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Politisches Kleidungsstück : Im Namen der Hose

  • -Aktualisiert am

Marlene Dietrich, hier im Jahr 1933, musste nicht für die Hose kämpfen. Sie trug sie einfach. Bild: SZ Photo

Das politischste aller Kleidungsstücke war jahrhundertelang umkämpft. Die Hose definierte Klassen und Geschlechter. Wofür steht sie heute?

          Jacke wie Hose? Eins wie das andere? Die Hose gehört zu den Kleidungsstücken, die gedankenlos angezogen werden, wenn man aus dem Haus geht. Ein Leben ohne Hose können sich die meisten von uns, ob Frauen oder Männer, ob jung oder alt, nicht vorstellen. Wir sind alle unaufgeregte Hosennutzer geworden, das erscheint uns das Normalste auf der Welt. Nur noch in Redewendungen wie der, dass es Zeit wäre zu zeigen, wer die Hosen anhat, haben sich Spuren der Konflikte erhalten, die einst die Hose wie wenige andere Kleidungsstücke umtobt haben.

          Der Kampf um die Gleichheit aller Menschen, die sich dann als Männer herausstellten, der Kampf um die Gleichheit der Geschlechter, der weibliche Kampf um männliche Privilegien, begann als Kampf um die Hose. Der Kampf um die Gleichheit aller Menschen, die Französische Revolution von 1789, kam gar im Namen der Hose: Die revolutionäre Partei wurde nach dem Fehlen dessen bezeichnet, was aller Welt bis dahin als die einzig tragbare Hose galt – der culotte. Als sans culottes, Hosenlose, wurden die Revolutionäre verspottet. Sie liefen zwar nicht ohne Hosen herum, machten sich aber lächerlich in ihren pantalons, Beinkleidern, die bis auf die Schuhe fielen. Das Deutsche kennt den Klassenunterschied nicht, der als Hosenunterschied auftrat. Der Kampf um die Gleichheit der Geschlechter war ein Kampf der Röcke um die Hose, die dabei zur Allerweltshose geworden war, zum pantalon.

          Natürlich ist auch heute nicht eine Hose wie die andere. Man überlegt, ob es eine Flanellhose sein soll, mit Bügelfalte oder ohne, ob Chinos oder Jeans, ob Hosenanzug, Caprihosen, Marlene-Hosen, Nadelstreifen oder eher das, was gerade wieder Culotte heißt. Ziehen jetzt ausschließlich Frauen an. Vor kurzem noch unbedingt super skinny, kommen Hosen jetzt mit Schlag, als Faltenhosenrock, auch das Elefantenbein ist wieder da. Karotten- und Bundfaltenhosen warten dagegen noch auf ihre Wiederentdeckung. Aber alle streifen, Männer wie Frauen, eines der Beinkleider über. Mit Gürtel, seltener mit Hosenträgern. Junge Männer tun es seit Jahrzehnten den amerikanischen Gefängnisinsassen nach und lassen die Hose gürtellos über den Po nach unten rutschen; junge Frauen gehen in übergroßen boyfriend pants unter die Leute.

          Jenseits der Zivilisation entstanden Hosen als Funktionskleidung

          Und doch war die Hose eines der umstrittensten Kleidungsstücke. Denn Klassenpolitik und Geschlechterpolitik wurden nicht durch die Blume, sondern durch die Hose artikuliert, wie in der Französischen Revolution. Für Aufruhr sorgten auch Frauen in Hosen: Noch Ende der fünfziger Jahre verwies ein Bundestagspräsident in Deutschland eine Abgeordnete im Hosenanzug des Parlaments. So viel Ruhm, aber auch so viel Hohn und Spott wie die Hose hat kein anderes Kleidungsstück auf sich geladen. Die Hose wurde, was sie nie war: Ausnahmezustand männlicher Identität.

          Bei den alten Griechen galt die Hose als lächerlich und auf jeden Fall als unangemessen. Selbstverständlich trugen Griechen keine Hosen, man muss sich nur die klassischen Friese ansehen. Organisch drapierten sie ihre Gliedmaßen in fließende Falten, die sich jeder Bewegung wie natürlich anschmiegten, schwärmte Hegel. Hosen trugen die Anderen, die Nichtgriechen, Skythen, Mongolen, die jenseits der Grenzen der Zivilisation hausten.

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