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Schuhe : Flache Gegenwelt

  • -Aktualisiert am

Hässlich? Die Frau im flachen Schuh ist heute nicht mehr der Schatten, ganz im Gegenteil. Bild: Getty

Weibliche Stärke und Sinnlichkeit können heute zum Glück gut ohne hohe Absätze laufen. Vor nicht allzu langer Zeit war das noch anders. Unsere Autorin weiß, wovon sie spricht.

          Die Grenze sollte bei 176 Zentimetern sein. Meine Eltern hatten mir deren Einhaltung auch irgendwie versprochen. Mädchen, sagten sie, würden zwar größer als die Mutter, blieben in der Regel aber deutlich kleiner als der Vater. Im Pass meines Vaters steht die Zahl 184, in dem meiner Mutter 171. Im Rahmen einer sehr konventionellen Auffassung von Geschlechterverhältnisssen hätte ich es also schaffen können.

          Meine Großmutter wollte mir helfen. Bei jedem Besuch drohte sie, mir mit dem Kochlöffel auf den Kopf zu schlagen, damit ich endlich aufhöre zu wachsen. Mädchen, sagte sie, dürften die Jungen nicht überragen, wenn sie hübsch sein und später geheiratet werden wollten. Ich klemmte mich im dunklen Treppenhaus in eine Mauer. Die Höhe des Vorsprungs bemaß 1,74 Meter, doch außer ein bisschen Skoliose hat meine „Schraubstocktherapie“ rein gar nichts gebracht. Bei 179 Zentimetern hörte ich auf zu messen, hörte auf, mich einzupferchen, und ließ den letzten Wachstumsschub über mich ergehen. Irgendwann sagte mir eine Arzthelferin, ich sei 183,5 groß.

          Ein paar Schuhe pro Saison

          Wobei ich den Eindruck hatte, dass sie mir eine Freude machen wollte und nach unten korrigierte. Gefragt habe ich nicht. Genauso wenig, wie ich mich jemals nach Schuhen mit hohen Absätzen erkundigt habe. Im Schuhladen haben diese gewissen Regale für mich niemals existiert, und das, was meine Mitschülerinnen zu 501-Levi’s-Jeans und Lederjacken an ihren Füßen trugen, blendete ich aus. Schwarze Stiefeletten oder Pumps mit sieben oder mehr Zentimeter Absatz kamen schlicht nicht in Frage.

          Mit den Jahren wurde ich zu einer geschickten Ignorantin. Den Namen Manolo Blahnik zum Beispiel habe ich erst gar nicht zur Kenntnis genommen, und was hatte diese Miss Bradshaw nur ständig mit ihren Sandalen? Mich persönlich hat der Gedanke daran, mir neue Winterstiefel kaufen zu müssen, melancholisch gemacht. Ein Paar Schuhe pro Saison genügen. Und die tollen Sachen kommen von vornherein nicht in Frage. Sicher, wenn ich mich als Domina von um die zwei Meter hätte ausprobieren wollen. Aber so.

          Frau wird zum Wild und zur Jägerin zugleich

          Die Ideologie dahinter ist erbärmlich: Eine Frau soll groß sein, aber nicht zu sehr. Sie soll Absätze tragen; aber auf einem Stehempfang alle Männer überragen, das soll sie nicht. Die Lobpreisungen und auch die Schmähungen des hohen Schuhs und seines unsichtbaren Schattens klingen wie eine besonders schlichte Version von Biologie. Oder nach Waffenkunde. Sie besagt, dass eine Frau sich auf hohen Absätzen die Füße ruiniert, andererseits aber nur auf Absätzen zum idealen Wild und dadurch indirekt zur Jägerin werden kann.

          Schuhe von Manolo Blahnik nahm die Autorin lange nicht zur Kenntnis.

          Das Wild hat lange Beine und einen runden, vollen Hintern. Dank des schuhbedingt verstärkten Hüftschwunges wird die Durchblutung des eigenen Unterleibs verbessert. Selten vergisst eine Kulturgeschichte, diesen Effekt zu erwähnen. Die Frau im flachen Schuh, der Schatten, gerät erst gar nicht in den Blick. Ihre Durchblutung, ihr Charisma gelten als mangelhaft, so muss es jedenfalls der französische Schriftsteller Philippe Sollers beurteilen, der 2008 mit der Aussage zitiert wurde, eine Frau in flachen Schuhen sei „hässlich“.

          Heilsames Foto

          Nicht hässlich, sondern atemberaubend schön sind drei Frauen, die Peter Lindbergh 1987 am Strand von Le Touquet fotografierte. Das Foto war für mich eine der ersten heilsamen Irritationen. Beim Blättern im Katalog der Lindbergh-Ausstellung, die gerade in Rotterdam zu sehen ist, erkenne ich es wieder. Zu sehen sind Marie-Sophie Wilson, Lynne Koester und Tatjana Patitz an einem nebligen, herbstlich wirkenden Strand. Die Models tragen die Mode der Japanerin Rei Kawakubo. Schwarze, in der Taille gebundene oder gegürtete Hosen, dazu weiße, hochgeknöpfte Blusen.

          Die Hände in den Hosentaschen, die Gesichter ein bisschen japanisch weiß geschminkt und wie vom Wind und von der Kühle des Meeres gezeichnet, stehen diese Frauen - und jetzt kommt es – in sehr flachen Schuhen wie die Grazien einer herrlichen Gegenwelt zu meiner ängstlichen Provinz. Nichts fehlt ihnen. Kein Zentimeter Absatz wird vermisst. Weibliche Stärke und Sinnlichkeit – jeder Betrachter erkennt es sofort – können ohne Sling-Pumps laufen.

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