken, die nicht gleich verbrennen, trotzdem nicht schlecht.

          Und was passiert jetzt mit Ihrer Schuh-Bong?

          Die steht in meinem Zimmer und kommt an Feiertagen zum Einsatz. Ich musste sie ja leider in dem Video auch selbst rauchen, weil Werner nicht wollte. Das wäre noch besser gewesen. Am Ende läuft eines meiner Lieblingslieder: „Because I Got High“ von Afroman. Da geht es darum, dass er nichts auf die Reihe bekommt, weil er immer bekifft ist. Das ist noch mal ein schöner Kontrast zu dem Heimwerker-Tutorial davor, das zeigt, wie schnell man mit ein wenig Aufwand neue Dinge schaffen kann.

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