http://www.faz.net/-hrx-9c1gd

Fashion Week in Berlin : Noch trägt das Kanzleramt keine Loungewear

Die Bundeskanzlerin und ihre Staatsministerin empfangen die Modeszene. Bild: Brian Dowling / Fashion Council Germany

Die Modeszene stellt sich am Freitag zum Gruppenbild mit der Bundeskanzlerin auf – und die Fashion Week endet versöhnlich. Besonders interessiert zeigt sich Angela Merkel an einem Stil.

          Die Staatsministerin für Digitalisierung scheint ehrlich erfreut zu sein am Freitagmorgen im „Bundeskanzlerinnenamt“, wie sie es nennt, als gäbe es gleich mehrere Bundeskanzlerinnen. Für Dorothee Bär, die in der CSU zu Hause ist, klingt eine dramatische politische Woche lieblich aus: Der „Fashion Council Germany“ hat aus Anlass der Fashion Week, die am Freitagabend zu Ende ging, Dutzende Vertreter der deutschen Modeszene zum Gespräch mitgebracht. Die Staatsministerin im Bundeskanzleramt freut sich über die „facettenreiche Schar“. Erst am Morgen war Kabinettssitzung: „Da schaut das Spektrum ein bisschen anders aus.“

          Alfons  Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Dorothee Bär geht es ums Grundsätzliche: die Umwälzungen durch die Digitalisierung. Amazon, Alibaba und Zalando seien Beispiele dafür, wie der Modemarkt aufgemischt werde. Was die Veränderungen in der Produktion betrifft, führt sie, „als Fränkin“, die „Smart Factory“ von Adidas in Ansbach an. Und an Christiane Arp, die Chefredakteurin der deutschen „Vogue“, richtet die Instagram-affine Politikerin die Warnung: „Auch Modemagazine haben nicht mehr das Informationsmonopol.“

          In der Staatsministerin, die sich gern gut kleidet, hat die Szene eine bayerische Schutzpatronin gefunden. Von anderen Politikern habe sie über ihre Nähe zur Mode schon den Rat bekommen: „Mach das nicht. Das schadet!“ Es gebe den ein oder anderen Kollegen, sagt sie, „der lässt sich lieber mit der Atomlobby fotografieren, als mit Ihnen“. Den Händlern, Managern, Designern und Unternehmern ruft sie aber zu: „Sie haben hier eine Heimat!“

          Eine Sache macht Angela Merkel neugierig

          Der „Fashion Council Germany“, der sich als neue Autorität für gute Mode aus Deutschland versteht, hat lange auf diesen Tag gewartet. Womöglich haben bei der neuen Offenheit im Bundeskanzleramt drei befreundete Nationen geholfen: Italien, England und Frankreich. Denn dort ist die Mode nicht nur Wirtschaftsfaktor – sondern als öffentliches Kulturgut anerkannt und mit politischer Bedeutung aufgeladen.

          So hat der damalige italienische Ministerpräsident Matteo Renzi schon mal die Mailänder Modewoche eröffnet und die Pitti-Messe besucht. Im Februar erschien niemand Geringeres als Königin Elisabeth II., damals auch schon 91 Jahre alt, urplötzlich in einer Modenschau in London, noch dazu bei dem damals unbekannten Designer Richard Quinn, der seit dem Tag berühmt ist. Sie übergab ihm den „Elizabeth II Fashion Award“, mit dem jedes Jahr ein Talent der britischen Mode ausgezeichnet werden soll.

          Das wäre doch eine Idee für Deutschland! Eine bessere Kollektion als das quietschbunte Durcheinander von Richard Quinn bekommen in Berlin mehr als ein Dutzend Jungdesigner hin.

          Ein Model auf der Berlin Fashion Week

          Auch Emmanuel Macron könnte deutschen Spitzenpolitikern die Augen öffnen. Gemeinsam mit der Première Dame hatte er im März all jene Modeschöpfer zum Abendessen geladen, die es mit ihrer Schau auf den Kalender der Modekammer geschafft hatten. Die Designer waren begeistert. Der deutsche Modemacher Lutz Huelle, der an diesem Morgen auf der windigen Terrasse des Kanzleramts dabei ist, sagt, er werde nie vergessen, was Macron zur Begrüßung gesagt habe: „Ici, c’est votre maison.“

          Die deutsche Regierung, die sich nicht so gut auf Symbolpolitik versteht, fördert lieber Technikkongresse. Dabei steht mit dem „Fashion Council Germany“ endlich eine Institution bereit, mit der sich ein Wirtschaftsminister oder eine Kulturstaatsministerin beraten könnten. Der „FC Germany“ zog zwar vor Wochen einigen Spott auf sich mit der etwas wichtigtuerischen Pressemitteilung: „Der Fashion Council Germany übernimmt die offizielle Kalenderführung der Berlin Fashion Week.“ Aber andere haben es eben bisher nicht geschafft, eine tragfähige und niveauvolle Woche auf die Beine zu stellen. „Die Kreativwirtschaft ist mit vielen Arbeitsplätzen und Investitionen verbunden“, sagt der Regierende Bürgermeister Michael Müller am Donnerstagabend bei der Schau der Boss-Linie Hugo im Motorwerk in Weißensee. „Das sollte auch ein wirtschaftspolitischer Schwerpunkt sein. Hier geht es um den Standort Deutschland. Wir stehen in internationaler Konkurrenz. Alle werben um die Messen, alle werben um die Shows“, sagt Müller, der sich freut, dass die Marke Boss mal wieder einen großen Auftritt in Berlin hat – der am Ende durch einen Auftritt des Rappers Wiz Khalifa gekrönt wird.

          Zum Fototermin und Kurzgespräch erscheint dann auch die Bundeskanzlerin, die trotz einer nervenraubenden politischen Woche ihren Humor nicht verloren hat: „Sie brauchen nicht denken, dass Dorothee Bär so im Kabinett gesessen hat“, sagt sie über die Staatsministerin, die ein nudefarbenes und kristallbesetzt schimmerndes Kleid und bunte High-Heels trägt. (Die Marken werden übrigens nicht verraten: „Ich darf keine Werbung machen.“)

          Die Bundeskanzlerin kommt noch für zehn Minuten hinaus auf die Terrasse und lässt sich im Schnelldurchlauf über die Lage der Branche informieren. Dass die Modekammern in Paris und London mit Millionbeträgen vom Staat unterstützt werden, macht Angela Merkel neugierig: Von Dorothee Bär erbittet sie eine Aufstellung darüber, welche Länder was und wie fördern.

          Dann lässt sich die Kanzlerin ein paar der Akteure vorstellen – wie Lutz Huelle, die Premium-Gründerin Anita Tillmann und die Moderatorin Tamara Gräfin von Nayhauß. Judith Dommermuth, die Frau des Internet-Milliardärs Ralph Dommermuth, den die Kanzlerin schon kennt, erklärt, dass sie „Loungewear“ entwerfe. Das muss sich Angela Merkel erst mal erklären lassen. Entspannte Pyjama-Mode für zu Hause – das scheint ihr eine schöne Perspektive zu sein. Vorerst muss sie aber zurück ins Büro.

          Weitere Themen

          Nahles will Maaßen-Deal neu verhandeln Video-Seite öffnen

          Koalitionsstreit : Nahles will Maaßen-Deal neu verhandeln

          „Die durchweg negativen Reaktionen aus der Bevölkerung zeigen, dass wir uns geirrt haben“, schrieb Nahles am Freitag an die Vorsitzenden von CDU und CSU, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesinnenminister Horst Seehofer.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.