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Dirndl im Trend : „Junge Menschen tragen Tracht mit Stolz“

  • -Aktualisiert am

Das Phänomen Tracht: In einer Woche wieder gut zu beobachten auf der Wiesn. Bild: dpa

Markus Höhn und Ralph-Michael Nagel vom Münchner Traditionshaus Lodenfrey sprechen über die Beliebtheit von Dirndl und Lederhose – und das Oktoberfest in Zeiten des Terrors. Außerdem verraten sie, in welchen Ländern die Menschen besonders verrückt nach Dirndln sind.

          Das Oktoberfest steht vor der Tür. Ihre Trachtenabteilung ist über die Grenzen von München bekannt. Wie viel Geschäft machen Sie in dieser Zeit?

          Markus Höhn: Viel, es ist unglaublich, was da in den ersten zehn Tagen der Wiesn vor sich geht. In dieser Zeit haben wir dreimal so viele Mitarbeiter auf der Trachten-Fläche. Am Samstag kommen zwischen 7000 und 8000 Besucher.

          In dieser Zeit erleben Sie doch sicher die ein oder andere nette Anekdote?

          Es gibt wirklich extreme Wiesn-Fans. Wir haben ein Ärzte-Ehepaar aus Dortmund als Kunden, die kommen jedes Jahr an allen drei Wiesn-Wochenenden angereist und kleiden sich für jeden Besuch komplett neu ein. Vergangenes Jahr wollten russische Kunden direkt vom Flughafen zum Oktoberfest. Also sind Mitarbeiter von uns mit dem Taxi mit einer Auswahl an Outfits und der Nähmaschine auf dem Schoß zum Flughafen gefahren. Vor Ort wurde dann direkt abgesteckt und alles passend gemacht.

          Gibt es ein typisch russisches Dirndl? Ein amerikanisches oder europäisches?

          Die Russen lieben es grundsätzlich etwas auffälliger und glitzernder. Ansonsten ist es eine sehr individuelle Angelegenheit. Besonders verrückt nach Dirndl und Lederhose sind die Italiener, die Amerikaner nicht so stark. Es kommt allerdings immer wieder vor, dass deutsche Unternehmen ihre amerikanischen Geschäftskunden einladen und dann freitags der Anruf kommt: Morgen schicken wir Ihnen dreißig Kunden, die eingekleidet werden müssen.

          Und das kriegen Sie auch immer hin?

          Wir versuchen alles möglich zu machen. Als ich kürzlich morgens auf dem Weg zur Arbeit war, erhielt ich einen Anruf, dass heute Nacht eine Mail von Arnold Schwarzenegger einging, in der er sich für neun Uhr ankündigen ließ. Da haben wir in einer Stunde zwei Mitarbeiter organisiert und eine Stunde früher für Schwarzenegger aufgemacht. Als Österreicher ist Schwarzenegger auch ein großer Trachten-Fan.

          Lodenfrey-Geschäftsführer Markus Höhn und Gesellschafter Ralph-Michael Nagel.
          Lodenfrey-Geschäftsführer Markus Höhn und Gesellschafter Ralph-Michael Nagel. : Bild: Hersteller

          Tracht ist seit einiger Zeit wieder angesagt. Wie wichtig ist das Thema im Vergleich zu vor zehn Jahren für Sie?

          Extrem wichtig. Wir haben hier in den vergangenen Jahren sicher um 50 Prozent zugelegt. Allerdings sind auch Modemarken inflationär auf den Zug aufgesprungen und haben Trachten produziert, was nur bedingt funktioniert hat. Daran glaube ich nicht mehr.

          Vergangenes Jahr war das Oktoberfest schlechter besucht. Das müsste an Ihnen auch nicht spurlos vorübergegangen sein?

          2016 hatte die Wiesn rund zehn Prozent weniger Besucher, das spüren wir natürlich auch, wenn auch nicht in demselben Umfang. Wenn Regina Sixt ihre Wiesn-Einladung absagt, sind das 2000 Frauen, wovon ein Großteil bei uns normalerweise ein neues Dirndl kauft. Das geht natürlich nicht spurlos an uns vorbei.

          Denken Sie, dass das Oktoberfest in diesem Jahr ähnlich schwach besucht sein könnte wie 2016? Die Gefahr vor Anschlägen ist ja unverändert hoch.

          Sehen Sie, vergangenes Jahr war die Wiesn in der ersten Woche deutlich schlechter besucht. Aber diejenigen, die kamen, waren dann positiv überrascht von der guten und reibungslosen Organisation. Manche fanden das Oktoberfest wegen der etwas geringeren Frequenz sogar charmanter. Das hat sich herumgesprochen, und die zweite Woche war schon wieder deutlich besser besucht. Die Menschen wollen an liebgewonnenen Gewohnheiten festhalten.

          Frauen in Dirndln präsentieren Ende August die neuen Oktoberfest-Krüge.
          Frauen in Dirndln präsentieren Ende August die neuen Oktoberfest-Krüge. : Bild: AFP

          Wie erklären Sie sich diesen langanhaltenden Trachten-Boom? Ist das Ausdruck eines neuen Heimatgefühls?

          Dieser Trend hängt sicher auch ein Stück damit zusammen, dass der Wunsch nach Tradition und Geborgenheit in unruhigen Zeiten wächst. Gerade junge Menschen tragen hier in München mit Stolz Tracht. Hinzu kommt, dass das Thema heute ja auch sehr ansprechend geworden ist.

          Wie viel muss ich bei Ihnen für ein Dirndl ausgeben?

          Für ein vernünftiges Dirndl müssen Sie mit 300 Euro rechnen. Nach oben gibt es keine Grenzen.

          Trachten sind für Sie nur ein Standbein. Sie führen auch hochwertige Damen-, Herren- und Kindermode.

          Wir haben vor 15 Jahren entschieden, dass wir das erste Haus am Platz werden möchten. Lodenfrey war schon immer ein tolles Modeunternehmen, aber wir haben damals einige Marken nicht mehr erreicht, weil wir vom Ladenbau nicht mehr so ganz am Puls der Zeit waren. Also haben wir angefangen, das Haus Stück für Stück zu drehen. Wenn man unsere Umsatz- und Ergebnisentwicklung anschaut, war es eine kluge Entscheidung, sich aus dem Brei der Mitte abzuheben.

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