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Veröffentlicht: 25.12.2015, 21:06 Uhr

Interview Julia Stoschek Die Kunst der Zeit

Julia Stoschek, die Sammlerin, Unternehmerin und Museumsgründerin, über Videokunst, Stil, Familie und Geschäft.

von
© Jonas Lindstroem Sie probiert nie etwas an, sondern kauft es gleich: Julia Stoschek, hier im H&M-Overall im Ausstellungshaus ihrer Sammlung in Düsseldorf, ist sich selbst gut bekannt.

KUNST.

Frau Stoschek, Kunstkenner sind angetan davon, wie intensiv Sie Videokunst sammeln.

Alfons  Kaiser Folgen:

Zeitbasierte Medienkunst!

Ah, ja, genau. Video ist ja heute fast schon ein altes Wort.

Die zeitbasierte Medienkunst umfasst noch stärker den Aspekt der Rauminstallation. Meine Sammlung hat auch eine skulpturale Dimension.

Und warum eigentlich zeitbasiert?

Hier kommen zwei wesentliche Aspekte zusammen: die Echtzeit - die spezifische Dauer einer Arbeit - und die Rezeptionszeit, die der Betrachter benötigt, um ein Werk zu erfassen. Mit der tragbaren Videokamera war es für Künstler erstmals möglich, Zeit abzubilden.

Heute kann man schon mit dem Handy tolle Fotos und Videos machen. Zeitbasierte Medienkunst ist also immer überall verfügbar.

Ja, das Bewegtbild umgibt uns dauernd. Diese gesellschaftliche Umwälzung möchte ich mit meiner Sammlung reflektieren.

Ihre private Sammlung zeitgenössischer Kunst stellen Sie in Düsseldorf in einem eigenen Ausstellungshaus aus. Welche der Kunstwerke können in Zeiten dauernden Medienkonsums noch Gültigkeit für sich beanspruchen?

Ich verstehe die Sammlung nicht als Ansammlung, sondern als ein kohärentes Gesamtkonzept, als ein Archiv von Zeitlichkeiten. Somit hat jedes einzelne Werk seine Gültigkeit.

Sie haben Glück. Die Videokunst-Szene ist viel überschaubarer als Malerei oder Fotografie.

Medienkunst ist die jüngste Gattung der Kunstgeschichte, deshalb ist sie vielleicht auf den ersten Blick überschaubarer. Ich denke aber nicht in solchen Kategorien.

Julia Stoschek Collection - Aus Anlass der Art-Cologne-Kunstmesse findet in Köln eine Präsentation von Kunstvideos aus der Sammlung von Julia Stoschek statt, bei der die Kunstsammlerin selbst als DJ auftritt. © Marcus Kaufhold Vergrößern Julia Stoschek, die Urenkelin des Firmengründers Max Brose und Gesellschafterin der Brose Fahrzeugteile GmbH & Co. KG in Coburg, trägt seit 2007 die „Julia Stoschek Collection“ zusammen, eine Privatsammlung zeitgenössischer Kunst mit Ausstellungshaus in Düsseldorf. Die 40 Jahre alte Kunstsammlerin, die Betriebswirtschaftslehre in Bamberg studierte, war auch im Dressurreiten und als DJ auf Kunstmessen (unser Bild entstand 2012 auf der Art Cologne) erfolgreich. Sie sitzt unter anderem im Council der Tate, im Vorstand der Kunst-Werke Berlin, in der Ankaufskommission der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, und sie gehört zum Board of Directors des MoMA PS1.

Vollständig wird Ihre Sammlung nie werden.

Das ist auch nicht mein Anspruch. Aber den wichtigsten Protagonisten gebe ich eine Plattform. Ich verfolge lieber intensiv einen Künstler über einen langen Zeitraum hinweg, um die Schlüsselarbeiten zu erwerben, als von vielen Künstlern Einzelarbeiten.

Der technische Fortschritt ist schnell. Da veraltet doch Ihre Sammlung dauernd.

Sicher nicht. Eines meiner wichtigsten Anliegen: dafür zu sorgen, dass das nicht der Fall ist. Was die technische Archivierung angeht, so unterscheiden wir zwischen den historischen Arbeiten, die zum Beispiel auf Digi-Betacam-Formaten oder auf Filmrollen gespeichert sind, und den digitalen Medien, die als Files archiviert werden. Der gesamte Sammlungsbestand wird digitalisiert.

Bei all den Freizeitangeboten von Festivals bis Fußball: Wie kann man die Menschen da noch für Kunst begeistern?

Ich verstehe die Problematik nicht. Nie haben sich so viele Menschen für zeitgenössische Kunst interessiert. Gerade zeitbasierte Medienkunst mit ihrer lebensnahen Dynamik scheint einen aktuellen Nerv zu treffen. Alles ist in Bewegung, alles verändert sich fortwährend. Das Ephemere ist ein wesentliches Merkmal unserer Zeit. 10.000 Menschen kommen im Jahr in unser Ausstellungshaus.

Aber kann Medienkunst den Menschen wirklich unmittelbar einnehmen? Oder ist die Rezeption nicht immer nur vermittelt, nach dem Motto: Jetzt gucken wir uns Kunst an.

Ich bin absolut davon überzeugt, dass gerade die Medienkunst eine unmittelbare Erfahrbarkeit ermöglicht. Die von ihr ausgehende Synästhesie - räumlich, akustisch und visuell - ist eins zu eins, oft sogar interaktiv spürbar.

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