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Kölner Möbelmesse : Wohnen für alle

Mit Anziehungskraft: „Gravity Stool“ Bild: Jólan van der Wiel

Essen, schlafen, baden, ankleiden, kochen, arbeiten: Auf der „imm Cologne“ werden alte Designgrößen wiederentdeckt. Die Kölner Möbelmesse zeigt erste Trends des Jahres.

          Die Anziehungskraft macht’s möglich: Der Niederländer Jólan van der Wiel rührt in eine Masse aus von ihm entwickeltem Kunststoff sechs Kilogramm Eisenspäne. Mehrere große Magnete, eingespannt in eine Maschine, besorgen den Rest. Die Masse wird auseinandergezogen und erstarrt schnell zu einer Art Hocker, den van der Wiel nach den Kräften, die auf das Objekt eingewirkt haben, „Gravity Stool“ nennt. „Er hält bis zu 200 Kilogramm Gewicht aus“, sagt der Sechsundzwanzigjährige. Für sein ungewöhnliches Projekt, das der gerade fertig gewordene Designstudent als Abschlussarbeit an der Gerrit Rietveld Academie in Amsterdam vorgelegt hat, bekam er auf der Kölner Möbelmesse den ersten Preis des „Interior Innovation Award“ für junge Talente.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Es tut sich was, auch auf der vielgescholtenen „imm Cologne“. Jahrelang gingen die Aussteller- und Besucherzahlen zurück, das Innovative fehlte, das Interesse an einer Schau nur wenige Wochen vor dem viel wichtigeren und größeren „Salone Internazionale del Mobile“ in Mailand ebenso. Vor allem blieben die „Italiener“ weg. Und gerade die auf der ganzen Welt tonangebenden Hersteller jenseits der Alpen gelten als Gradmesser, ob eine Messe gut läuft und ob sie gut ankommt. So können die Kölner von den alten Zeiten noch immer nur träumen. Vor zehn Jahren hatte die Einrichtungsschau noch 1500 Aussteller und 150.000 Besucher, dann kam der Einbruch um ein gutes Drittel. Mittlerweile wächst das Interesse wieder: In diesem Jahr zählen die Verantwortlichen immerhin rund 1150 Aussteller, ein Plus von 13 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, aus 54 Ländern. Rund 115.000 Besucher aus fast 120 Ländern kamen bis zum Abschluss der Messe am Sonntagabend.

          Üppig und rund: Wie eine opulente Skulptur wirkt „Bao“ (für Walter Knoll) vom Wiener Designkollektiv Eoos. Der Rücken besteht aus feinem Leder, der Sitz aus grobem Stoff. Das Fauteuil lässt sich drehen. Bilderstrecke
          Üppig und rund: Wie eine opulente Skulptur wirkt „Bao“ (für Walter Knoll) vom Wiener Designkollektiv Eoos. Der Rücken besteht aus feinem Leder, der Sitz aus grobem Stoff. Das Fauteuil lässt sich drehen. :

          Man lockt, und Haupt-Design-Event auf dem Messegelände ist „Das Haus – Interiors on Stage“. Zwei Designer mit Sitz in London, Nipa Doshi und Jonathan Levien, haben es gestaltet und dabei vor allem die „Funktionszonen“ des täglichen Lebens aufgebrochen. Essen, schlafen, baden, ankleiden, kochen, arbeiten – die Übergänge bei Doshi Levien sind fast fließend. Das ist interessant, besonders wenn man die Chance hat, sich länger mit dem Konzept zu beschäftigen. Spannender aber ist es zu sehen, welche Objekte die beiden aus der Designgeschichte für die Inneneinrichtung ausgewählt haben – darunter Klassiker wie George Nelsons „Marshmallow Sofa“ mit buntem Smartie-Sitz und -Lehne oder Achille und Pier Giacomo Castiglionis „Arco Floor Lamp“ mit Metallschirm am langgebogenen Hals und Marmorfuß.

          Die Wiederentdeckung alter Designgrößen ist ein Trend. Ligne Roset zum Beispiel führt die Pierre Poulin-Serie fort und stellt jetzt die Sitzmöbel „Élysée“ von ihm vor, die der Franzose 1971 für den Rauchersalon seines Staatspräsidenten Georges Pompidou im Élysée-Palast entworfen hat. Daneben steht der neu aufgelegte Schaukelstuhl „Dérive 2“, den Frau Pompidou bei Paulin 1985 in Auftrag gab, um ihn nur als Einzelstück dem Komponisten Pierre Boulez zum 60. Geburtstag zu schenken.

          Stillsitzen ist nicht gesund

          Geschaukelt wird übrigens an fast jedem Messestand: Kaum ein Stuhlmodell, das nicht auch mit abgerundeten Kufen angeboten wird. Stillsitzen ist nicht gesund, wer sich bewegt, tut seinem Körper Gutes. Auch der schlichte Hocker, der ohne Lehne zum Geradehalten zwingt, ist modern. Ein schönes Beispiel: der Vierbein-Hocker des dänischen Ehepaars Tove und Edvard Kindt-Larsen. Den Entwurf von 1957, dessen runde Sitzfläche mit Leder gepolstert ist, hat das dänische Unternehmen Onecollection wieder auf den Markt gebracht.

          Im Trend sind auch ultraschmale Möbel, wie etwa der Sekretär „Flatmate“ von Michael Hilgers (für Müller Möbelwerkstätten). Er presst sich dicht an die Wand und hat im geschlossenen Zustand eine Grundfläche von gerade mal 0,09 Quadratmeter. Ein Muss sind zudem Möbel, die drinnen wie draußen eine gute Figur abgeben. Richard Lampert, der Produzent aus Stuttgart, hat sich in diesem Jahr völlig dem „Living Outdoor“ gewidmet. Ein herren- und namenloser Klappstuhl wohl aus den sechziger Jahren, den Alexander Seifried im Hinterzimmer einer Kneipe fand, inspirierte den Designer zu einer besonders schönen Arbeit: Sein Möbel besteht aus einem faltbaren Stahlgestell, die Armlehnen sind aus massiver Eiche, der Bezug ist ein mit farbigen Gurten eingefasstes wetterbeständiges Polyester-Netzgewebe. Und weil der neu interpretierte Stuhl amerikanisch-militärisch anmutet, hat ihn Seifried nach der Antikriegssatire der siebziger Jahre von Regisseur Robert Altmann „Mash“ benannt.

          Quelle: F.A.Z.

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