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Espadrilles : „Das können wir, Monsieur Saint Laurent“

  • Aktualisiert am

An berühmten Füßen: Cary Grant und Grace Kelly in Espadrilles zum Schnüren von Castañer. Bild: Castañer

Espadrilles sind die Trendschuhe des Sommers, und die spanische Familie Castañer gehört zu den traditionsreichsten Herstellern.

          Die Familie Castañer fertigt unter eigenem Namen und für große Modehäuser. Rafael Castañer spricht mit uns über das Nationalprodukt.

          Über den ehemalig typischen Arbeiterschuh

          Ursprünglich waren Espadrilles typische Arbeiterschuhe der spanischen Bevölkerung auf dem Land. Sie zeichnen sich durch einen leichten Canvasstoff aus und eine Sohle aus gestrickter Jutefaser, die dem Schuh auch den Namen verliehen hat. Aus „Espadogras“ werden in Spanien Seile gesponnen.

          Über Schuhe als Kriegsnotwendigkeit

          Mein Großvater entwickelte 1927 erstmals Maschinen, die eine industrielle Herstellung der Sohle und des kompletten Schuhs ermöglichten. Daraufhin gründete er das Familienunternehmen Castañer. Bald hatte er 150 Mitarbeiter und erschloss einen ganz neuen Zweig der Textilindustrie. Während des Spanischen Bürgerkriegs wurde die Firma jedoch vom Militär enteignet, denn die Schuhe für die Soldaten aus den ländlichen Regionen waren als Kriegsnotwendigkeit eingestuft worden. Später brachte auch die „Sozialrevolution“ viele Leute dazu, die kleineren Dörfer zu verlassen: Sie gingen in die Städte und benötigten dort kein leichtes Schuhwerk mehr. Fast wäre mein Großvater damals mit Castañer bankrottgegangen.

          Entwirft Männermodelle: Rafael Castañer
          Entwirft Männermodelle: Rafael Castañer : Bild: Simone Galstaun

          Über eine Begegnung mit Yves Saint Laurent

          In den sechziger und siebziger Jahren waren die Espadrilles noch flach. Die Hippies auf Ibiza und Mallorca trugen sie, aber auch in den skandinavischen Ländern entwickelte sich langsam ein Absatzmarkt, dort wurden Espadrilles zu Hausschuhen umfunktioniert. Trotzdem war es immer noch eine schwere Zeit. Meine Eltern Lorenzo und Isabel fuhren daher 1970 zur Schuhmesse nach Paris, um ihre Produkte neuen Einkäufern zu präsentieren. Zu ihrem Stand kamen zufällig drei Männer, die auf der Suche nach einem Produzenten für eine Espadrille mit Keilabsatz waren. Kein Hersteller aus Südfrankreich hatte diese bisher fabrizieren können. Meine Mutter erkannte einen der drei Männer sofort: Es war Yves Saint Laurent. „Ja, das können wir“, versprach mein Vater, ohne jegliche Kenntnisse über die Herstellung. Doch in diesen schwierigen Zeiten nutzte er jede Möglichkeit, um neue Aufträge zu bekommen. Er versprach meiner sehr nervösen Mutter: „Du sagst, dass dieser Mann wichtig ist, also werden wir das schaffen.“ Zurück in Spanien gelang es mit der Hilfe eines befreundeten Schreiners, das erste Paar Wedge-Espadrilles aus Kork herzustellen. Für eine zweite Reise nach Paris hatten meine Eltern jedoch kein Geld. Sie gaben das Paket mit den Musterstücken auf gut Glück einem Zugschaffner am Bahnhof ihres Heimatortes Banyoles, der es gegen ein paar Münzen Herrn Yves Saint Laurent überreichen sollte. Das Risiko hat sich gelohnt, denn dann ging es los. Durch die Zusammenarbeit mit Yves Saint Laurent sind auch andere Designer wie Kenzo oder Fiorucci auf uns aufmerksam geworden, dazu kam unser eigener Vertrieb, und schlussendlich hieß das für die Produktion: eine Saison - eine Millionen Schuhe. Über die Jahre sind so weitere Aufträge für große italienische, französische und spanische Modehäuser entstanden.

          Über die Kollektionen eines Sommerschuhlabels im Winter

          Seit über vierzig Jahren sind wir nun ein stabiles Unternehmen. Seit 1993 eröffnen wir eigene Läden - in Städten wie Paris, Tokio oder Saint Tropez. Als Firma mit einer global kaufenden Kundschaft müssen die Regale unserer Läden auch im Winter voll sein, und unsere Arbeiter müssen das ganze Jahr über bezahlt werden. So erweiterten wir vor gut zwanzig Jahren unsere Produktpalette um Lederschuhe und Taschen. Das Kerngeschäft sind aber immer noch die Espadrilles für die eigene Marke und die Arbeit als Produzent für andere.

          Mit Absatz: Der erste Kunde hieß Yves Saint Laurent.
          Mit Absatz: Der erste Kunde hieß Yves Saint Laurent. : Bild: Simone Galstaun

          Über die Mutter, die einst Yves Saint Laurent erkannt hat

          Auch heute noch sitzt meine Mutter Isabel in unserem Designteam. Sie ist zwar bereits achtzig Jahre alt, kommt aber jeden Tag in die Firma und ist hier der Boss. Ihr gutes Auge ist eine wichtige Konstante, wie es natürlich die Maschinen meines Großvaters sind, mit denen wir auch heute noch jeden einzelnen Schuh herstellen. Ich bin für das Design der Männerschuhe verantwortlich. Schon als Jugendlicher habe ich angefangen, im Unternehmen zu arbeiten. Zuerst fuhr ich den Lieferwagen mit den Materialien für die Schuhherstellung von A nach B, als Nächstes war ich im Vertrieb tätig und studierte dann Modedesign in Mailand.

          Über die Stärken von Spanien, selbst in der Wirtschaftskrise

          Die stärksten Märkte sind trotz Wirtschaftskrise immer noch Spanien, Italien und Frankreich. Die Modekultur spielt in diesen drei Ländern eine große Rolle. Ich finde es immer wieder faszinierend, dass es in jedem kleinen Dorf in Italien ein Modegeschäft gibt, das Schuhe von Christian Louboutin oder Handtaschen von Prada im Sortiment hat. Mode ist dort das Statussymbol, während in Deutschland eher einem Haus oder Auto ein höherer Stellenwert zugeschrieben wird. Auf dem asiatischen Markt etablieren wir uns gut, produzieren werden wir dort aber nicht.

          Über die Espadrille als Trendschuh

          Sie hat etwas sehr Natürliches. Espadrilles kombinieren schlichte Eleganz mit handwerklicher Tradition.

          Protokolle von Kiki Albrecht.

          Quelle: F.A.S.

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