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Kleine Theorie zur Hornbrille : Durchblick ist keine Frage des Alters

  • -Aktualisiert am

Im Winter hat sich Maja Maric dieses auffällige Modell von Apollo angeschafft. Wichtiger als die Form war der Studentin, die ihr Staatsexamen fürs Grundschullehramt absolviert, die Farbe. Bild: Helmut Fricke

Unser Autor, der Soziologie lehrt, erkennt in Hornbrillen generationenübergreifende Weitsicht. Wir illustrieren die kleine Theorie des dicken Gestells mit Fotos von Studenten vor seinem Frankfurter Institut.

          Die normative Erosion zeige sich in vielen beklagenswerten Erscheinungen des Alltagslebens. Kognitive Unsicherheit und moralische Ambivalenz zählten zu ihren Folgen. So das Urteil vieler Zeitgenossen, die sich mit pessimistischer Emphase in die Phantasie versteigen, früher sei alles besser gewesen. Übersehen werden dabei die Vorteile einer elastisch gewordenen Kommunikationskultur, die sich von starren Fronten des Entweder-Oder entfernt. In keinem Handlungsbereich zeigt sich das so anschaulich wie in der Deutung des Alterns und im Verhältnis der Generationen. Veränderungen im Zeitgefühl lassen sich an den kleinen Dingen ablesen - zum Beispiel an den Moden der Brillengestelle.

          Der ewige Mythos der Moderne, der Elan der Jugendlichkeit, verliert an Geltungskraft. Es wäre übertrieben zu behaupten, dass die Jugend ihren Vorsprung an Innovationsversprechen, Risikobereitschaft und Belastungsstärke gegenüber den Alten eingebüßt hätte. „Marry me“, das rasch hingekritzelte Schild, das eine Gruppe von jungen Männern hochhält, gilt schließlich einer hübschen jungen Frau, deren figurbetonter Auftritt (so die Botschaft) mit Vitaminjoghurt erst möglich wurde - und die auch einer Reihe ebenso sportiver Kandidaten imponiert.

          Die Hornbrille löst ein Versprechen ein

          Dennoch sind die normativen Zumutungen verblasst, die mit dem Jungsein und dem Älterwerden verbunden sind. Das Alter ist als ein Lebensabschnitt rehabilitiert, bis hin zur symbolischen Konnotation mit einem Neuanfang. Vorbei sind die Zeiten, als man die schrumpfende Sehfähigkeit und die unausweichliche Brille mit Gestellen auffing, die im Gesicht wie gar nicht vorhanden wirkten, zum Verschwinden gebracht, leicht vom hauchdünnen Material, das den durchsichtigen Gläsern einen kaum wahrzunehmenden Halt zu verleihen versprach.

          Transparente bis unsichtbare Gestelle trugen dazu bei, die Hinfälligkeit als Peinlichkeit des Älterwerdens zu mildern, zudem getröstet von der elementaren seelischen Gewissheit, dass es doch stets die Augen sind, denen das Gegenüber seine Aufmerksamkeit widmet. An die Stelle getreten ist seit geraumer Zeit die Kantigkeit pointierter Ausdrucksstärke, unterstrichen durch das dunkle Brillengestell, in den Materialvarianten des lebendig reif changierenden Horns oder in der unerschrocken positivierten Artifizialität des verfeinerten Kunststoffs, den Plastik zu nennen sich verbietet. Das Prothetische der Brille wird hierbei transzendiert in ein Versprechen, in die Aura eines entschlossenen Blicks, dem nichts entgeht. Sie promoviert den Träger der Brille zu einem gegenwartszugewandten Zeitgenossen.

          Die Hornbrille adelt ihren Träger

          Vorbei sind die Zeiten, in denen die dunkle Brille Sinnbild einer ins Tolpatschige gehenden Unbeholfenheit war. Das Outfit des Stubenhockers und lustfeindlichen Asketen wurde prägnant von Evelyn Hamann in Loriots Alltagsszenen aufgeführt. Nur dem legendären Buddy Holly, einem der Pioniere der Popmusik, legte man seinerzeit das schrullig markante pechschwarze Gestell als Ankündigung aus, auch bei derartig neuen Klängen gehe es letztlich doch mit rechten Dingen zu - ein Kompromiss der Sinndimensionen.

          In der nachdenklichen Intellektualität des Brillenträgers Woody Allen gelang es sogar, dem dunklen Gestell die Assoziation erotischer Sinnenferne zu nehmen. Im modernen Design, unübersehbar im Gesicht als dem „geometrischen Ort der inneren Persönlichkeit“ (Georg Simmel), liefert die Brille das Symbol des klugen Kopfes - eine Ästhetik, die sich der Funktionalität des klaren Blicks auf die Dinge unterwirft, auf die allein es ankomme.

          So adelt die Hornbrille ihre Träger und unterstreicht die Entschlossenheit, sich von Äußerlichkeiten nicht ablenken zu lassen. Diese Paradoxie hebt die Stärke hervor, um die es hier geht. Die Wirkungskraft wird nicht mehr übers Alter unterstrichen. Eine Brille zu tragen birgt die Gefahr, das Gesicht und die Individualität zur Pose erstarren zu lassen. Das dunkle Gestell macht aus der Not eine Tugend. Das Kantige verbürgt den Auftritt der Person mit dem Gütesiegel der Geistigkeit. Die Strenge der Realitätsprüfung hat sich von Generationen emanzipiert. Durchblick ist keine Frage des Alters mehr.

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin

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