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Fankultur trifft Mode : Spiel oder Stil?

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Na Logo: Versace versieht seinen Schal mit den eigenen Vereinsbuchstaben. Bild: EPA

Klingt zunächst absurd, aber die Mode entdeckt den Fußballschal. Denn Fankult ist nicht nur im Sport ein Thema. Wo liegen die Gemeinsamkeiten von Boutique und Stadion?

          Freitagabend, etwa 19 Uhr, irgendwo in Deutschland: Der schwarze Fußballschal einer modisch Bekleideten nimmt sich im ersten Moment nicht viel von jenen, die Menschen tragen, welche auf dem Weg ins Stadion sind. Auf ihrem Modell zu sehen sind rote kyrillische Schriftzeichen. Könnte sich um einen Fan von Lokomotive Moskau handeln. Ist die Dame aber nicht, und sie ist auch nicht auf dem Weg zu einem Spiel. Mit dem Schal riskiert sie es ebenso wenig, in angesagten Restaurants abgewiesen zu werden. Sie trägt ein Teil aus der Kollektion, die der russische Modemacher Gosha Rubchinskiy mit Adidas entworfen hat. Ihr Look trifft einen modischen Nerv.

          Ausgerechnet, der Fußballschal also, der nicht nur bei Adidas Tradition hat. „Fanschals sind seit Jahrzehnten fester Bestandteil der Fußballkultur und des Adidas-Sortiments“, sagt Oliver Bechtel, der bei dem fränkischen Sportartikelhersteller für Fußballbekleidung zuständig ist. Über die Zusammenarbeit mit Gosha Rubchinskiy habe man nun versucht, neben den Fußballfans auch jene Streetstyle-Begeisterten zu erreichen. „Während der Fan den klassischen Fußballschal mit seinem Verein verbindet, wird der Gosha-Schal eher als Identifikationsobjekt für modebewusste Trendsetter verwendet.“

          „Er war historisch gesehen der erste Fanartikel überhaupt“

          Die Ästhetik Rubchinskiys könnte nicht besser in das aktuelle modische Klima passen. „Post-Soviet-Style“ wird die Richtung gerne genannt: Männliche Models mit hohen Wangenknochen, frisch von den Straßen Kaliningrads oder Sankt Petersburgs gecastet, tragen raspelkurze Haare, dazu Jogginghosen, Sneaker und Logo-Sweater von Marken, die in den neunziger Jahren besonders beliebt waren – Fila, Champion oder eben Adidas. Die Kollektion erschien im Juli, und mittlerweile ist sie ausverkauft. Lediglich auf Ebay finden sich die Stücke noch, dann zu doppelt so hohen Preisen.

          „Mit Gosha Rubchinskiy zusammenzuarbeiten, lag für uns auf der Hand: Er ist nicht nur einer der einflussreichsten Fashion-Designer, sondern auch tief in der Jugendkultur und im Sport verwurzelt“, erklärt Bechtel. „Diverse Mode- und Streetwear-Labels greifen mittlerweile auf Stilelemente des Fußballs zurück.“ Zwei besonders naheliegende Produkte: das Trikot und der Fanschal.

          Selbstgestrickt statt gekauft: Newcastle-Fans im Jahr 1952 in London bei einem Spiel ihres Vereins gegen den FC Arsenal.

          Den Besuch im Stadion könnten sich viele Fans gar nicht mehr ohne vorstellen, doch ist die Tradition nicht so alt, wie sie vielleicht scheint. Erst in den sechziger Jahren tauchten die ersten kommerziellen Lizenzartikel im Fußball auf – zuvor wurde selbst gestrickt. Anfang der neunziger Jahre begann dann der Merchandising-Boom, der bis heute anhält. Im vergangenen Jahr erzielte die Bundesliga laut dem Fanartikel-Barometer – einer jährlich von Peter Rohlmann, Geschäftsführer der Agentur PR-Marketing, herausgegebenen Studie – damit etwa 270 Millionen Euro. Das entspricht einem Einzelhandelsumsatz von knapp 600 Millionen Euro.

          Der Schal nimmt dabei eine besondere Position ein: „Er war historisch gesehen der erste Fanartikel überhaupt“, sagt Peter Rohlmann. „Deshalb genießt er auch heute noch einen besonderen Kultstatus. Zudem ist er viel preiswerter als ein Trikot und hat einen funktionalen Nutzen – er wärmt.“ Und er symbolisiert seit Jahrhunderten Zugehörigkeit, da er traditionell in militärischen und religiösen Sphären zum Einsatz kam. Er bietet sich also auch heute noch für Botschaften und Bekenntnisse an, auch für jene politischer Natur. Der Modemacher Demna Gvasalia zum Beispiel nutzte ihn, um Flagge zu zeigen. Beim Modehaus Balenciaga, wo er als Chefdesigner verantwortlich zeichnet, schickte er ein Modell mit Logo der Marke über den Laufsteg, das an die Wahlkampfplakate von Bernie Sanders erinnert.

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