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Modegeschichte : Porträt des Künstlers als junger Mann

Schwedin? Engländerin? An die Identität des weiblichen Models kann sich niemand der Beteiligten so genau erinnern. Auch ihr damals 26 Jahre alter Kollege nicht. Bild: F.C. Gundlach

Ist er es? Oder ist er es nicht? Diese Fotos, die F. C. Gundlach in seinem Archiv entdeckt hat, zeigen einen unbekannten Star. Er war jung und brauchte das Geld.

          Der Fotograf sagt: „Wir haben die Aufnahmen wohl in Paris gemacht.“ Das männliche Model sagt: „Wir haben die Fotos wahrscheinlich in Hamburg gemacht.“ Der Fotograf meint: „Das Mädchen war eine Schwedin.“ Das männliche Model ist überzeugt: „Das Mädchen war eine rothaarige Engländerin.“

          Alfons  Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Je genauer man sich zu erinnern versucht, desto mehr verschwimmt die Geschichte im Strom der Zeit. Je länger man auf die beiden Fotos schaut, desto ungenauer wird das Bild, das die Hauptakteure jahrzehntelang im Kopf hatten. So viel ist immerhin klar: Das Bild ist wirklich im Jahr 1971 entstanden, wie es im Archiv geschrieben steht. Und auch das ist klar: Mann und Frau, die einander innig zugetan sind, tragen Pelzmäntel für Modeaufnahmen. Das ist immerhin mehr, als man über die meisten Fotos sagen kann, die im Jahr 1971 aufgenommen wurden.

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          Nicht zuletzt und vor allem: Der Fotograf war und ist F.C. Gundlach, also Franz Christian Gundlach, geboren am 16. Juli 1926, damals also schon 45 Jahre alt, denn die Fotos sind wahrscheinlich im August entstanden. „Das Irre war ja“, sagt Gundlach, in seiner Villa in Hamburg sitzend, mittlerweile 89 Jahre alt, „dass ich die Pelze immer nach den Schauen bei Sommerhitze fotografieren musste.“ So wollte es die Modesaison, die sich schon damals rechtzeitig auf Herbst und Winter einrichtete.

          Deutsche Fotografie International unterbewertet

          In seinem Haus in Harvestehude hütet F.C. Gundlach einen Schatz, wie es ihn in der deutschen Mode kein zweites Mal gibt. Abertausende Bilder aus seinen mehr als 60 aktiven Jahren arbeitet er mit Hilfe von Kunsthistorikern und studentischen Hilfskräften auf. Und weil er schon einmal dabei ist, hilft er gleich auch noch anderen Fotografen. In den vergangenen Jahrzehnten hat er eine der bedeutendsten privaten Fotosammlungen aufgebaut. „Ungefähr einmal im Monat bekomme ich das Archiv eines weiteren Fotografen angeboten“, sagt er. Mit seiner „Stiftung F. C. Gundlach“ macht er seine Sammlung öffentlich und will auf diese Weise auch fotohistorisch etwas bewirken: „Die deutsche Fotografie ist international noch immer unterbewertet. Das kann man ändern.“

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          Mit seinen eigenen Werken geht er dabei streng ins Gericht. Alles, was er seit 1952 fotografiert hat, wird aufgearbeitet. Angelangt ist er nun, im Herbst 2015, gerade einmal in der Mitte der sechziger Jahre. Drei Kategorien gibt es für die Bilder: A - werden beschriftet; B - werden aufgehoben; C - werden vernichtet. „Die Reduktion ist ein täglicher Kampf“, sagt Gundlach. Die Fotos des männlichen und weiblichen Models im Pelz, die er zufällig im Bestand fand, gehören in die Kategorie A.

          F.C. Gundlach hat kommerziell und redaktionell fotografiert, im Freien oder im Studio, inszeniert und natürlich. Das internationale Flair in seinen Bildern verdankte er guten Beziehungen zur Lufthansa. Honorare für Fotos, die er für die Fluggesellschaft machte, ließ er sich in Form von Flügen auszahlen. Kein Wunder, dass er Mode an den Pyramiden inszenierte, in Südamerika oder Asien.

          Und manchmal eben einfach nur im Studio. Die Pelz-Fotos - von dem Shooting sind bisher nur diese beiden Abzüge aufgetaucht - sind nicht untypisch für den Fotografen. „Ich habe 10.000 Pelze fotografiert“, erzählt Gundlach gutgelaunt. „Unendlich oft, ungefähr zehn Jahre lang.“ Und das war schwierig genug: „Denn Pelze haben Volumen, aber keine Form.“

          Pionier der Modefotografie

          Schon seit seiner Fotografenausbildung, die er im Jahr 1949 abschloss, hatte Gundlach in „Film-Revue“, „Funk-Illustrierter“ und „Gong“ veröffentlicht und Starporträts oder Modeberichte für „Elegante Welt“, „Film und Frau“, „Stern“ und „Brigitte“ bebildert. Als einer der Ersten führte er Reportage-Elemente in die bis dahin recht statische Modefotografie ein. Für eine Pelz-Geschiche im Studio, keinen besonders aufregenden Auftrag, nutzte er diese Erfahrungen. „Ich habe versucht, Geschichten zu erzählen. Damit die Bilder nicht zu steif werden.“

          Mit diesen Fotos ist es ihm gelungen. Die beiden Protagonisten scheinen durch romantische Bande miteinander verbunden zu sein. Der Blick ist sanft bis anheimelnd, die Pose kuschelig bis verliebt, die Haltung vertraut bis verträumt. Vielleicht trägt dazu auch die Technik bei. „Am liebsten habe ich immer mit Kleinbildkamera und kurzer Brennweite fotografiert“, sagt Gundlach. „Das sorgte für eine größere Tiefe im Bild.“

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