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Männer von morgen

Von MARKUS EBNER

14. März 2017 · Die Herrenmode ist in einer schwierigen Phase. Märkte brechen weg, Designer werden ausgetauscht, und keiner kennt die Richtung. Vielleicht wird es ja für Herbst und Winter besser?

Damir Doma In Deutschland spricht man nicht viel über Damir Doma. Warum eigentlich nicht? Denn er ist still und heimlich zu einem der wichtigsten deutschen Designer geworden. Seine Kollektionen werden von „vogue.com“ und „WWD“ besprochen. Und sein Name wird immer öfter genannt, wenn über neue Chefdesigner für vakante Top-Positionen spekuliert wird. Gelernt hat er bei Dirk Schönberger und Raf Simons in Antwerpen. Dann ging er nach Paris, um seine eigene Marke aufzubauen, schließlich nach Mailand. Oft kommt der aus Kroatien stammende Bayer zurück nach Traunstein, wo seine Mutter die Produktion der Kollektion leitet. Damir Doma ist Minimalist, aber nicht nach strenger Jil-Sander-Schule, sondern mit mehr Wärme. Der erste Look seiner Männerkollektion bringt es auf den Punkt. Eine hoch sitzende Nadelstreifenhose mit derbem Gürtel und ein fast auf den Boden reichender Mantel, kombiniert mit einem braunen Strickpullover. Dieser Designer versteht viel von Proportion und Silhouette, aber bleibt pur. Es ist ein irgendwie elegantes und zugleich verspieltes und doch auch auf den Vintage-Faktor setzendes Männerbild: Colorblocking mit Braun und Schwarz im Strick, kräftige Farben wie Orange, auf Brusthöhe angesetzte Verschlüsse statt Knöpfe. Wenn es so weitergeht mit Damir Doma, dann wird er doch noch zu dem deutschen Designer, über den alle sprechen – obwohl er sich fernab Berliner Modesalons und Förderprogramme entwickelt. Oder vielleicht gerade deshalb.

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Louis Vuitton Das Kronjuwel des LVMH-Konzerns, die Marke Louis Vuitton, arbeitet mit dem Straßenmodelabel Supreme zusammen. Damit ist, zumindest in der Männermode, klar, dass high fashion vor allem auf der Straße unterwegs sein will. Irgendwie war das keine Überraschung. Denn Designer Kim Jones macht gerne Kooperationen, aber bisher vor allem mit Künstlern wie den Chapman-Brüdern. Der Designer hat sich auch schon mit der Fußballmarke Umbro zusammengetan, als er noch für sein eigenes Label arbeitete. Die Zeichen der Zeit liest er jedenfalls besser als andere. So bringt er die Kleidungsstücke einer ganz neuen Zielgruppe näher. (Wenn schon Kering die Surfermarke Volcom hat, könnte sich LVMH übrigens Supreme gleich ganz einverleiben.) Die Kunstszene New Yorks in den Achtzigern hatte es dem Designer dieses Mal angetan. Das waren noch Zeiten, als Uptown und Downtown fließend ineinander übergingen! Den Austausch vermisst man im neuen Amerika. Kim Jones macht das, was er am besten kann. Lange weite Pullover, geräumige Hosen, lange Parkas und logobedrucktes Denim ergeben eine glaubhafte Garderobe für junge Künstler. Auch Outerwear ist sein Thema, das passt mit Rucksäcken und Umhängetaschen zu einer Marke für Reisegepäck. Um die Zukunft muss ihm nicht bange sein: Dafür kennt er sich zu gut mit der Jugendkultur aus. Berluti: Bernard Arnault hält seine Kinder im gesunden Konkurrenzkampf. Gerade erst hat er seinen Sohn Alexis mit zum Termin bei Donald Trump genommen und ihn zum Chef der frisch erworbenen Koffermarke Rimowa gemacht. Tochter Delphine kümmert sich um Louis Vuitton und den LVMHNachwuchspreis. Und Antoine Arnault ist Chef bei Berluti, dem Herrenschuhmacher, der zur Lifestylemarke mutiert. Dank Alessandro Sartori waren die Berluti-Anzüge toll – aber der Designer ist zurück nach Italien gegangen, zu Zegna. Sein Nachfolger ist Haider Ackermann, von der Damenpresse geliebt, aber in der Männermode nicht sonderlich bekannt. Mit seiner ersten Berluti-Schau setzte er auf Schneiderkunst mit starken Farbtupfern. Anzüge kann man zur Zeit vor allem dann gut verkaufen, wenn man sie mit zeitgemäßen Straßenlooks wie Bomberjacken oder Parkas kombiniert. Und das gelang Ackermann perfekt. Er holte auch Frauen als Models in die Schau, für das Prinzip Boyfriend-Jacke. Kati Nescher (F.A.Z.-Magazin-Covermodel im Februar 2015) trug zum Beispiel einen lilafarbenen Seidenparka mit schlichtem weißen T-Shirt und gut geschnittener schwarzer Anzughose. Antoine Arnault konnte zufrieden sein. In der ersten Reihe saß sein Vater. Er wird den wind of change gespürt haben, der nun durch das Haus

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Berluti Bernard Arnault hält seine Kinder im gesunden Konkurrenzkampf. Gerade erst hat er seinen Sohn Alexis mit zum Termin bei Donald Trump genommen und ihn zum Chef der frisch erworbenen Koffermarke Rimowa gemacht. Tochter Delphine kümmert sich um Louis Vuitton und den LVMHNachwuchspreis. Und Antoine Arnault ist Chef bei Berluti, dem Herrenschuhmacher, der zur Lifestylemarke mutiert. Dank Alessandro Sartori waren die Berluti-Anzüge toll – aber der Designer ist zurück nach Italien gegangen, zu Zegna. Sein Nachfolger ist Haider Ackermann, von der Damenpresse geliebt, aber in der Männermode nicht sonderlich bekannt. Mit seiner ersten Berluti-Schau setzte er auf Schneiderkunst mit starken Farbtupfern. Anzüge kann man zur Zeit vor allem dann gut verkaufen, wenn man sie mit zeitgemäßen Straßenlooks wie Bomberjacken oder Parkas kombiniert. Und das gelang Ackermann perfekt. Er holte auch Frauen als Models in die Schau, für das Prinzip Boyfriend-Jacke. Kati Nescher (F.A.Z.-Magazin-Covermodel im Februar 2015) trug zum Beispiel einen lilafarbenen Seidenparka mit schlichtem weißen T-Shirt und gut geschnittener schwarzer Anzughose. Antoine Arnault konnte zufrieden sein. In der ersten Reihe saß sein Vater. Er wird den wind of change gespürt haben, der nun durch das Haus Berluti weht.

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Dior Diese Marke ist in aller Munde. Das liegt vor allem an der ersten weiblichen Chefdesignerin, der Römerin Maria Grazia Chiuri, die mit ihren ersten Kollektionen die Marke femininer gemacht hat nach den harten Jahren der Designkonzepte von Raf Simons – die toll aussahen, aber von Frauen letztlich nie ins Herz geschlossen wurden. Bernard Arnault drückt nun auch bei Dior Homme aufs Tempo, damit sein Konzern so umsatzstark und profitabel bleibt wie im vergangenen Jahr (Nettogewinn: etwa vier Milliarden Euro). Zuerst machte er Serge Brunschwig zum Chef, einen erfahrenen LVMH-Manager, der gerne neue Verkaufsflächen eröffnet. Dann gab er Kris Van Assche, schon seit zehn Jahren Designer der Dior-Männer, mehr Kompetenzen. Der belgische Modemacher bestimmt nun auch, wie die Kampagnen aussehen und mit welchen Stars man wirbt – nämlich lieber mit Asap Rocky als mit dem französischen Schauspieler Lambert Wilson. Und Van Assche holt das Beste aus den Ateliers heraus, auch dieses Mal. Straßenmode kombiniert er mühelos mit eleganten Schnitten. Seine Jacken haben Hunderte offene Fäden am Revers. Die enge Dior-Homme-Silhouette (die einst Karl Lagerfeld zum Abnehmen verführte) lockert er endlich auf mit Riesenschlag und weiten Jacken, Nadelstreifenanzüge mit einem Pullover überm Jackett. Seine Models tragen schon immer Turnschuhe zum Anzug, aber eben aus festem Leder mit guter Sohle. Dieses Mal hielt er sich auch mit Gimmicks zurück. Gut so!

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Prada Miuccia Prada und Patrizio Bertelli erleben gerade eine der schwierigsten Phasen in ihrer Karriere. Bislang standen sie immer an der Spitze, wegen der Mode, der Anzeigen, der Accessoires, der Schaufensterdekoration, sogar wegen der eigenen Kunsthalle. Cool sind der Hang zum Anti-Star in Hollywood wie Lupita Nyong’o, die Werbefilme mit Wes Anderson, der sogar die Bar in der Fondazione Prada eingerichtet hat, der Show Space von Rem Koolhaas. Diese Firma macht die Dinge anders, verspielter, fortschrittlicher, durchdachter. (Und man konnte Geld damit verdienen.) Nun aber ziehen andere vorbei. Alessandro Michele bei Gucci hat mit Geschäftsführer Marco Bizzari eine zweistellig wachsende Modemaschine erschaffen. Solche Zahlen gab es auch mal an der Via Fogazzaro, aber jetzt geht es viel langsamer zu. Wenn Michele seine Männer- und Frauenkollektion zusammen zeigt, dann besteht Miuccia Prada immer noch auf der Unterscheidung und leistet sich einen Auftritt für Männer und einen für Frauen. Und wenn Gucci in phantastischen Stickereien und Verzierungen schwelgt, dann schaltet Miuccia Prada für ihre Herbst- Winter-Männerkollektion einen Gang runter und zeigt mal eine ganz normale Kollektion, ohne tiefere Botschaft in der Silhouette oder im Material. Es gab, schlicht und einfach, braune Cordanzüge und graue V-Ausschnitt-Pullover. Alles ganz simpel: Man kann auch mal ohne Superlative gute Mode machen. Sieht aus wie der Biolehrer aus den siebziger Jahren? Klar. Aber die Schuhe sind viel besser.

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Dries Van Noten Er ist der Designer, der von all seinen Kollegen verehrt wird. Der Modemacher aus Antwerpen denkt nämlich nicht zuerst an sich selbst, sondern an sein Publikum: Fotografen, Einkäufer und die Presse werden mit Snacks und Getränken versorgt, bei Kälte auch mal mit Wärmedecken. Das kommt gut an, weil es seinen Respekt auch für diejenigen zeigt, die ihn womöglich kritisieren. Eine noch größere Leistung: Er hält sich über Wasser, obwohl er nicht zu einem Luxuskonzern gehört und sich auch keine Anzeigenkampagnen leistet. Die allergrößte Leistung: Die Kollektionen sind seit Jahrzehnten to the point. Wenn gerade alle Message-T-Shirts in die Welt tragen, dann macht er das bei den Männern anders: Auf seinen Sweatshirts sind die Namen seiner Stofflieferanten aus Schottland, England oder Japan abgebildet. Mit Defilee Nummer 99 bewegt er sich auf seine 100. Schau zu. Da blickt man auch mal zurück, greift in die Kiste und setzt, passend zum aktuellen Trend, Silhouetten wie aus den Achtzigern ins Werk. Sein erster Look: ein zweireihiger Riesenmantel, der voll im Trend zu Größe und Weite liegt. Van Noten spielt für Herbst und Winter souverän mit Proportionen, scheut sich nicht vor übergroßen, saisongerechten Norwegerpullovern mit Tiermotiven und hat sogar Mods auf seinem Moodboard: Die meisten Models haben eine Topfschnitt-Frisur wie vor 30 Jahren und tragen Doc-Martens-Schuhe zu den hochgekrempelten Jeans und Hochwasserhosen.

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Zegna Die Männermode ist in einer schwierigen Phase, und niemand spürt das mehr als Zegna. Noch vor einigen Jahren wuchsen die Umsätze, weil die neuen Märkte in Russland und China ausgestattet werden mussten. Aber seitdem Normcore und Streetwear die Mode bestimmen, wird es schwieriger, Anzüge zu verkaufen. Die Entwürfe von Designer Stefano Pilati waren schön, aber zu teuer. Und sie wurden nur in wenigen Zegna-Läden verkauft. Immerhin brachte er die Presse ins Haus; davor waren die Laufstegdarbietungen eher von Showroom-Qualität. Nun hat sich Gildo Zegna wieder Alessandro Sartori geholt, der bei ihm seine Karriere begonnen hatte, bevor er zu LVMH ging. Bei Zegna kennt er noch alles. Seine erste Tat: Die besten Stücke seiner ersten Schau sind sofort in allen großen Zegna-Geschäften bestellfertig. Seine selbstbewusste Schau inszenierte er vor der atemraubenden Kulisse einer Anselm-Kiefer-Ausstellung in Mailand. Als Italiener weiß Sartori, dass es um Emotionen geht, wenn man einen Kunden binden will. Auch in den kommenden Saisons will er immer neue Orte für die Schau wählen, um sich frisch zu halten und Aufmerksamkeit zu erregen. Stark war die konsequente Ausrichtung auf Casual-Mode. Viele Looks mit Jogginghose! Bei Zegna sind sie aber natürlich aus Alpaka und Kaschmir gewebt. Sartori bewies auch, dass er die Konstruktion eines Jacketts beherrscht. So nähte er das Innenfutter der Ärmel außen an. Schon dieser kleine Trick sorgte für einen cool dekonstruierten Look.

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Marni Renzo Rosso ist dabei, sein eigenes Modeimperium aufzubauen. Was einst nur eine Jeansmarke namens Diesel war, ist nun ein Reich mit Labels wie Viktor & Rolf, DSquared2, Margiela und Marni. Ist der Ur-Italiener Rosso auch so ein herrischer Chef wie es Patrizio Bertelli von Prada mit Jil Sander und Helmut Lang war? Die beiden schmissen schnell genervt hin, nachdem Bertelli in sie investiert hatte. Gut ging es auch bei Rosso nicht los, denn Martin Margiela verschwand schon nach ein paar Jahren aus seiner Marke. Noch schneller ging Consuelo Castiglione, die so zarte wie durchsetzungsstarke Marni-Designerin, die mit ihrem Mann das Label in ungeahnte Höhen geführt hatte. Für Margiela hat Rosso big name John Galliano engagiert. Zum Marni- Designer bestimmte er Stefano Risso, vorher die Nummer drei bei Prada. Das zeigt, dass Rosso doch eine gute Hand für Talente hat. Denn die erste Männermodenschau von Risso war ein Erfolg. Die ersten zehn Looks der Kollektion schienen sogar noch mehr Marni zu sein, als wenn Castiglione es selbst gemacht hätte. Eigentümliche Farben wie blasses Bordeauxrot, mutige Silhouetten wie extrem hoch sitzende weite Hosen und verspielte Details wie Pelzkäppis und große Gürtel auf Bauchnabelhöhe zeigten, dass Risso ohne Probleme an die Codes des Hauses anknüpfen kann. Und weil er ein Mailänder Hipster ist, gab es am Abend eine coole Dance Party. Stefano Risso hat viel Jetzt in die Kollektion gebracht. Und in der ersten Reihe saßen viele alte Prada-Bekannte.

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 12.03.2017 14:45 Uhr